ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Stabile Angina pectoris: Mikrovaskuläre Angina bei jedem 3. Patienten ohne obstruktive Herzerkrankung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Stabile Angina pectoris: Mikrovaskuläre Angina bei jedem 3. Patienten ohne obstruktive Herzerkrankung

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Chaikom/stock.adobe.com
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Die koronare Herzerkrankung (KHK) ist weltweit und auch in Deutschland die häufigste Todesursache. Für die KHK, definiert als Herzinfarkt, chronische Beschwerden infolge eines Herzinfarktes oder Angina pectoris, gibt es für Deutschland Daten aus größeren Studien aus den Jahren 2014/2015. Darin wird die 12-Monats-Prävalenz der KHK auf 3,7 % bei den Frauen und auf 6,0 % bei den Männern geschätzt (1).

Bei einem Teil der Patientinnen und Patienten mit Angina pectoris bleiben die Symptome bestehen – oft kombiniert mit reduzierter Belastbarkeit – obwohl sich in der CT-Angiografie oder der Herzkatheteruntersuchung keine obstruktive KHK feststellen lässt. Ursache für die Symptome können dann auch Durchblutungsstörungen in den kardialen Arteriolen und Kapillaren sein (mikrovaskuläre Angina; MVA), die sich durch die Angiografie nicht diagnostizieren lassen. Seit einigen Jahren richtet sich der Fokus auch auf diese Patientengruppe, da sie häufig eine verminderte Lebensqualität haben und ihr Mortalitätsrisiko erhöht ist.

Auf Basis eines systematischen Reviews der wissenschaftlichen Literatur haben niederländische Forscher versucht, die Prävalenz der MVA bei Patienten mit stabilen Symptomen abzuschätzen. Als gesichert galt eine MVA bei symptomatischen Patienten, wenn eine nichtinvasive Untersuchung wie das Belastungs-EKG positiv war, die angiografische Untersuchung keine Obstruktion erkennen ließ und eine weitere Diagnostik wie die Untersuchung der Koronarflussreserve oder die transthorakale Doppler-Echokardiografie eine mikrovaskuläre Dysfunktion der Herzgefäße belegten.

20 Studien wurden ausgewertet. Die mediane Prävalenz einer definitiven MVA bei Patienten mit Angina-pectoris-Symptomen ohne Befund einer obstruktiven KHK lag bei 30 %. Bei Frauen war die Prävalenz der MVA um den Faktor 2,5 höher als bei Männern. In allen berücksichtigten Studien lag der Anteil der Frauen mit definitiver MVA über dem der Männer, unabhängig von der Verteilung der beiden Geschlechter auf die Studienteilnehmer.

Fazit: Bei Angina-pectoris-Patienten bleiben bei einem erheblichen Teil Durchblutungsstörungen in den kleinen Herzgefäßen unerkannt, wenn nach Ausschluss von Stenosen oder Verschlüssen in den epikardialen Herzgefäßen (obstruktive KHK) zur weiteren Diagnostik ausschließlich nichtinvasive Methoden angewendet werden, folgern die Studienautoren aus ihren Ergebnissen.

„Dies ist eine wichtige Übersichtsarbeit, die nochmals in den Vordergrund stellt, dass wir uns nicht mit dem angiografischen Ausschluss relevanter Stenosen zufriedengeben dürfen“, kommentiert Dr. med. Matthias Lutz, Leitender Oberarzt an der Klinik III für Innere Medizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein Campus Kiel und Leiter des Herzkatheterlabors.

„Wir müssen die Beschwerden unserer Patienten ernst nehmen und gerade bei der hier gezeigten Prävalenz die MVA-Diagnostik anschließen.“ Die CorMica-Studie habe zudem gezeigt, dass nach einer klaren Diagnostik und mit einer dementsprechenden therapeutischen Strategie die Patienten einen klinischen Benefit von diesem Vorgehen haben (3). Die Angina-pectoris-Symptomatik hatte sich innerhalb 1 Jahres signifikant vermindert und die Lebensqualität der Patienten verbessert. Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Busch MA, Kuhnert R: 12-Monats-Prävalenz einer koronaren Herzkrankheit in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2017; DOI 10.17886/RKI-GBE-2017–0092017 2(1).
  2. Aribas E, van Lennep JER, Elias-Smale SE, et al.: Prevalence of microvascular angina among patients with stable symptoms in the absence of obstructive coronary artery disease: a systematic review. Cardiovasc Res 2021; DOI: 10.1093/cvr/cvab061.
  3. Ford TJ, Stanley B, Sidik N, et al.: 1-year outcomes of angina management guided by invasive coronary function testing (CorMicA). JACC: Cardiovascular Interventions 2020; 13: 33–45.

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