ArchivDeutsches Ärzteblatt29-30/2021Medizinstudium 2021/22: Zurück in die Zukunft

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Medizinstudium 2021/22: Zurück in die Zukunft

Richter-Kuhlmann, Eva

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Nach drei hauptsächlich digitalen Semestern planen die Medizinischen Fakultäten derzeit die Optionen zur Rückkehr zur Präsenzlehre zum Wintersemester 2021/22. Doch auch die digitalen Angebote sollen eine Zukunft haben.

Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Waltraud Grubitzsch
Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Waltraud Grubitzsch

Für Medizinstudierende, Lehrende und Forschende an den medizinischen Fakultäten hat sich im März vergangenen Jahres das Leben und Lernen massiv verändert: Hörsäle, Seminarräume und Labore standen während der vergangenen drei Semester häufig leer, Praktika und Prüfungen wurden verschoben. Das eigentlich praxisorientierte Medizinstudium mit Untersuchungs- und Patientenkommunikationskursen fand – wie alle anderen Studiengänge – hauptsächlich digital und im Homeoffice statt. Eine Belastungsprobe für alle.

Angesichts niedriger Inzidenzzahlen und steigender Impfrate wächst die Hoffnung auf mehr Präsenzlehre zum Wintersemester 2021/22. „Doch auch zum jetzigen Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob eine teilweise oder vollständige Rückkehr zur gewohnten Lehre ab dem Wintersemester möglich sein wird“, sagt Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT) dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

Skeptisch sind auch die Medizinstudierenden. „Laut Aussagen der Wissenschaft droht durch Virusvarianten eine vierte Welle im Wintersemester. Es ist daher essenziell, dass die Universitäten weiterhin Notfallpläne für einen etwaigen weiteren Lockdown vorhalten müssen“, meint Lucas Thieme, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), im Gespräch mit dem DÄ.

Szenarien je nach Pandemielage

„Es ist wichtig, dass die praktische Lehre und der Unterricht an und mit Patienten im nächsten Semester wieder wie im Lehrplan vorgesehen durchgeführt wird“, meint auch Yasmin Youssef. An einen „normalen“ Unibetrieb glaubt die Leipziger Medizinstudentin jedoch nicht. „Es sollten verschiedene Szenarien durchdacht, Ausweichpläne konzipiert und diese so frühzeitig wie möglich den Studierenden kommuniziert werden“, sagt sie dem .

Allzu große Hoffnungen auf eine Normalisierung der Studienbedingungen will auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nicht wecken. „Die Hochschulen wollen die entstehenden Optionen für Präsenzveranstaltungen rasch und in größtmöglichem Umfang nutzen“, sagte jüngst HRK-Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt. „Sie müssen zugleich aber ihrer Verantwortung für die Studierenden und Lehrenden gerecht werden und die Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie in ihre Planungen einbeziehen.“ In dieser Lage nütze eine reine Ankündigungspolitik niemandem, so die einhellige Haltung des Senats der HRK im Juni. Nötig seien klare rechtliche Regelungen für die Teilnahmevoraussetzungen an Lehrveranstaltungen und Prüfungen. So müsse über maximale Gruppengrößen und die Testung ebenso eine Regelung getroffen werden wie über die Abstandspflicht und etwaige Ausnahmen.

Für die medizinischen Fakultäten sind die ungewissen und wechselnden Rahmenbedingungen eine Herausforderung. Jede sucht nach Möglichkeiten, die ärztliche Ausbildung zu sichern und neu zu gestalten. Dabei gibt es verschiedene Wege, wie der Blick auf verschiedene Hochschulen zeigt:

Digitale Lehrangebote ermöglichen den Medizinstudierenden eine hohe Flexibilität beim Lernen – auch nach der Pandemie. Foto: picture alliance/dpa/Daniel Naupold
Digitale Lehrangebote ermöglichen den Medizinstudierenden eine hohe Flexibilität beim Lernen – auch nach der Pandemie. Foto: picture alliance/dpa/Daniel Naupold

Zurück in die Zukunft“ – das ist derzeit die Hoffnung von vielen Medizinstudierenden. Sie wünschen sich künftig einen Mix aus digitaler Lehre sowie einer Rückkehr zu den praktischen Kursen, kurz Hybridmodelle. „Dass diese möglich sind, haben viele Fakultäten bereits zeigen können“, betont bvmd-Präsident Thieme. Vielerorts seien gute digitale Lehrformate etabliert worden. Und durch eine gezielte Impfung von Studierenden, das kostenfreie Bereitstellen von Schutzausrüstung und Testangeboten sowie adäquate Hygienekonzepte hätten auch viele Medizinstudierende bereits zumindest teilweise zum Präsenzbetrieb zurückkehren können. „Jetzt liegt es an den Fakultäten, Best-Practice-Beispiele zu solchen Hybridmodellen, wie sie an einigen Standorten bereits implementiert sind, auch deutschlandweit anzunehmen“, sagt der Medizinstudent aus Essen.

