ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Außergewöhnliche Impfangebote: Alle Ressourcen effektiv nutzen

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Außergewöhnliche Impfangebote: Alle Ressourcen effektiv nutzen

Spielberg, Petra

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Impfaktionen auf Supermarktplätzen, in Gewerbegebieten und Kirchen oder mittels mobiler Impfteams eignen sich hervorragend dazu, die Durchimpfung der Bevölkerung voranzutreiben und die verfügbaren Impfressourcen optimal zu nutzen. Bei der Planung gilt es indes einiges zu beachten.

Impfungen in der Kirche finden in Castrop-Rauxel regelmäßig statt. Foto: Stefan Braun
Impfungen in der Kirche finden in Castrop-Rauxel regelmäßig statt. Foto: Stefan Braun

Seitdem auch in Arztpraxen geimpft werden kann, hat die Durchimpfung der Bevölkerung zum Schutz vor einer SARS-CoV-2-Infektion kräftig an Fahrt aufgenommen. Doch manchen Ärztinnen und Ärzten ist das nicht genug. Mit Impfangeboten außerhalb der Sprechstundenzeiten versuchen sie, möglichst schnell viele Menschen zu immunisieren und das mit großem Erfolg.

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„Einkaufen und Impfen“ lautet zum Beispiel das Motto der Impfaktion, die die Allgemeinärztin
Dr. med. Nicola Buhlinger-Göpfarth aus Pforzheim Anfang Mai ins Leben gerufen hat. Frustriert und genervt von den Diskussionen, die ihre Mitarbeiterinnen mit Patientinnen und Patienten über die Vergabe von Impfterminen mit dem Impfstoff von AstraZeneca führen mussten, wollte die Hausärztin Menschen, die dem Impfstoff weniger kritisch gegenüberstehen, ein schnelles und unbürokratisches Angebot ohne Termin und Voranmeldung machen.

Impfen im Drive-in

Im Nu waren das 14-köpfige Team sowie zwei weitere Hausarztpraxen vor Ort von der Idee einer Drive-in-Impfstation überzeugt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion holte Buhlinger-Göpfarth noch den Hausärzteverband Baden-Württemberg, die Kassenärztliche Vereinigung und die Landesärztekammer Baden-Württemberg (KVBW und LÄKBW), den ortsansässigen EDEKA Markt, auf dessen Parkplatz sie die Impfungen anbieten wollte, die Pforzheimer Ortsvorsteherin sowie die Ortsgruppe des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit ins Boot. Buhlinger-Göpfarth räumt ein: „Ohne die großartige Unterstützung aller Beteiligten hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut, das zu machen.“ Ganz wichtig, so die Ärztin: „Da das Ausüben der Heilkunde ,im Umherziehen‘ nach der ärztlichen Berufsordnung verboten ist, war zu allererst eine Sondergenehmigung zum Zwecke der ,aufsuchenden Gesundheitsversorgung‘ erforderlich.“

Der Hausärzteverband hat ihr bei der Erstellung des Ablaufplans und der Öffentlichkeitsarbeit geholfen, während das DRK Kühlmöglichkeiten für die Impfstoffdosen und einen Bus zur Verfügung gestellt und die KVBW grünes Licht für die Aufhebung der Priorisierung gegeben habe. „Mithilfe laminierter Aufklärungsbögen, die am Beginn des Rundkurses auf dem Parkplatz verteilt wurden, und einer von der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin erstellten Handreichung mit einer visualisierten Nutzen-Risiko-Abwägung für eine Impfung mit AstraZeneca konnten wir zudem viele Fragen vor der eigentlichen ärztlichen Aufklärung, die selbstverständlich auch bei einer solchen Aktion erfolgen muss, klären“, so Buhlinger-Göpfarth.

Die LÄKBW weist darauf hin, dass für derlei Impfaktionen gegebenenfalls auch eine straßenrechtliche Sondernutzungserlaubnis eingeholt werden muss. Auch könnte die Kammer verlangen, dass die Initiatoren ihr Hygienekonzept mit dem Gesundheitsamt abstimmen.

Akribische Vorplanung wichtig

Darüber hinaus gelte es, daran zu denken, für Geimpfte einen Platz zur Verfügung zu stellen, an denen sie etwaige Impfreaktionen abwarten können, so Kai Sonntag, Sprecher der KVBW. Die Abrechnung lasse sich dagegen unproblematisch mithilfe eines mobilen Lesegeräts abwickeln.

Für den Neurologen Dr. med. Magnus Heier aus Castrop-Rauxel sind Kirchen dagegen ideal geeignet für Impfungen, da sie gut erreichbar seien und aufgrund der hohen und großen Räume optimale Voraussetzungen für die Einhaltung der Hygieneanforderungen böten.

„Die Luft ist trocken und da die Kirchen bereits auf coronakonforme Gottesdienste eingestellt sind, ermöglichen die Sitzbänke ausreichend Abstand zwischen den Menschen“ so Heier, der seit Mitte Mai regelmäßig stattfindende halbtägige Impfaktionen in der St. Antonius Kirche in Castrop-Rauxel für eine Arztpraxis organisiert. Ein weiterer Vorteil sei, dass der logistische Aufwand für ein solches Vorhaben äußerst gering sei. In der Kirche wurden lediglich Tische und Paravents aufgestellt und laminierte Schilder aufgehängt. Die Seitenschiffe dienen als Impfstraßen und im Mittelschiff haben die Patienten die Möglichkeit, zu warten, ob sie auf die Impfung eventuell allergisch oder mit Kreislaufproblemen reagieren.

In Schleswig-Holstein setzt die KV dagegen auf mobile Impfteams, um im Rahmen von Quartiersimpfungen Hotspots zu verhindern. Seit dem 10. Juni bis zunächst Ende September fahren hier zehn mobile Teams, bestehend aus vier Personen (eine Ärztin oder ein Arzt sowie drei von den Rettungsdiensten zur Verfügung gestellte Assistenten) mit Bussen soziale Brennpunkte an, um niedrigschwellig Personen zu erreichen, die möglicherweise sonst keine Impfung wahrnehmen würden. Die Federführung liegt bei den Kommunen, die unter anderem die Routen für die Teams festlegen, Ansprechpartner zur Verfügung stellen und die Aktionen bewerben.

„Für die Teams haben wir vor allem Ärztinnen und Ärzte akquiriert, die gerade ihr Studium beendet haben und noch nicht im Krankenhaus oder einer Niederlassung arbeiten“, sagt Dr. med. Hans-Joachim Commentz, der als Pandemiebeauftragter die KVSH berät und die Aktion zusammen mit dem Städteverband und der Landesregierung initiiert hat. Die Tätigkeit der Ärzte erfolgt auf der Basis von Dienstleistungsverträgen mit dem Land, das die Leistungen mit 115 Euro brutto pro Stunde vergütet.

„Pro Tag verimpfen wir im Schnitt 125 Dosen“, so Justus Rolf, einer der mobilen Ärzte. Um acht Uhr morgens holen die Teams die Impfungen im örtlichen Impfzentren ab und fahren anschließend ins jeweilige Viertel. „Dort erhalten die ersten 125 Wartenden einen Zettel mit QR-Code, der als Impfberechtigung dient“, so Rolf.

Große Resonanz auf Aktionen

Zum Gelingen der Aktion hat auch hier die akribische Vorplanung sowie die Unterstützung mit Equipment, Personal, Geld und Beratung durch die Kommunen, die ärztliche Selbstverwaltung, die örtlichen Rettungsdienstorganisationen sowie die Feuerwehr beigetragen. Die niedrigschwelligen Angebote, von denen es bundesweit inzwischen eine Vielzahl gibt, stoßen durchweg auf große Resonanz. Die Zahl der Impfwilligen bewegt sich im Mittel im drei- bis vierstelligen Bereich.

In Meerbusch ist es den Allgemeinarzt Dr. med. Markus Groteguth und einem Team aus 150 Freiwilligen in einer groß angelegten Drive-in-Impfaktion in einem Gewerbegebiet auf der Grundlage eines detailliert ausgearbeiteten Konzepts beispielsweise gelungen, innerhalb von nur zehn Stunden 3 000 Menschen gegen COVID-19 mit der Einmalimpfung von Janssen zu immunisieren. Voraussetzung für eine Impfung war eine Voranmeldung auf der Internetseite der Praxis. „Geimpft wurde an sechs Impfstationen. Ein ausgeklügeltes digitales Kalendersystem, das auch ein papierloses Aufklärungs-, Anamnese- und Dokumentationstool beinhaltet, sorgte für einen zügigen und reibungslosen Ablauf der Aktion“, so Groteguth. Da die Logistik und Informationstechnologie bereits vorhanden seien, könne die Aktion jederzeit wiederholt werden. Groteguth will mit seiner Technik zudem in Kürze eine Drive-in-Aktion in der Nachbarstadt Kaarst unterstützen. Petra Spielberg

Draußen impfen

Wichtige Voraussetzungen

  • Ärztekammer, Kassenärztliche Vereinigung, Stadtverwaltung, Polizei und Ordnungsamt informieren
  • Hygieneanforderungen beachten und gegebenenfalls straßenrechtliche Sondernutzungserlaubnis einholen
  • Ruhezone für Geimpfte bereithalten

§ 17 Berufsordnung

(2) [...] Der Arzt hat Vorkehrungen für eine ordnungsgemäße Versorgung seiner Patienten an jedem Ort seiner Tätigkeiten zu treffen.

(3) Die Ausübung ambulanter ärztlicher Tätigkeit im Umherziehen ist berufsrechtswidrig. Zum Zwecke der aufsuchenden medizinischen Gesundheitsversorgung kann die Ärztekammer auf Antrag des Arztes von der Verpflichtung nach Absatz 1 Ausnahmen gestatten, wenn sichergestellt ist, dass die beruflichen Belange nicht beeinträchtigt werden und die Berufsordnung beachtet wird.

(Quelle: Musterberufsordnung)

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