ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2021Zeitliche Trends der brustkrebsspezifischen Mortalität in Deutschland
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Nach Änderung der Richtlinien zur Krebsfrüherkennung im Jahr 2003 wurde in Deutschland auf Basis der Europäischen Leitlinien ein flächendeckendes Mammografie-Screening implementiert (1). Seit 2005 haben gesetzlich versicherte Frauen zwischen 50 und 69 Jahren im Abstand von zwei Jahren Anspruch auf eine Mammografie-Screening-Untersuchung.

Das übergeordnete Ziel der Einführung des Screenings war es, die brustkrebsspezifische Mortalität zu senken. Bis heute wird kontrovers über Nutzen und Schaden des Screenings diskutiert. Auf wissenschaftlicher Ebene werden (ältere) randomisierte kontrollierte und Beobachtungsstudien (unter anderem Canadian-, Göteborg-, HIP New York-, Malmö-, Stockholm-, Two County-Trial) als Evidenzbasis herangezogen und je nach Autorengruppe unterschiedlich bewertet (2). In jüngster Zeit wird bezweifelt, ob mortalitätsreduzierende Effekte, die überwiegend in den 1970er und 1980er Jahren beobachtet wurden, heute vor dem Hintergrund verbesserter therapeutischer Möglichkeiten noch zu erzielen sind. Insoweit ist die Analyse aktueller Beobachtungsdaten besonders bedeutsam.

Eine screeningbedingte Mortalitätsreduktion sollte nicht nur bei den Teilnehmerinnen, sondern auch auf bevölkerungsbezogener Ebene sichtbar werden. Zu erwarten wäre auch, dass der Rückgang der Brustkrebsmortalität mit einem Rückgang der diagnostizierten Spätstadien einhergeht. Beide Effekte sollten sich vor allem in der screeningberechtigten Altersgruppe und nicht beziehungsweise nur in einem geringeren Ausmaß in den anderen Altersgruppen zeigen.

Katalinic et al. berichteten 2019, dass die Inzidenz von Stadium-IV-Tumoren im Vergleich der Jahre 2003/2004 und 2015/2016 bei den 50- bis 59-Jährigen um 23,0 % und bei den 60- bis 69-Jährigen um 24,2 % gesunken war. In den anderen Altersgruppen war die Inzidenz jedoch nicht oder nicht so stark zurückgegangen. Hinsichtlich der Brustkrebsmortalität wurde ein statistisch signifikanter Rückgang um 25,8 % bei den 50- bis 59-Jährigen und um 21,2 % bei den 60- bis 69-jährigen Frauen (Altersgruppe 40–49: −16,1 %; 70–79: −2,5 %) beschrieben (3).

Wir untersuchten auf Basis von bevölkerungsbezogenen Daten bis zum Jahr 2018, ob sich die beobachteten Mortalitätstrends fortsetzten.

Material und Methoden

Bevölkerungs- und Mortalitätsdaten der Jahre 2003 bis 2018 wurden über die Gesundheitsberichterstattung des Bundes abgerufen (www.gbe-bund.de; letzter Zugriff am 8. 1. 2021).

Altersspezifische Raten werden für sechs Altersgruppen (screeningberechtigt: 50–59, 60–69 Jahre; nicht anspruchsberechtigt: 20–39, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 48, 49, 70–79 und ≥ 80 Jahre) berichtet. Unterschiede werden als absolute und relative Differenzen der Raten für die Prä-Screening-Zeit (Mittelwert 2003/2004) und die derzeit verfügbaren aktuellsten zwei Jahre (2017/2018) berichtet. Trendanalysen wurden mittels Joinpoint-Regressionsmodellen durchgeführt (SEER Joinpoint Software 4.7.0.0; Modelselektion mittels gewichtetem „bayesian information criterion“, BIC). Joinpoint-Regressionen ermitteln schrittweise log-lineare Regressionsgeraden und liefern Schätzer der jährlichen prozentualen Veränderung („annual percentage change“, APC) sowie deren 95-%-Konfidenzintervalle. Maximal drei Joinpoints waren zugelassen.

Ergebnisse

In der Trendanalyse zeigte sich ein Mortalitätsrückgang in fast allen Altersgruppen bis circa 2007–2010, mit den größten Abnahmen für die Altersgruppen 20–39, 40–49 und 50–59 Jahre (Grafik). Danach veränderten sich die Trends. Weiterhin sind Abnahmen in den screeningberechtigten Altersgruppen (50–59 Jahre: APC −1,6 % [−0,8; −2,3]); 60–69 Jahre: APC −2,7 % [−2,1; −3,2)]) zu beobachten. Verglichen mit dem Vor-Screening-Zeitraum lagen die Mortalitätsraten in den Jahren 2017/2018 in den screeningrelevanten Altersgruppen um 28,8 % beziehungsweise 23,6 % niedriger. Ab dem Jahr 2008 beziehungsweise 2007 wurden in den beiden ältesten Gruppen Zunahmen der Mortalitätsraten beobachtet (70–79 Jahre: APC 0,5 % [0; 0,9]; ≥ 80 Jahre: APC 1,8 % [1,4; 2,1]). Die relative Zunahme der Rate bei Frauen ≥ 80 Jahren lag bei 14,2 %.

Zeitliche Trends der altersgruppenspezifischen Brustkrebsmortalität in Deutschland
Grafik
Zeitliche Trends der altersgruppenspezifischen Brustkrebsmortalität in Deutschland

Diskussion

Wie zuvor für den Zeitraum bis 2016 beschrieben (3), hat sich der Mortalitätsrückgang in den screeningrelevanten Altersgruppen bis 2018 fortgesetzt. Die Mortalitätsrate in der Altersgruppe 70–79 liegt zwar noch etwas unter der Rate aus dem Vor-Screening-Zeitraum, weist aber seit 2008 einen leichten Anstieg auf (APC: 0,5 %; [0; 0,9]). In der Altersgruppe ≥ 80 liegt die Zunahme der Sterblichkeit in der Post-Implementierungsphase bei einer jährlichen prozentualen Veränderung von 1,8 % [1,4; 2,1]. Der Grund hierfür ist unklar.

Für die höheren Altersgruppen muss berücksichtigt werden, dass die Teilnahme am Mammografie-Screening gegebenenfalls nicht oder nur eingeschränkt möglich war, da Frauen der hohen Altersgruppen bei der Screening-Einführung 2005 bereits zu alt für die Teilnahme am Screening waren.

Die isolierte Betrachtung der Altersgruppe der 70- bis 74-Jährigen (Daten nicht gezeigt), die vor 2018 an bis zu sechs Screeningrunden teilnehmen konnten, zeigt eine kontinuierliche Abnahme der Mortalität. Insgesamt deutet der anhaltende Mortalitätsrückgang in den Screening-Altersgruppen bei Stagnation beziehungsweise Anstieg in den anderen Altersgruppen auf einen Effekt des Mammografie-Screenings hin.

Derzeit wird die Ausweitung des Screenings auf jüngere (< 50 Jahre) und ältere Frauen (≥ 70 Jahre) diskutiert und in Studien untersucht (zum Beispiel [4, 5]). Eine Expertengruppe der Europäischen Kommission (ECIBC) sieht dafür ausreichende Evidenz gegeben. Der aktuell fehlende Mortalitätsrückgang in diesen Altersgruppen sollte auch in Deutschland Anlass für eine solche Diskussion sein.

Annika Waldmann, Joachim Hübner, Alexander Katalinic

Interessenkonflikt
Prof. Dr. Katalinic ist Vorsitzender der wissenschaftlichen Beirats der Kooperationsgemeinschaft Mammografie-Screening.

Dr. Dr. Hübner erhielt Honorare für eine Autoren- beziehungsweise Co-Autorenschaft im Rahmen einer Publikation, bei der ein Bezug zum Thema besteht, vom Springer-Verlag.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 18. 1. 2021, revidierte Fassung angenommen: 5. 3. 2021

Zitierweise
Waldmann A, Hübner J, Katalinic A: Trends over time in breast-cancer-specific mortality in Germany. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 538–9. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0182

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter: www.aerzteblatt-international.de

1.
Perry N, Broeders M, de Wolf C, Törnberg S, Holland R, von Karsa L: European guidelines for quality assurance in breast cancer screening and diagnosis. Brussels, Belgium: European Communities; 2006.
2.
Mandrik O, Zielonke N, Meheus F, et al.: Systematic reviews as a ‚lens of evidence‘: Determinants of benefits and harms of breast cancer screening. Int J Cancer 2019; 145: 994–1006 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Katalinic A, Eisemann N, Kraywinkel K, Noftz MR, Hübner J: Breast cancer incidence and mortality before and after implementation of the German mammography screening program. Int J Cancer 2020; 147: 709–18 CrossRef MEDLINE
4.
Duffy SW, Vulkan D, Cuckle H, et al.: Effect of mammographic screening from age 40 years on breast cancer mortality (UK Age trial): final results of a randomised, controlled trial. Lancet Oncol 2020; 21: 1165–72 CrossRef
5.
Lynge E, Beau AB, von Euler-Chelpin M, et al.: Breast cancer mortality and overdiagnosis after implementation of population-based screening in Denmark. Breast Cancer Res Treat 2020; 184: 891–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie, Universität zu Lübeck (Waldmann, Hübner, Katalinic) alexander.katalinic@uksh.de
Institut für Krebsepidemiologie e. V., Universität zu Lübeck (Katalinic)
Zeitliche Trends der altersgruppenspezifischen Brustkrebsmortalität in Deutschland
Grafik
Zeitliche Trends der altersgruppenspezifischen Brustkrebsmortalität in Deutschland
1.Perry N, Broeders M, de Wolf C, Törnberg S, Holland R, von Karsa L: European guidelines for quality assurance in breast cancer screening and diagnosis. Brussels, Belgium: European Communities; 2006.
2.Mandrik O, Zielonke N, Meheus F, et al.: Systematic reviews as a ‚lens of evidence‘: Determinants of benefits and harms of breast cancer screening. Int J Cancer 2019; 145: 994–1006 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Katalinic A, Eisemann N, Kraywinkel K, Noftz MR, Hübner J: Breast cancer incidence and mortality before and after implementation of the German mammography screening program. Int J Cancer 2020; 147: 709–18 CrossRef MEDLINE
4.Duffy SW, Vulkan D, Cuckle H, et al.: Effect of mammographic screening from age 40 years on breast cancer mortality (UK Age trial): final results of a randomised, controlled trial. Lancet Oncol 2020; 21: 1165–72 CrossRef
5.Lynge E, Beau AB, von Euler-Chelpin M, et al.: Breast cancer mortality and overdiagnosis after implementation of population-based screening in Denmark. Breast Cancer Res Treat 2020; 184: 891–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Themen:

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote