ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Umgang mit Impfverweigerern: Deutsche Diskussionen

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Umgang mit Impfverweigerern: Deutsche Diskussionen

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Pandemien sind – schon qua Definition – ein globales Problem. Trotzdem zeigen Nationalstaaten im Umgang mit COVID-19 – vielleicht abgesehen von rein medizinischen Sachfragen – kulturell oder politisch bedingte Eigenheiten. Aktuelles Beispiel ist der Umgang mit Impfskeptikern, -gegnern oder -verweigerern. Um diese zur Impfung gegen Corona zu bringen, werden ebenso kuriose wie rigorose Maßnahmen getroffen: In den USA lockt man „Impfmuffel“ mit hoch dotierten Lotterielosen oder Joints, in Russland gibt es Einkaufsgutscheine, in Indonesien bei Verweigerung Gefängnis. In nicht wenigen Industriestaaten reagieren Unternehmen mit Beschäftigungssperren auf Impfverweigerer.

Hierzulande ist das anders: Wir bleiben dem Gedanken größtmöglicher Liberalität verbunden. Die Mehrheit der Bevölkerung will keine Impfpflicht. Aber funktioniert das „Laisser-faire“?

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In den ausführlichen Diskussionen reicht der bunte Strauß an Maßnahmen von Alltagsnachteilen („Sie kommen hier nicht rein!“) bis zur Gewährung von Prämien (von Fahrrad bis Freibier) oder anderen Anreizen für die Menschen, die eine andere Sicht der Dinge haben. Konsequenzen für Verweigerer, wie sie von einzelnen Interessenvertretern aus der Ärzteschaft durchaus vorgeschlagen werden – zum Beispiel die private Kostenübernahme bei der Testpflicht Nichtgeimpfter – fassen im Wahlkampfmodus agierende Politiker bisher eher mit spitzen Fingern an.

Wenn Impfpflicht nicht der Weg ist, muss es darum gehen, die Skeptiker zu überzeugen. Instrument der Wahl ist Kommunikation. Die aber kostet Zeit – und Geld. In den auf Massenabfertigung bauenden Impfzentren wird das nachvollziehbar schwierig. Funktionieren könnte das in den Arztpraxen. Dann müssten Aufwand und Ergebnis aber in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Pragmatisch, praktisch und angemessen, so lautet das Gebot.

Im Weg steht dabei aber auch unser obligatorischer Anspruch, in öffentlichen Diskussionen alle Dinge „groß zu denken“: Sofort geht es um Gerechtigkeit, Benachteiligung, um Freiheit oder Zwang, Selbstverantwortung oder Solidarität. Richtige Antworten darauf sind aber nie schnell zu finden. Dabei drängt die Zeit, jetzt in einer guten Phase niedriger Fallzahlen Wege zu entwickeln, wie der Umgang mit COVID-19 künftig zu laufen hat, wie ein Alltag mit SARS-CoV-2 aussehen kann, wie man mit Skeptikern umgeht. Sicher ist: Ein schon immer vorhandener Rest an Impfgegnern wird bleiben, lässt sich wohl kaum überzeugen.

Natürlich haben Soziologen, Historiker, Psychologen und -therapeuten gute Ideen, warum Menschen mit dem rettenden Stich hadern. Sie wollen durch verbesserte Kommunikation die Misere abwenden. Aber obwohl jeder, „der nicht geimpft ist, Corona bekommt“, so jedenfalls argumentiert Virologe Prof. Dr. med. Christian Drosten gegen Leichtfertigkeit, verfängt sachliche Argumentation nicht bei allen.

Es ist leichtfertig, nicht daran zu denken, dass es Menschen gibt, die (noch) nicht geimpft werden können: Kinderärzte appellieren zu Recht an die Verantwortung der Erwachsenen, sich selbst impfen zu lassen, um ihre eigenen Kinder zu schützen. Und natürlich sind wir in der Verantwortung für die keineswegs geringe Zahl kranker Menschen, die gern geschützt wären, aber nicht erfolgreich geimpft werden können.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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co_ed
am Mittwoch, 11. August 2021, 18:15

Impfanwärter - Politik als Trittbrettfahrer

Die Bundesparteien in der Opposition setzen auf Kooperation der Impfanwärter in spe.
Werbung, positive Anreize und Argumente der Vernunft, so FDP, LINKE oder GRÜNE statt kostenpflichtiger Schnelltests.

Zu welchem Maß der Kooperation die Mitmenschen fähig sind, zeigt die Umsetzung der AHA-Regeln. Wenn immer wieder die Inzidenz anstieg, dann war es grundsätzlich ein Mangel und Versagen der Kooperation. An einer widersprüchlichen Auslegung der AHA-Regeln und so Verwirrung stiftend war maßgeblich die Politik beteiligt.

Die Impfung verhindert nicht die Ausbreitung der Virus-Mutanten.

Wer jetzt wie die Opposition argumentiert, hat sich als Trittbrettfahrer zweiter Ordnung geoutet: Immer Gutes tun und auf die Bestrafung von Unkooperativen verzichten.

Zur Unterscheidung der Trittbrettfahrern ersten und zweiten Grades siehe
 
 
BRIEFE
Ökonomisierung: Breite Diskussion erwünscht
Dtsch Arztebl 2017; 114(50): A-2420 / B-2010 / C-1964

https://www.aerzteblatt.de/archiv/195405/Oekonomisierung-Breite-Diskussion-erwuenscht

Avatar #615036
co_ed
am Donnerstag, 29. Juli 2021, 21:13

Impfgegner. Deutliche Worte von Verhaltensforscher

Der Verhaltensforscher Armin Falk schildert Teilaspekte eines Trittbrettfahrer-Problems. Bei der Bearbeitung der Problematik ist es in der Wissenschaft recht still geworden. Noch immer gibt es keine Lösung. Das Problem ist uralt und aktuell: „Beim Deichbau mach ich nicht mit! Und impfen lass ich mich auch nicht!“
 
 
Der Teletext im Ersten
 tagesschau: Liveblog 
Leopoldina-Forscher fordert Impfpflicht
29.07.2021 16:28                       
                                       
Der Verhaltensforscher Armin Falk von  
der Nationalen Akademie der Wissen-    
schaften Leopoldina hat das Ablehnen   
von Corona-Schutzimpfungen scharf kri- 
tisiert. "Sich nicht impfen zu lassen, 
hat nichts mit Rationalität zu tun,    
sondern einfach nur mit Eigennutz",    
sagte Falk der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung". "Die Allgemeinheit muss hier 
zahlen für die Trägheit und die Dumm-  
heit der Impfgegner." 
 
 
Die Menschen sind eigennützig und immer weniger moralisch und altruistisch motiviert. Im Grundgesetz steht Freiheit und nicht die Pflicht zum Gemeinwohl.
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