MFT-Präsident Frosch unterstützt diese Forderung der Medizinstudierenden. Bezüglich der Etablierung von digitaler Lehre kann er der Pandemie auch etwas Positives abgewinnen: „Die spontane Umstellung auf digitalen Unterricht hat einen enormen Schub für die Digitalisierung der Lehre gebracht“, erklärt der Dekan der Medizinischen Fakultät Würzburg. „Schließlich bietet digitale Lehre auch die Chance, die Vermittlung von Kompetenzen und Wissen neu zu denken.“

Studierende profitierten klar von asynchronen Veranstaltungen, wie Podcasts oder Videos, die man sich jederzeit und überall anschauen könne, erläutert Philip Plättner, bvmd-Vizepräsident, dem . „Hierdurch wird eine noch nie dagewesene Flexibilität im Lernen ermöglicht, die insbesondere arbeitenden Studierenden sowie Studierenden mit Kindern oder mit chronischen Erkrankungen zugutekommt.“

Defizite bei den Soft Skills

Gleichzeitig müsse jedoch bedacht werden, dass Studierende an einigen medizinischen Fakultäten während der Pandemie eine nur sehr eingeschränkte Präsenzlehre erhalten hätten, die zu Defiziten bei den praktischen Fertigkeiten geführt habe. „Die Universitäten sind hier nun in der Pflicht, für alle ausgefallenen praktischen Kurse adäquate Aufbaukurse und Ausgleichsangebote auf freiwilliger Basis zu schaffen“, fordert Plättner. 

„Die praktische Ausbildung, beispielsweise im Fach Chirurgie, sollte zum Wintersemester 2021/22 nicht nur wieder aufgenommen werden, sondern es sollten Kurse, wie Nahtkurs, Knotenkurse und die interaktive Lehre, vermehrt in den Fokus gerückt werden, um die mangelnde Praxis während der Pandemie möglichst aufzuholen“, sagt Antonia Bollensdorf, Medizinstudentin in Rostock, dem .

Deutlich wird im Gespräch mit ihr und Medizinstudierenden aus verschiedenen Teilen Deutschlands, dass die Lehre während der COVID-19-Pandemie nicht nur von Fakultät zu Fakultät variiert hat, sondern auch sehr abhängig vom individuellen Engagement der Lehrenden war. „Während manche Fachabteilungen nur unkommentierte Folien hochgeladen haben, haben andere Hygienekonzepte erstellt, um uns einen Patientenkontakt zu ermöglichen“, berichtet Youssef von ihren Erfahrungen an der Medizinischen Fakultät Leipzig. Gute neue Konzepte seien Screencasts, digitale Lifebesprechungen und Online-Vorlesungen mit Lifechat gewesen. „Diese digitalen Angebote sollten auch nach der Pandemie Bestandteil der Lehre bleiben“, meint sie.

Lehrengagement variierte

„Der Unterricht am Krankenbett lebt von interaktiver Lehre und der Möglichkeit, Patienten zu untersuchen.“ Stella Schayan-Araghi. Foto: bvmd
„Der Unterricht am Krankenbett lebt von interaktiver Lehre und der Möglichkeit, Patienten zu untersuchen.“ Stella Schayan-Araghi. Foto: bvmd

Unterschiede bei der Qualität der Lehre gab es aber auch bei Präsenzangeboten: „Der Unterricht am Krankenbett lebt von interaktiver Lehre und der Möglichkeit, Patienten selbst zu untersuchen“, ergänzt Stella Schayan-Araghi, Bundeskoordinatorin für Medizinische Ausbildung der bvmd. Dazu gehöre mehr als nur die Inspektion, die im Zweifel durch Onlineformate ersetzt werden könne. Leider sei es während der Pandemie immer wieder dazugekommen, dass Studierende in praktischen Modulen nur „mitlaufen” durften oder kaum beachtet in einer Ecke „abgestellt“ wurden. Diese passive Teilnahme schränke die Ausbildungsqualität stark ein. „Viele Dozierende haben aber auch Außerordentliches geleistet, um eine möglichst gleichwertige Lehre zu ermöglichen“, lobt die Studentin aus Gießen.

„Insgesamt gesehen hat die Universitätsmedizin als System seit dem Frühjahr 2020 Unglaubliches geleistet“, resümiert MFT-Präsident Frosch. Die rasche Umstellung der Curricula von Präsenz auf digitale Formate sei weitgehend gut verlaufen. „Es gab keine Fehlsemester“, hebt er hervor. Möglich sei dies nur durch die vielen einsatzbereiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewesen.

Doch wie soll die Zukunft aussehen? „Wir müssen viele Lehren aus der Pandemie ziehen“, sagt Elisabeth Schröder, designierte Bundeskoordinatorin für Medizinische Ausbildung der bvmd 2022, dem . Dazu gehöre, dass die medizinische Lehre auch durch eine Pandemie nicht leiden dürfe. „Digitale Infrastrukturen müssen bestehen, um auch Lehre auf Distanz zu ermöglichen“, meint die Medizinstudentin an der jungen Fakultät in Augsburg. „Auch für praktische Kurse sollten Konzepte geschaffen werden, wie diese trotz einer Pandemie durchführbar bleiben. Insgesamt wünschen wir uns, dass ein nachhaltiges Konzept erstellt wird, das auch zukünftigen Generationen zugutekommt.“ Auch wenn es trivial erscheine, aber die digitale Bereitstellung aller Unterrichtsmaterialien, wie Vorlesungsfolien, Online-Skripte, Übungsaufgaben, Videoaufzeichnungen, sei leider (noch) nicht selbstverständlich. „Die Lehre benötigt gut gefestigte didaktische Kompetenzen. Eine Schaffung von Lehrprofessuren in Kombination mit Forschungs- und Versorgungsstellen würde eine engagierte, effizientere und innovativere Ausbildung ermöglichen“, ist sie überzeugt.

Kritik übt Schröder auch an dem vielerorts nur „schleppenden“ Impfangebot für Medizinstudierende. Während manche Bundesländer Medizinstudierende in der Impfpriorisierung berücksichtigt hätten, sei die Impfung von Medizinstudierenden bundesweit eher zögerlich angelaufen, obwohl sich seit dem Beginn der Pandemie Zehntausende Medizinstudierende freiwillig gemeldet hätten, um in der Versorgung zu helfen. Besonders betroffen seien Studierende im Praktischen Jahr, denen oftmals ein Zugang zu einem Impfangebot oder zu regelmäßigen Mitarbeitendentestungen verwehrt werde. „Die mentale Belastung der Betroffenen ist enorm, trotzdem wollen viele anonym bleiben, weil sie Konsequenzen befürchten“, so Schröder.

Pandemie ging an die Substanz

In der Rückschau auf die letzten drei Semester zeigt sich, wie sehr die Pandemie viele Studierende belastet hat: mental, sozial und finanziell. „Nicht nur die akademische Lehre hat gelitten“, erklärt Jannik Jahn von der Uni Rostock dem . „Studierende brauchen den Umgang mit anderen Studierenden und Lehrenden, um sich positiv weiterzuentwickeln. Gerade in operativen Fächern brauche es Anleitung und Vorbilder.

Dass viele Studierende an ihre Grenzen gestoßen sind, weiß auch Hochschullehrer Frosch. „Solche Extremsituationen, wie wir sie aktuell mit der Pandemie erleben, bieten die Chance, als System zu wachsen.“ Vielfach ginge physisch-soziale Distanz jedoch an die Substanz, bedauert der MFT-Präsident. Die Nachfrage beim Psychologischen Beratungsdienst – sowohl für Studierende als auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – sei während der Pandemie um ein Vielfaches angestiegen. „Wir müssen im Blick behalten, zu welchem Preis die Leistungen der vergangenen anderthalb Jahre im Wissenschaftssystem – und vor allem in der Universitätsmedizin – erfolgt sind“, mahnt er. „Momentan sehen wir nur die Fassade, welche Folgen sich langfristig dahinter verbergen, ist noch nicht abzusehen.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

„Wir sind auf jede Stufe vorbereitet, ein Umschalten der Unterrichtsformate wäre relativ rasch möglich.“ Ingolf Cascorbi, Universität Kiel. Foto: privat
„Wir sind auf jede Stufe vorbereitet, ein Umschalten der Unterrichtsformate wäre relativ rasch möglich.“ Ingolf Cascorbi, Universität Kiel. Foto: privat

Die Medizinische Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel möchte im Wintersemester 2021/22 wieder zum vollen Präsenzunterricht in der Medizin und Zahnmedizin zurückkehren. „So sieht es der Plan für sämtliche Fächer, Vorlesungen, Seminare und Praktika – einschließlich des patientennahen Unterrichts – vor“, sagt Studiendekan Prof. Dr. med. Ingolf Cascorbi dem Deutschen Ärzteblatt. Sollte das Pandemiegeschehen durch neue SARS-CoV-2-Varianten wieder aufflammen und Einschränkungen erfordern, wolle man stufenweise wieder über Hybridformate zum Online-Modus zurückkehren. „Wir sind auf jede Stufe vorbereitet, die Abläufe sind eingeübt und ein Umschalten der Unterrichtsformate wäre relativ rasch möglich“, meint Cascorbi.

Derzeit rechne man jedoch mit 100 Prozent Präsenzlehre, sagt Prof. Dr. med. Joachim Thiery, Dekan der Medizinischen Fakultät in Kiel. „Die derzeitige Grundlage ist ein im Herbst zu erwartender hoher Durchimpfungsgrad sowie eine im Norddeutschland generell niedrige Inzidenzrate.“ Dennoch würden die Unterrichtsformate durch unterstützende Lehrfilme und andere positive Elemente der digitalen Lehre ergänzt. Interaktive Elemente mit den Studierenden, wie Kritik oder Verständnisfragen per E-Mail oder Chat auf dem Lernportal der Fakultät, sollen auch künftig den Präsenzunterricht begleiten. „In den klinischen Fächern wurden teils vorbildliche Lehrfilme und interaktive Online-Module produziert sowie am Simulationsmodell geübt“, berichtet Thiery. Exzellent sei beispielsweise die Implementierung und Weiterentwicklung des Endoskopie-Trainings in Kooperation mit der Kiel School of Gynaecological Endoscopy in das gynäkologische Blockpraktikum. Hervorzuheben sei auch auch das Modellprojekt der Telemedizin, indem sehr erfolgreich intensiv-medizinische Anwendungen unter Anleitung an Bildschirmarbeitsplätzen in der Klinik demonstriert und geübt wurden. „Dieses zukunftweisende Programm soll auch im Hinblick auf die Novelle der Ärztlichen Approbationsordnung wesentlich ausgebaut werden“, erklärt der Dekan.

„Aus den Gesprächen mit der studentischen Fachschaft wie auch der Unterrichtsevaluation erhielten wir überwiegend positive Rückmeldungen über das Engagement der Lehrenden und viel Verständnis für die getroffenen Maßnahmen“, bestätigt auch Studiendekan Cascorbi. Lege man die Ergebnisse der Semesterabschlussklausuren zugrunde, seien auch die Leistungen im Vergleich zu früheren Semestern nicht schlechter gewesen, teilweise sogar besser.

Ein großes Manko ist den beiden Hochschullehren zufolge das Defizit an patientennahen Unterricht, der während der Pandemie stark reduziert war. „Das ist ein Nachteil, der nur eingeschränkt über die Zeit nachgeholt werden kann, trifft er doch das Wesen des medizinischen und zahnmedizinischen Studiums“, betont Cascorbi. Auch der praktische Unterricht der Anatomie habe erheblich gelitten und könne am Präparat nicht vollständig nachgeholt werden. „Natürlich ist jetzt der Wunsch sehr groß, dass wieder zum Regelbetrieb, insbesondere zum klinisch-praktischen Unterricht zurückgekehrt wird“, sagt der Studiendekan. Eine große Rolle spielten die Impfungen: „Nach Bereitstellung von Impfdosen durch das Land Schleswig-Holstein war es zunächst möglich, alle Studierenden im klinischen Abschnitt und dann auch die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Studierenden der Vorklinik zu berücksichtigen“, erklärt er. Es sei damit zu rechnen, dass der größte Teil der Studierenden und Lehrenden spätestens im Spätsommer vollständig geimpft sei.

„Die Stärkung digitaler Lehre erscheint für die Zukunft – unabhängig von der Pandemie – wichtig.“ Martina Kadmon, Universität Augsburg. Foto: privat
„Die Stärkung digitaler Lehre erscheint für die Zukunft – unabhängig von der Pandemie – wichtig.“ Martina Kadmon, Universität Augsburg. Foto: privat

Auch an der noch recht jungen Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg steht die Planung für das Wintersemester 2021/22 aktuell unter dem Grundsatz, so viel Präsenzunterricht zu planen, „wie aus der Sicherheitsperspektive möglich ist“. „Konkret bedeutet das, dass der Unterricht am Patienten in Präsenz stattfinden wird“, sagt Prof. Dr. med. Martina Kadmon, Gründungsdekanin der Medizinischen Fakultät in Augsburg, dem Deutschen Ärzteblatt. Auch Kleingruppenunterricht und Praktika könnten überwiegend in Präsenz stattfinden. Seminare und Vorlesungen plane man den künftigen Abstandsregeln bei vollständigem Impfstatus entweder online oder in Präsenz. „Hier sind eventuell Raumkapazitäten limitierend, da unser aktueller Hörsaal bei Einhalten der Abstandsregeln nur maximal 50 Studierende gleichzeitig zulässt“, erläutert sie.

Insgesamt hinge der Anteil der Präsenzlehre stark von den ab Oktober geltenden Hygienerichtlinien und vom Impfstatus der Studierenden ab, ergänzt Prof. Dr. med. Thomas Rotthoff, Lehrstuhl für Medizindidaktik und Ausbildungsforschung der Medizinischen Fakultät der Uni Augsburg. „Wir sind bereit, so viel wie möglich in Präsenz zu lehren.“ Für die Planung spielten jedoch Raumkapazitäten unter Abstandsregeln, aber auch Wechselzeiten bei Online- und Präsenzphasen eine große Rolle.

„Es ist für unsere Studierenden entscheidend, dass die Medizinischen Fakultäten so schnell wie möglich und in relevantem Umfang wieder praktischen Unterricht aufnehmen, um Studienzeiten nicht zu verlängern“, betont Kadmon, die sich als Vizepräsidentin des medizinischen Fakultätentages insbesondere für den Bereich der Lehre engagiert. Wünschenswert wäre aus ihrer Sicht, dass alle Studierende bis zum Beginn des Wintersemesters ein Impfangebot erhielten, sodass der praktische Unterricht unter den bestmöglichen Sicherheitsbedingungen durchgeführt werden könne. „Auch eine Teststrategie, wie eine ganze Reihe von Fakultäten sie schon im laufenden Sommersemester umgesetzt haben, trägt zur Sicherheit bei“, so Kadmon. Digitale Lehre alleine reiche auf Dauer nicht nicht aus, meint sie. Sie sollte unbedingt sinnvoll abgestimmt mit Präsenzlehre im Sinne von Blended Learning abgestimmt werden. „Andererseits erscheint unter dieser Bedingung des Blended Learning die Stärkung digitaler Lehre für die Zukunft – unabhängig von der Pandemie – wichtig.“

„Der praktische Unterricht muss und musste in Präsenz stattfinden.“ Michael Gekle, Universität Halle. Foto: Privat
„Der praktische Unterricht muss und musste in Präsenz stattfinden.“ Michael Gekle, Universität Halle. Foto: Privat

An der Universitätsmedizin Halle werden für das Wintersemester 2021/22 mit Ausnahme der Vorlesungen alle Veranstaltungen in Präsenz geplant. „Der praktische Unterricht – und zwar vom ersten bis zum letzten Semester – muss und musste in Präsenz stattfinden“, erklärt Prof. Dr. med. Michael Gekle, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Halle-Wittenberg, dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir sehen keinen Grund, die praktische Lehre nicht oder in geringerem Maße als vor 2020 durchzuführen. Dagegen wären die mittel- und langfristigen Nachteile einer Einschränkung des praktischen Unterrichts unseres Erachtens nicht zu verantworten.“ Ohne Präsenzunterricht leide die ärztliche Ausbildung deutlich, meint der Dekan. Dies gelte nicht nur für praktische Fertigkeiten, sondern auch für die theroretisch-intellektuelle Bildung. „Kritisch-reflexives Studieren ohne die direkte Interaktion ist nur begrenzt möglich.“

