ArchivDeutsches Ärzteblatt11/2000Geschichte der Neurologie in Berlin

VARIA: Tagungsbericht

Geschichte der Neurologie in Berlin

Dtsch Arztebl 2000; 97(11): A-723 / B-625 / C-569

Holdorff, Bernd

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LNSLNS Ehrung und Tagungsbericht
Prof. Dr. med. Hans Schliack hat am 26. Oktober 1999 seinen 80. Geburtstag gefeiert. Die medizinischwissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes, der er als Fachredakteur für Neurologie von 1973 bis Ende 1993 angehörte, wünscht ihm dazu nachträglich alles Gute. Aus Anlass dieses besonderen Ereignisses wurde Hans Schliack von seiner letzten Wirkungsstätte, der Neurologischen Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover, am 5. November 1999 mit einer akademischen Feier geehrt (Referenten: Prof. Dr. K. Piscol, Prof. Dr. B. Haubitz, Dr. H. Kolbe und Prof. Dr. K. Weissenborn), und in Berlin wurde unter der Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V. am 12. und 13. November 1999 das Symposium "Geschichte der Neurologie in Berlin" veranstaltet.


Die Blütezeit der Neurowissenschaften während der letzten 100 Jahre, aber auch der Bruch, den diese durch Nazizeit und Zweiten Weltkrieg erlitten hatten, waren Themen des Symposiums, das anlässlich des 80. Geburtstages von Prof. Dr. med. Hans Schliack und des 70. Geburtstages von Prof. Dr. med. Manfred Wolter unter der Leitung von Bernd Holdorff und Rolf Winau in Berlin veranstaltet wurde. Die wissenschaftliche Laudatio der beiden Jubilare hielt Peter Marx, Berlin. Über "Wilhelm und Alexander von Humboldt - Pioniere der Neurowissenschaften" berichtete Reinhard Horowski, Berlin, der vor wenigen Jahren die Parkinson-Krankheit von Wilhelm von Humboldt aufgedeckt hatte. Der Beitrag umfasste die Jenaer Untersuchungen der Humboldts zur tierischen Elektrizität in den Jahren 1794 bis 1797 bis zu Wilhelms berühmten Sprachforschungen. Weitere Themen waren: Die Anfänge der Nervenphysiologie in Berlin (Rolf Winau/Berlin), Romberg und Oppenheim auf dem Weg von der romantischen Medizin zur modernen Neurologie (Roland Schiffter/Berlin), Innere Medizin und Neurologie in Berlin (Volker Hess/Berlin) und Gründerzeit der Neurochirurgie in Berlin (Jan Zierski/Berlin).
Die Vorstellungen zum Streit: "Neurone oder Netze? - Berliner Beiträge zu einer Kontroverse der Nervenzellforschung um 1900" legte Heinz-Peter Schmiedebach, Greifswald, dar. Diese begannen unter anderem mit Robert Remaks Beobachtungen in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts, Nervenfasern könnten Ausläufer von Ganglien-Zellen sein, und standen später im Mittelpunkt einer internationalen Diskussion, aufgrund der Wilhelm von Waldeyer 1891 die Neuron-Theorie formulierte.
Manfred Wolter, Berlin, beleuchtete "Die Neurologie im Spiegel der 1867 gegründeten Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie". Er berichtete vom enormen Aufschwung der Neurologie innerhalb der Neuropsychiatrie bis 1933 und zeigte die Meilensteine der Erstbeschreibungen von Symptomen und Krankheitsentitäten auf. "Der Stellenwert der Neurologie in der psychiatrischen Lehre Griesingers und seiner Nachfolger C. Westphal und F. Jolly" wurde von Michael Seidel, Bielefeld, analysiert. Die Nachfolger Griesingers konnten seine Erwartungen, aus der Neurologie programmatisch Zugang zum Verständnis und zur Behandlung psychischer Krankheiten zu gewinnen, nicht einlösen.
Unter dem Thema "Die privaten Polikliniken für Nervenkranke vor und nach 1900" stellte Bernd Holdorff, Berlin, eine Reihe von vorwiegend jüdischen Poliklinikern (am namhaftesten Hermann Oppenheim) vor, die außerhalb der Universität und staatlicher Ämter wirken mussten und dabei dennoch der aufstrebenden Neurologie enorme Impulse gaben. Heinz A. F. Schulze, Berlin, beschrieb in seinem Beitrag "Hirnlokalisationsforschung in Berlin" unter anderem die elektrischen Reizversuche von Fritsch und Hitzig Anfang der 70er-Jahre, die Abtragungs- und Stimulationsversuche von Hermann Munk, das hirnarchitektonische Lebenswerk von C. und O. Vogt und K. Brodmann, die Apraxie-Lehre von Hugo Liepmann und die erste neurochirurgisch-experimentelle KortexLokalisationskarte beim Menschen durch Fedor Krause. Im Beitrag von Bernd Holdorff: "Zwischen Hirnforschung, Neuropsychiatrie und Emanzipation zur klinischen Neurologie bis 1933" wurde der Einsatz führender (jüdischer) Neurologen für eine selbstständige Neurologie und die spätere Realisierung nach dem Ersten Weltkrieg beschrieben.
Die "Neuropathologie in Berlin" stellte Jürgen Peiffer, Tübingen, dar. Die pathologische Anatomie des Nervensystems bekam Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend Gewicht, zum Teil an der Charité, mehr aber noch in privaten Institutionen und städtischen Krankenhäusern, letztlich auch im Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung von C. und O. Vogt mit M. Bielschowsky und dessen Nachfolgern. Das auch durch politische Belastungen schwierige Kapitel "K. Bonhoeffer und seine Schüler: Spannungsfeld zwischen Neurologie und Psychiatrie" wurde von Klaus-Jürgen Neumärker, Berlin, behandelt. Er berichtete von einem mindestens missverständlichen Balance-Akt Bonhoeffers in Bezug auf die Erbgesundheits-Gesetze, seine klare Distanz zum politischen System und seine Fürsorge für vertriebene jüdische Mitarbeiter.

Prof. Dr. med.
Bernd Holdorff
Abteilung Neurologie
Schlosspark-Klinik
Heubnerweg 2 14059 Berlin

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