ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2021Coronapolitik: Mal wieder zu spät

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Coronapolitik: Mal wieder zu spät

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Außengastronomie ist voll, die Bevölkerung reist und die Politik wartet ab. Diesen Satz hätte man auch getrost im vergangenen Sommer schreiben können. Gravierender Unterschied ist die – immer noch zu geringe – Impfquote der deutschen Bevölkerung. Selbst in der Altersgruppe der über 60-Jährigen sind nur rund 78 Prozent geimpft. Das macht deutlich, dass die Hospitalisierungsrate doch schneller steigen könnte, als man denkt. Impfkampagnen mit Uschi Glas und Günther Jauch reichen offensichtlich auf wundersame Weise nicht aus. Eine Aufklärungskampagne sieht anders aus und hat es eigentlich auch nicht gegeben. Es wurde mehr reagiert als agiert. Jetzt muss man handeln. Dazu gehört, dass Impfunwillige auf Dauer nicht mehr kostenfrei auf Tests ausweichen können. Impfen ist dann keine Privatsache mehr, wenn die Gesellschaft kontinuierlich für diese Unwilligen zahlen muss und dazu noch in Gefahr gebracht wird. Darüber hinaus schaffen kostenpflichtige Bürgertests einen Anreiz, sich impfen zu lassen. Bei Redaktionsschluss wurden die Stimmen immer lauter, Bürgertests kostenpflichtig zu machen.

Sicherlich ist dies kein Thema, mit dem man in den Wahlkampf ziehen möchte, was man an der Zurückhaltung der Politik merkt, hier Entscheidungen zu treffen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hält solch einen Weg zwar für interessant, aber muss gleichzeitig zuschauen, wie sein nicht geimpfter Stellvertreter Hubert Aiwanger (Freie Wähler) in einem Interview an der Sicherheit und Wirksamkeit der Coronavakzine zweifelt. Und zu allem Überfluss darüber fabuliert, dass es ja wohl nicht auf eine Impfung mehr oder weniger ankomme. Bayern ist damit ein Paradebeispiel, wie sehr der Wahlkampf die Coronapolitik behindert. Aiwanger liebäugelt im Bund mit der Fünf-Prozent-Hürde, Söder will die Landeskoalition kurz vor der Bundestagswahl nicht beenden. Die Folge: Es passiert nichts und schafft auch noch Unsicherheit bei denjenigen, die noch überlegen, sich impfen zu lassen.

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Dieser politische Stillstand war auch – wie im vergangenen Jahr – bei der Testpflicht der Reiserückkehrer zu beobachten. „Ganz überraschend“ gehen jetzt schon die ersten Schulferien zu Ende, aber erst in der vergangenen Woche wurde eine Verordnung für die Testpflicht von Reiserückkehrern auf den Weg gebracht. Wie die Gesundheitsämter dann die Kontaktverfolgung leisten sollen, ist auch noch nicht geklärt.

Für die großen Verlierer der Pandemie, die Kinder und Jugendlichen, hat sich nichts gebessert. Wie der Schulstart organisiert wird, wie die Lüftungssituation vor Ort ist und wie getestet wird, steht nicht an erster Stelle der politischen Agenda. Zudem mehren sich die Studien, die deutlich machen, wie sehr Kinder und Jugendliche unter den Einschränkungen gelitten haben. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung schätzt zum Beispiel, dass durch die Pandemie zusätzlich 477 000 Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren von depressiven Symptomen betroffen sind.

Wahlkampf und die Angst vor Entscheidungen führen zu einem coronapolitischen Sommerschlaf. Zentrale Fragen werden verschleppt, bis eine Entscheidung zu spät kommt. Auffrischungsimpfungen sollen jetzt zwar kommen, aber detaillierte Pläne gibt es noch nicht. Israel legt hier schon wieder vor. Die Bevölkerung registriert dies sehr wohl, schaut man sich die Wahlprognosen an. Am Erscheinungstag dieser Ausgabe ist die nächste Ministerpräsidentenkonferenz. Für die drängenden Probleme mal wieder zu spät.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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Avatar #661050
bermudadoc00
am Mittwoch, 11. August 2021, 14:53

Andere Meinungen aushalten.

Wenn Kolleg*innen andere Kolleg*innen als "Schwurbler" bezeichnen zeigt es doch, dass Ärzt*innen eben auch nur Menschen sind. Es sind Menschen, die sich in der hitzigen und polarisierenden Debatte über ein Virus aber recht unprofessionell verhalten. Gerade wir Ärzte kennen doch aus unserem täglichen Berufsleben, dass es in der Medizin oft nicht schwarz oder weiß gibt, außer vielleicht beim Tod. Wir sind es doch gewohnt in einer großen Grauzone zu arbeiten, in der die evidenzbasieserte Medizin Klarheit verschaffen soll. In der jetzigen Pandemie haben wir, auch zeitlich bedingt, nach EBM-Maßstäben diese Klarheit noch nicht. Ist es also unter uns notwendig, dass wir uns gegenseitig "canceln", so wie es da draußen in den sozialen Medien aber auch den klassischen Medien Usus wird, oder können wir andere Meinungen aushalten, ohne Kolleg*innen mit Namen wie "Querdenker, Schwurbler" zu beschimpfen. Wenn wir unter uns sind sollten wir Toleranz üben und sachlich diskutieren. Geht es um die Außendarstellung der Ärtz*innen kommt natürlich die Politik ins Spiel. Menschen, die nicht medizinisch vorgebildet sind könnten in so einer sachlichen Diskussion einiges Mißverstehen, die Presse etwas aus dem Zusammenhang herausgerissen falsch darstellen.
Beim Ärzteblatt sind wir aber nur unter uns, zumindest sollte es so sein. Da das Ärzteblatt nicht für jedermann zugänglich ist können wir doch offen diskutieren, müssen nicht politisch werden, weswegen ich mich ebenfalls am "Mal wieder zu spät" gestört habe. Das Statement "Bei Redaktionsschluss wurden die Stimmen immer lauter, Bürgertests kostenpflichtig zu machen." ist unangebracht. Wer sind "wir" denn? Wird das Ärzteblatt zu einer normalen Gazette in der wir Ärzt*innen anfangen müssen, Meinungen von Fakten mühsam zu trennen, verliert es an Klasse und Qualität. Ich möchte, dass es beim Ärzteblatt weiterhin unaufgeregt und sachlich zugeht. Bitte lasst uns andere Meinungen aushalten!
Avatar #890542
G. Enom
am Montag, 9. August 2021, 13:57

Verschwurbler nun auch im Ärzteblatt?

Ein gelungenes Statement des stellv. Chefredakteurs zur Planlosigkeit politischen Handelns in der Pandemie. Eins von vielen zu diesem Thema.
Aber selbst nach eineinhalb Jahren Covid-Pandemie gibt es sogar an dieser Stelle Trolle, Querdenker u. dergl., die sich lieber nicht zum Thema äußern, dafür ganz eindeutig mit den Fakten zu Impfstoffen, Impfschutz, Studienlagen oder auch nur ganz allgemein mit virologischem und epidemiologischem (Schul-)Grundlagenwissen auf Kriegsfuß befinden. Zu viel Komplexität.
Müßig, die "polemischen, gehässigen, dummen und unwissenden" (danke!) Kommentare hier richtigstellen zu wollen.
Mehr Faktenchecks in Fachkreisen, weniger Algorithmen in sozialen Medien.
Avatar #13
blatt
am Montag, 9. August 2021, 11:51

Impfen wirkt

Die Zahl der Todesfälle ist in Großbritannien zuletzt um rund ein Drittel zurückgegangen. In der zurückliegenden Woche gar um 41 Prozent. ich würde sagen, Impfen wirkt, das lässt sich auch in anderen Ländern nachweisen.
Avatar #586594
Arztberlin
am Montag, 9. August 2021, 11:43

Geimpften in Gefahr!!

Wie effektiv ist diese Notimpfung wenn sie nicht schützt so wenig schützt dass Nichtgeimpfte eine Gefahr sind,???
Priorisierung eines Inkompetenten Mittels
Leugnung anderer Interventionen Ignoranz von UV Licht und Vitamin C
Kein Rauchverbot
Und kein Impfstoff aus Kuba dem besten weltweit !
Avatar #836932
Sassandra
am Montag, 9. August 2021, 10:22

Wiedermal

Hetze gegen "Unwillige" - wie bei den Masken. Es wird nicht berücksichtigt, dass es Menschen gibt, die vor diesen neuartigen Impfstoffen Angst haben, sich aufgrund von Vorerkrankungen nicht impfen lassen können. Man soll einen "klassischen" Impfstoff zur Verfügung stellen, dann sind vielleicht mehr Menschen zur Impfung bereit! Abgesehen davon gibt es sehr gute Behandlungsmethoden. Es ist in meinen Augen unverständlich, warum man eine Weltbevölkerung mit einem vollkommen unbekannten Impfstoff durchimpfen will, ohne die Folgen zu kennen! Also gebt uns einen klassischen Impfstoff, und die Bereitschaft wird steigen!
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 9. August 2021, 09:20

Polemisch, gehässig, dumm und unwissend!

Da schreibt der stellvertretende Chefredakteur des Deutschen Ärzteblattes, Michael Schmedt, einen fachlich-inhaltlich hervorragend kritischen Artikel zur derzeitigen und letztjährigen CORONA-Politik der Bundesregierung. Alle seine Detailpunkte bei der naiv-fehlerhaft-dilettantischen Bewältigung der Sars-CoV-2-/COVID-19-Pandemie kann ich persönlich nur mit unterschreiben.

"SEITE EINS Coronapolitik: Mal wieder zu spät" steht doch in krassem Gegensatz zur oft unkritischen "Hofberichterstattung" der Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten. Damit ist der vorstehende Kommentar einfach nur polemisch, gehässig, dumm, unwissend und substanzlos.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #781162
Anna2802
am Montag, 9. August 2021, 07:28

Dies liest sich wie Nachrichten im ARD und ZDF

Hoffentlich bekommen Sie auch etwas von den Rundfunkgebühren ab. Sehr traurig solch einen einseitigen Meinungsartikel gerade hier zu lesen.

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