Die Ausbildung in Halle habe während der Pandemie jedoch nur begrenzten Schaden genommen, berichtet Gekle. Denn tatsächlich habe der Unterricht an der Universitätsmedizin Halle nicht weitgehend digital stattgefunden, sondern „evidenzbasiert und risiko-adaptiert“ soweit möglich in Präsenz. „Konkret haben wir die Vorlesungen in digitaler Form durchgeführt, um Raumressourcen für andere Veranstaltungsformen zu schaffen“, erläutert Gekle. Dadurch sei es auch während der vergangenen drei Semester möglich gewesen, einen wesentlichen Anteil der praktischen Kurse, Teile der Seminare sowie die Veranstaltungen und Prüfungen im Dorothea-Erxleben-Lernzentrum weiterhin in Präsenz durchzuführen. „Wir haben zu diesem Zweck entsprechende Hygienekonzepte etabliert und flächendeckend FFP2-Masken sowie Schnelltests zur Verfügung gestellt.“ Sein Fazit: „Den Fakultäten sollte ein angemessener Handlungsspielraum gegeben werden, da sie über die notwendige Kompetenz an der Schnittstelle zwischen Lehre, Forschung und Krankenversorgung verfügen.“

Bei den Studierenden in Halle sei das bisherige Konzept der Fakultät gut angekommen. „Somit ist es für uns selbstverständlich, dass wir wir diesen Weg weitergehen und den Primat in der Präsenzlehre sehen.“ Die Anreicherung der Präsenzlehre durch digitale Elemente im Sinne von Blended Learning sei bereits vor der Pandemie von der Fakultät propagiert, aber leider nur einem begrenzten Teil der Einrichtungen genutzt worden. „Durch die Notwendigkeiten der letzten Monate hat ein Erfahrungs- und Lernprozess eingesetzt, der dazu führen wird, dass die synergistische Nutzung digitaler Formate intensiviert wird“, ist Gekle überzeugt. Ein digitaler Ersatz von Lehrveranstaltungen werde aber nicht angestrebt. Die hochschulrechtlichen Rahmenbedingungen seien diesbezüglich nicht geklärt.

„Wenn die Pandemie es zulässt, werden etwa zwei Drittel der Veranstaltungen in Präsenz stattfinden.“ Claudia Hornberg. Foto: Peter Himsel
„Wenn die Pandemie es zulässt, werden etwa zwei Drittel der Veranstaltungen in Präsenz stattfinden.“ Claudia Hornberg. Foto: Peter Himsel

Mit besonderen Schwierigkeiten ist die pandemische Situation für die neu gegründete Medizinische Fakultät Ostwestfalen-Lippe (OWL) der Universität Bielefeld verbunden. Denn wie geplant sollen dort die allerersten Studierenden ihr Medizinstudium zum Wintersemester 2021/22 beginnen. „Die Medizinische Fakultät bereitet sich aktuell darauf vor, ihre Studierenden in den ersten Semesterwochen zu impfen, um so bereits im zweiten Teil des ersten Fachsemesters praktische Lehre mit Patientinnen und Patienten sicherstellen zu können“, berichtet Prof. Dr. med. Claudia Hornberg, Dekanin der neu gegründeten Medizinischen Fakultät OWL, dem Deutschen Ärzteblatt.

Insgesamt will die Fakultät zweigleisig verfahren: „Lehrformate mit kleinen Gruppen und praxisorientierten Lernformen werden von den Lehrenden zurzeit für die Präsenzlehre vorbereitet“, sagt Hornberg. „Wenn die Pandemie es zulässt, werden etwa zwei Drittel der Lehrveranstaltungen in Präsenz stattfinden.“

Die Fakultät bereite sich aber auch darauf vor, kurzfristig einen höheren Anteil der Lehre in den digitalen Raum zu verlegen – sofern dies notwendig wird. Veranstaltungen mit größeren Gruppen würden generell als digitale Lehre umgesetzt. Trotz der pandemischen Situation will die Fakultät jedoch ihrem Anspruch, den Studierenden ein besonders praxisorientiertes Studium zu bieten, gerecht werden: „Wir hoffen sehr, dass wir unseren Plan umsetzen können und die Studierenden bereits im ersten Fachsemester Unterricht mit Patientinnen und Patienten erleben werden“, betont die Dekanin. Neben der zügigen Immunisierung der Studierenden seien Hygienekonzepte und eine dauernde Beobachtung der Pandemieentwicklungen essenziell. 

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