ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Das Zehnkampf-Team: No dope! – „Könige der Athleten“ ringen um den sauberen Sport

THEMEN DER ZEIT: Reportage

Das Zehnkampf-Team: No dope! – „Könige der Athleten“ ringen um den sauberen Sport

Glöser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das sportliche Großereignis schlechthin, die Olympischen Spiele, beginnt in wenigen Tagen. Daß in Atlanta nicht jeder Athlet mit fairen Mitteln um Siege und Medaillen kämpfen wird, befürchtet der AntiDopingexperte des deutschen Zehnkampf-Teams, Werner Haas: "Es werden wohl wieder gedopte Spiele sein." Seit Beginn der 90er Jahre engagiert sich die Interessengemeinschaft für den sauberen Sport. Der ehemalige Weltklasse-Zehnkämpfer, Dr. med. Siegfried Wentz, hat die Politik des Teams "mit viel Einsatz an Zeit und Energie" maßgeblich bestimmt


Die Kontrolle beginnt immer mit einem Anruf und endet im Labor. Auch noch sechs Jahre nach Abschluß seiner aktiven Laufbahn als Weltklasse-Zehnkämpfer erinnert sich Dr. med. Siegfried Wentz lebhaft und mit durchaus gemischten Gefühlen an die zahlreichen Toilettengänge mit den Dopingkontrolleuren. "Das ging schon hart an die Intimsphäre", sagt der angehende Facharzt für Orthopädie, der an der Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt arbeitet.
Doping, Ende der 80er Jahre war dies das beherrschende Thema in der internationalen Leichtathletik. Der Name Ben Johnson stand für Manipulation, Unfairneß und Betrug. Dr. med. Siegfried Wentz, in seiner aktiven Zeit von jedermann nur "Siggi" Wentz genannt, stellte sich damals an die Spitze einer Athleteninitiative, die die Glaubwürdigkeit des in Verruf geratenen Hochleistungssports wiederherstellen wollte.
Von 1990 an haben die Zehnkämpfer, die "Könige der Leichtathleten", zusammen mit ihren Trainern in professioneller Manier einen Verein aufgebaut, zu dessen Mitgliedern bald auch Ärzte, Betreuer und andere Interessierte zählten. Mit viel Engagement machte sich das "Zehnkampf-Team" für einen sauberen Sport stark. Denn das von offizieller Seite organisierte Doping-Kontroll-System im Hochleistungssport war auch in Deutschland lückenhaft. Das Ziel war gesteckt: Der einwandfreie Nachweis mußte her, daß Weltklasseleistungen auch "clean" möglich sind.


Schuldbekenntnis stand am Neuanfang
Die Initiative bekam durch die Wiedervereinigung Deutschlands zusätzliches Gewicht. "Uns war klar", so Siggi Wentz, "daß vor allem die Sportler aus der ehemaligen DDR sehr angreifbar sind." Mit einer bemerkenswerten Erklärung im Oktober 1991 in Bad Nauheim demonstrierten alle Zehnkämpfer, daß sie gemeinsam für einen sauberen Neuanfang stehen: "Es wurde in den alten und neuen Bundesländern ge-dopt! Wir, auch die ehemals Schuldigen, verurteilen heute Dopingvergehen auf das schärfste!" Mit Presseerklärungen dieser Art gewannen die Athleten Öffentlichkeit und Sponsoren für sich. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, meint Werner Haas, der Anti-Doping-Beauftragte des Teams: "Das Konzept ist nicht übergestülpt. Es geht von der Basis aus, von den Athleten und Trainern selbst."
Konkret heißt das: Jeder Athlet unterschreibt eine Verpflichtungserklärung, nicht zu dopen und unangemeldete Kontrollen zuzulassen. "Bei Verstößen muß der Sportler eine Strafe von 3 000 Dollar an den Internationalen Leichtathletik-Verband (I.A.A.F.) entrichten", erläutert Haas die Spielregeln. "Das Geld wird ausschließlich zur Dopingbe-kämpfung eingesetzt." Zudem folge der Ausschluß aus dem Verein. Dies sei bisher nur einmal vorgekommen, bei einem Athleten, "der die unangemeldeten Kontrollen nicht mitmachen wollte".
Das ursprünglich geplante Konzept, jeden Zehnkämpfer zweimal im Monat zu kontrollieren, erwies sich allerdings als unrealistisch: "Inzwischen haben wir auch dazugelernt", so Haas. "Diese Kontrolldichte ist eigentlich unsinnig und viel zu kostenaufwendig." Immerhin müsse man pro Kontrolle mittlerweile 400 DM auf den Tisch legen. Im Jahr 1993 hat das Zehnkampf-Team 19 Kaderathleten insgesamt 234mal kontrollieren lassen. Die Kosten dafür lagen bei 19 000 DM, an denen sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) zur Hälfte beteiligte.
Momentan werden nur noch die zehn besten, auch international startenden Athleten sechsmal pro Jahr zusätzlich im Training kontrolliert. Haas hält das für hinreichend: "Damit können wir international klar dokumentieren, daß die Athleten anabolikafrei sind." Alle anderen Ka-derathleten fallen unter das Kontrollsystem des DLV, das nach dem Prinzip des Zufallsgenerators funktioniert: Es könne sein, "daß ein Athlet fünfmal oder auch gar nicht kontrolliert wird".


Keine Chance für Apfelsaft . . .
Die leidige Kontrollprozedur an sich ist Siggi Wentz auch heute noch präsent. Der Kontrolleur habe auf der Toilette genau beobachtet, daß "der abgelassene Urin auch echt ist". Der für A- und B-Probe benötigte Urin müsse einwandfrei gekennzeichnet werden. Die Dokumentation sei perfekt, wenn beide unterschrieben hätten, daß die Kontrollflüssigkeit ohne jeden Zweifel ihrem Besitzer zugeordnet werden kann. "Manipulation ist überhaupt nicht möglich", weiß Siggi Wentz aus eigener Erfahrung, "man kann keinen Apfelsaft in die Fläschchen abfüllen, zur Tür rausgehen und diese dem Kontrolleur in die Hand drücken."
Das Kontrollsystem nimmt ein Stück persönliche Freiheit, daran ist nicht zu rütteln. Jeder Athlet muß stets angeben, wo er wann trainiert oder Ferien macht. Dies sei, obwohl notwendig, auch manchmal "lästig gewesen".
Das Zehnkampf-Team stattete seine Athleten zusätzlich mit einem "verbindlichen" Dopingkontroll- und Medikamentenpaß aus. In dem 60-Seiten-Büchlein dokumentiert der Kontrolleur die Prozedur genauestens. Dieser ist Mitarbeiter eines unabhängigen Unternehmens, das der Deutsche Sportbund beauftragt hat. Auch sämtliche Medikamente, die die Athleten einnehmen, werden in den Paß eingetragen. Daß alle betreuenden Ärzte über die Medikation des Sportlers Bescheid wissen, hält Siggi Wentz für extrem wichtig, sogar unentbehrlich: "Das ist die beste Lebensversicherung für jeden Athleten." Betroffen und nachdenklich erinnert er sich dabei an den Tod der Siebenkämpferin Birgit Dressel. Die Hochleistungssportlerin war 1987 nach einer Medikamenten-Odyssee, die ihr zum großen Sieg verhelfen sollte, auf tragische Weise ums Leben gekommen.

"Machtkämpfe" mit dem DLV
Dem DLV war das Zehnkampf-Team mit seiner Forderung, konsequente Dopingkontrollen einzuführen, anfangs ein Dorn im Auge. "Wir sind auf großen Widerstand gestoßen", blickt Wentz zurück, "doch wir haben die Machtkämpfe mit der Öffentlichkeit im Rücken für uns entscheiden können." Seit einiger Zeit gehe man den Weg gemeinsam. Der DLV habe sich die Ziele des Teams zu eigen gemacht: "Die Zahl der vom Verband veranlaßten Kontrollen ist in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen." Auch der Dopingkontroll- und Medikamentenpaß ersetzt seit 1992 den Athletenpaß des DLV. Nicht zuletzt das Engagement der Zehnkämpfer habe dazu geführt, daß der Verband im deutschen Spitzen-sport inzwischen eine Vorreiterrolle innehabe, was das Kontrollsystem angehe, meint auch Haas.
Allerdings habe in letzter Zeit der öffentliche Druck auf die Athleten wieder nachgelassen. "Der aktuelle, spektakuläre Fall fehlt. Wenn er auftritt, wird wieder die Post abgehen", glaubt der Anti-Doping-Beauftragte. Die damaligen Auseinandersetzungen erklärt er sich so: "Die Dopingmentalität schien in der Verbandsstruktur noch sehr stark zu sein." Der Verband habe sicherlich einiges "augenzwinkernd in Kauf genommen. Was man wollte, waren Medaillen".

International ist das Konzept gescheitert
Mit viel persönlichem Einsatz an Zeit und Energie "haben wir aus dem Nichts etwas geschaffen", zieht Siggi Wentz heute Bilanz. Bis 1994 hat er als Vorstandsvorsitzender die Politik des Zehnkampf-Teams maßgeblich bestimmt. Im vergangenen Jahr zog er sich aus der Führungsspitze der mittlerweile 235 Mitglieder starken Interessengemeinschaft zurück. Einen Dämpfer mußte das Team jedoch hinnehmen. Auch wenn das Kontrollsystem inzwischen auf nationaler Ebene funktioniert, international hat es bisher keine Früchte getragen.
Der Versuch, die Idee des sauberen Sports mit der Gründung des "International Decathlon Team" zu exportieren, ist gescheitert. Die Zehnkämpfer aus Kanada, Frankreich, der Schweiz und Japan hätten sich bei der Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart zwar bereit erklärt, ein ähnliches Kontrollsystem aufzubauen. "Mit Schrecken" mußte Haas jedoch feststellen, daß die Athleten "dann plötzlich nichts mehr von sich hören ließen". Ein Jahr später "gestand mir der französische Trainer, daß seine Athleten ein Jahr lang überhaupt nicht kontrolliert worden waren".
Um international Druck auszu-üben, hat sich das Team inzwischen etwas anderes einfallen lassen: Ein Schriftzug, das "Clean-Power"-Logo, ziert die Trikots der Zehnkämpfer. Die internationale Konkurrenz soll beeindruckt werden. Das Symbol der Sauberkeit werde allen verliehen, die eine bestimmte Anzahl an Dopingkontrollen im Jahr nachweisen können. Allein hilft das natürlich nicht. "Es ist sehr zäh", räumt Haas ein, "wir werden versuchen, diese Idee noch auszuweiten, damit sie öffentlich wirkt."
"Solange das Konzept international nicht greift", spricht Siggi Wentz eine Konsequenz dieser Initiative an, gebe es in der Öffentlichkeit und den Medien auch kritische Stimmen: "Wenn wir im Kampf um Medaillen und Rekorde unterliegen, wird das von einigen dann so kommentiert: Wir haben zwar die bestkontrollierten Athleten der Welt, dafür laufen sie aber nur hinterher."


Der "Knackpunkt": Die neuen Methoden
"Im Bereich der anabolen Steroide haben wir festen Boden betreten. Wer heute mit Anabolika erwischt wird, ist sehr, sehr dumm", sagt Haas. Doch auch dem verschärften Kontrollsystem sind Grenzen gesetzt. Der anfängliche Enthusiasmus des Anti-Doping-Beauftragten ist gebremst. Denn inzwischen sind ganz andere Doping-Methoden in der Welt, die mit Analyseverfahren noch nicht nachgewiesen werden können. "Das ist der Knackpunkt", geht Haas dem eigentlichen Problem auf den Grund. Die neuen "Wundermittel", human growth hormone und Erythropoetin, sollen heute den entscheidenden Vorsprung bringen.
"Letztendlich ist die Chemie dem Sport immer einen Schritt voraus", weiß auch Siggi Wentz. Er hält dies aber nicht zuletzt für ein gesellschaftliches Problem. Der Sport sei zum Geschäft geworden. "Wer heute sehr gut ist, kann sich für einige Jahre ein gutes Polster verschaffen oder eine Ausbildung finanzieren." Er selbst habe Sport und Beruf immer strikt getrennt. Sein Medizinstudium sei ihm genauso wichtig gewesen wie die sportliche Karriere. "Ohne Studium hätte ich meinen Sport nicht so betreiben können."
Heute gibt der Vizeweltmeister von 1987 seine Erfahrungen an den Nachwuchs weiter. Als betreuender Arzt der jugendlichen Zehnkämpfer ist ihm bewußter denn je, daß Doping nicht gleich Doping ist. Die Liste der verbotenen Medikamente umfasse mittlerweile etwa 2 000 Präparate. Nach Wirkungsweisen werde dabei jedoch nicht differenziert. "Benutzt ein Sportler ein Nasenspray mit Ephedrin, ist das doch nicht mit dem Schlucken von Wachstumshormonen zu vergleichen." Ein vernünftiger Ansatz wäre, "die Medikamentenliste komplett zu entrümpeln" und die "teilweise abstrusen Dinge" herauszunehmen.
Trotz aller Probleme, ein wirklich lückenloses Kontrollsystem zu etablieren, käme für den Arzt Siegfried Wentz eine generelle Freigabe von Dopingmitteln nicht in Frage. "Ich kenne die Wirkungen und habe als Arzt die Verpflichtung, Menschen zu schützen. Egal, ob es um Dopingmittel oder andere Medikamente geht", hält er den Befürwortern eines solchen Schrittes entgegen. Entschieden lehnt auch Haas eine Freigabe ab. Vielmehr gehe der Kampf des Zehnkampf-Teams für den sauberen Sport weiter: "Wenn wir keine Monsterathleten bekommen wollen, müssen wir aktiv bleiben." Dr. Sabine Glöser

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote