ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Herzrhythmus, Gerinnung & Sphincter Oddi: Der Medizinstudent als Forscher

MEDIZINREPORT

Herzrhythmus, Gerinnung & Sphincter Oddi: Der Medizinstudent als Forscher

Lenzen-Schulte, Martina

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Nicht nur bei der Erinnerung an die Erfolgsgeschichte des Insulins wird gern übersehen, dass sich mit Charles Best ein Medizinstudent als Forscher bewährt hatte. Er war nicht der einzige. Es gab Zeiten, da konnten noch während des Studiums bahnbrechende Entdeckungen gemacht werden.

Tempi passati – die Zeiten, als Medizinstudenten neben dem Studium auch eigene Entdeckungen in der Grundlagenforschung machen konnten, sind wohl vorbei. Das Bild zeigt den Hörsaal der deutschen Universität in Prag in den 1930er-Jahren. Foto: picture alliance/VisualEyze-United Archives-United Archives
Tempi passati – die Zeiten, als Medizinstudenten neben dem Studium auch eigene Entdeckungen in der Grundlagenforschung machen konnten, sind wohl vorbei. Das Bild zeigt den Hörsaal der deutschen Universität in Prag in den 1930er-Jahren. Foto: picture alliance/VisualEyze-United Archives-United Archives

Charles Herbert Best (1899– 1978) hat zwar trotz seines unumstrittenen Beitrags zur Insulinforschung nicht den Nobelpreis für Medizin erhalten. Gleichwohl war dies die Grundlage einer langen, erfüllten Karriere. 1924, drei Jahre nachdem er mit seinem Mentor Frederick Banting den wirksamen Insulinextrakt entwickelt hatte, beendete er sein Studium. Von einem Forschungsaufenthalt in England kehrte er nach Toronto zurück und übernahm – im Alter von 30 Jahren – den Lehrstuhl für Physiologie. Nachdem Banting bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, wurde Best 1940 zum Direktor des Department of Medical Research. Seine Ehrungen gehen in die Hunderte, darunter solche von der englischen Queen, dem Papst und anderen Staatsoberhäuptern.

Inselzellen und Meereswürmer

Das Pankreas hielt nicht nur für einen einzigen Medizinstudenten Gelegenheit zu Ruhmestaten bereit. Paul Langerhans (1847–1888) studierte in Berlin bei Rudolph Virchow. Er beschrieb erstmals 1868 dendritische Zellen der Haut – die späteren „Langerhanszellen“ – ein Jahr danach fielen ihm im Rahmen seiner Doktorarbeit Cluster irregulärer polygonaler Zellen auf – die Inselzellen. Damals war ihre Funktion als Insulinproduzenten noch unbekannt. Langerhans wurde mit 27 Jahren Professor in Freiburg, musste die Position jedoch kurze Zeit später aufgeben aufgrund der einen Monat nach seinem Ruf diagnostizierten Lungentuberkulose. Auf Madeira, wohin er sich zur Kur zurückzog und als Arzt praktizierte, beschrieb er mehr als 50 bis dato unbekannte Meereswürmer.

Nicht alle Karrieren von wissenschaftlich früh erfolgreichen Medizinstudenten verliefen so ertragreich. So hatte Jay McLean nicht nur einen schweren Start ins Leben. Sein Vater starb, als er vier Jahre alt war, sein Stiefvater verlor alles beim Erdbeben von San Francisco 1906, er selbst musste Fährendecks schrubben, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Im zweiten Medizinstudienjahr an der Johns Hopkins Universität in Baltimore arbeitete er im Labor des Physiologen William Henry Howell und entdeckte 1916 ein Antikoagulans im Lebergewebe von Hunden. In seiner noch im selben Jahr publizierten Arbeit erhielt diese Substanz dennoch wenig Raum, weil sein Betreuer Howell meinte, man müsse diese noch exakter untersuchen. Das tat Howell nun selbst. Er nannte das Antikoagulans, das McLean in Hundelebern (hepar) entdeckt hatte, im Jahr 1918 „Heparin“.

Kein Nobelpreis posthum

Jay McLean (1890–1957) verteidigte seinen Beitrag zum Heparin auch, weil er seiner schweren Kindheit etwas Gutes entgegensetzen wollte. Foto: National Library of Medicine
Jay McLean (1890–1957) verteidigte seinen Beitrag zum Heparin auch, weil er seiner schweren Kindheit etwas Gutes entgegensetzen wollte. Foto: National Library of Medicine

McLean war unterdessen 1917 im Ambulanz-Corp der amerikanischen Streitkräfte im Ersten Weltkrieg in Frankreich und beendete seine medizinische Ausbildung 1919. Er arbeitete während seiner Chirurgenassistenz unter Koryphäen wie William Stewart Halstead und Alan Whipple. Aber als niedergelassener Chirurg reüssierte er nicht. Auch seine Tätigkeiten in der Onkologie und Strahlentherapie unterbrach er immer wieder, um sich dem Heparin zuzuwenden. Zahlreiche Versuche, auch öffentlich über Radiointerviews seine Erstentdeckerrechte zu verteidigen, zehrten an seinen Kräften. Seine Anstrengungen waren ebenso vergebens wie das Bemühen anderer, ihn posthum für den Medizinnobelpreis nominieren zu lassen.

Ruggero Oddi (1864–1913) musste sich mit niemandem um seinen Ruhm streiten, war aber dennoch am Ende glücklos. Mit 23 Jahren, als Medizinstudent im vierten Jahr, untersuchte er die Gallengänge und beschrieb den späteren „Musculus sphincter Oddi“. Er erkannte nicht nur, dass der den intermittierenden Zufluss von Galle ins Duodenum kontrollierte. Er stellte auch schon die Hypothese auf, dass dessen Dysfunktion für Gallenwegserkrankungen verantwortlich sein sollte. Im Jahr 1864, mit 29 Jahren, wurde er Direktor des Institutes für Physiologie an der Universität Genua.

Zunächst ging es mit der Karriere steil bergauf, bis er nach sieben Jahren die Arbeit und seine Familie verlor und Italien verließ. Er soll von einflussreichen aristokratischen Freunden zum Drogenkonsum verführt worden sein. Um dem Skandal zu entgehen, floh er nach Brüssel, kam über Belgisch-Kongo schließlich wieder nach Perugia, wo ihm wegen des Todes einer seiner Patienten der Prozess gemacht wurde. Als gebrochener Mann kehrte er Italien abermals den Rücken und starb mit 48 Jahren in Tunesien.

Augusta Déjerine-Klumpke (1859–1927) hat bewiesen, dass Männerbastionen auch ohne Quotenregelung einnehmbar sind. Foto: Wikipedia
Augusta Déjerine-Klumpke (1859–1927) hat bewiesen, dass Männerbastionen auch ohne Quotenregelung einnehmbar sind. Foto: Wikipedia

Zur Riege der früh zum wissenschaftlichen Entdecker gewordenen Medizinstudenten wird in allen Publikationen immer auch Martin William Flack (1882–1931) gezählt. Er arbeitete am London Hospital mit dem seinerzeit berühmten Anatomen Sir Arthur Keith.

Von Mäusen und Maulwürfen

Der hatte den jungen Studenten beim gemeinsamen Sommerurlaub in einem Cottage dazu motiviert, die Herzen von gefangenen Maulwürfen und Mäusen zu untersuchen. Als der Anatomieprofessor von einem Fahrradausflug zurückkehrte, hielt Flack eine Überraschung parat und zeigte ihm eine „wundervolle Struktur“ im rechten Herzohr eines sezierten Maulwurfs.

Keith erkannte sofort, dass dieses Gebilde dem einem Jahr zuvor entdeckten Atrioventrikular-(AV-) Knoten ähnelte. Die beiden bestätigten nun in rascher Folge in anderen Vertebratenherzen den zuerst am Maulwurf entdeckten Sinusknoten, der auch „Keith-Flack-Knoten“ heißt. Der primäre Schrittmacher des Herzens war gefunden. Flack machte 1908 sein Examen und reiste erst einmal mit einem Stipendium durch Europa, bevor er ans London Hospital zurückkehrte. Dort forschte er nicht nur weiter am Sinusknoten, er untersuchte außerdem die kräftigende Wirkung von Sauerstoff auf Athleten. 1919 wurde er der medizinische Forschungsdirektor der Royal Air Force, wo er Techniken entwickelte, um die Fitness von Piloten zu überprüfen.

Paul Langerhans (1847–1888) blieb auch ohne die Ressourcen einer Universität in seinem Domizil in Madeira ein passionierter Forscher. Foto: Wikipedia
Paul Langerhans (1847–1888) blieb auch ohne die Ressourcen einer Universität in seinem Domizil in Madeira ein passionierter Forscher. Foto: Wikipedia

Diese Liste lässt sich noch lange fortsetzen. Thomas J. Fogarty entwickelte als Medizinstudent Mitte des 20. Jahrhunderts einen Embolektomiekatheter, um die Gefäßoperationen, bei denen er assistierte, zu vereinfachen. Zeitweise wurden knapp eine halbe Million pro Jahr davon verkauft. 1897 beschrieb der Medizinstudent Ernest Duchesne bereits die Penicillinwirkung auf E. coli und S. typhi – das war gut 30 Jahre eher als Alexander Fleming.

Es war ein Medizinstudent, William E. Clarke, der 1842 die erste Äthernarkose bei einer Zahnextraktion anwandte, und James Paget war im ersten Studienjahr, als er die Nematode Trichinella spiralis als Ursache der Trichinose erkannte. Auch eine Knochenkrankheit und eine besondere Form des Brustkrebses tragen den Namen Pagets.

Augusta Klumke (1859–1927) beweist, dass weibliche Medizinstudentinnen ebenfalls ihren Beitrag zu Entdeckungen leisteten – sobald man sie studieren ließ. Dennoch genügte der begabten Studentin nicht einmal eine preisgekrönte Entdeckung, um ihr in der Männer-dominierten Pariser Medizinhierarchie jener Jahre eine Assistenzarztstelle zu verschaffen. Als Tochter einer geschiedenen Amerikanerin, die ihre sechs Kinder in Europa zur Unabhängigkeit erziehen wollte, entdeckte Klumke in einem Magazin, dass Frauen erstmals in Paris Medizin studieren durften. Ihr zuliebe zog die Familie dorthin.

Männerbastionen knicken ein

1877 erhielt sie einen Studienplatz und brillierte unter Professoren wie Charcot, Fournier und Ranvier. Bei ihrer Arbeit im Hôtel-Dieu beschrieb sie als Studentin jene Arm-Plexus-Lähmung, die später nach ihr benannt wurde. Es handelt sich um einen traumatischen Nervenschaden, der infolge schwieriger Geburten aufgrund des Zuges am verkeilten Kind entstehen kann.

Ihre studentische Arbeit gewann zwar einen Preis der Akademie, dennoch bewarb sie sich nach dem Examen mehrfach vergeblich um eine Stelle. Erst im Jahr 1886 wurde sie die erste weibliche Assistenzärztin in einer Pariser Klinik.

Gemeinsam mit ihrem Mann, dem angesehenen Neurologen Jules Déjerine, beschrieb sie zahlreiche neurologische Krankheitsbilder, die sie kunstvoll illustrierte. Sie widmete sich während des Ersten Weltkriegs den Wirbelsäulenverletzungen von Soldaten und wurde schließlich die erste weibliche Präsidentin der Französischen Gesellschaft für Neurologie.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
Stringer MD, Ahmadi O: Famous discoveries by medical students. ANZ J Surg 2009; 79 (12): 901–8 CrossRef MEDLINE
2.
Ohry A: Outstanding discoveries made by medical students. Prog Health Sci 2012; 2 (1): 162–70.
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Ahmadzai H: Medical Students, innovation and medical discoveries. Editorial. Australian Medical Student Journal. 2012; 3 (1): 7–9.
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