ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Gesundheitsämter: Mehr die Praktiker fragen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

„Der Prophet gilt im eigenen Land nichts.“ Das muss man wohl schließen, wenn man den Beitrag der Kollegen mehrerer Berliner Gesundheitsämter liest. Bemerkenswert ist vor allem die deutliche Kritik an der Fixierung auf Inzidenzzahlen von 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern, die von den politischen Entscheidungsträgern durch die eingeschränkten Kapazitäten der Gesundheitsämter begründet wurde. Laut den Autoren ist dies eine Fehleinschätzung, die vermeidbar gewesen wäre, wenn man die Expertise von den Gesundheitsämtern einbezogen hätte.

In dem Artikel wird ein behördliches Vorgehen beschrieben und empfohlen, welches die Unterstützung von Lösungen vor Ort, nicht das Aufstellen von Regeln und deren Kontrolle in den Vordergrund stellt. Die Leitlinien für ein erfolgreiches Pandemiemanagement sind unter den Überschriften „Oberste Maxime Impfen“, „Maßnahmen regional anpassen“, „Schaden und Nutzen abwägen“ und „Sozialraumnah kommunizieren“ nachvollziehbar zusammengefasst.

Was zeigt der Abgleich mit der Realität? Eine zentralisierte Impfkampagne und komplizierte Verwaltungsvorgänge, eine zermürbende Diskussion zu den Kompetenzen auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene und die Bundesnotbremse. Regeln, Regeln, Regeln und viel Aufwand bei der Umsetzung im Alltag, eine Kommunikation, die vorwiegend alarmiert und wenig aufklärend oder ermutigend ist.

Anzeige

Na und, wenn’s hilft! Kann man das sagen? Die hohen Infektions- und Todeszahlen in Alters- und Pflegeheimen im Winter sprechen nicht dafür. Wenn man dann noch Schaden und Nutzen der Maßnahmen abwägt, wird man spätestens bei den noch nicht in vollem Umfang absehbaren, negativen Folgen für unsere Kinder und Jugendlichen ins Grübeln kommen.

Was können wir für die Zukunft lernen? Mehr Praktiker fragen, mehr Vertrauen in die Eigenverantwortung der Bevölkerung, mehr flexible, lokale Lösungen, dafür weniger staatliche Hybris, weniger Profilierungsdrang, weniger Gießkannenprinzip. In diesem Sinne hoffe ich, dass diese wertvolle Einschätzung der Kollegen aus den Gesundheitsämtern Gehör in der Politik finden wird.

Dr. med. Henning Thiele, 67435 Neustadt Weinstraße

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote