ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2021Ausfall der RSV-Saison 2020/21 im Verlauf der COVID-19-Pandemie
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Das endemisch auftretende respiratorische Synzytialvirus (RSV) zeigt ein klar saisonales Auftreten; in klimatisch gemäßigten, nördlichen Regionen erstreckt sich die RSV-Saison insbesondere über den Zeitraum von November bis März. Erstinfektionen mit RSV finden zumeist in den ersten zwei Lebensjahren statt und stellen eine der Hauptursachen für untere Atemwegsinfektionen bei Säuglingen und Kleinkindern dar (1). Nichtpharmazeutische Interventionen zur Kontrolle der COVID-19-Pandemie wie soziale Distanzierungsmaßnahmen und Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten haben zu einer erheblichen Reduktion von akuten Atemwegsinfekten in der Allgemeinbevölkerung geführt (2). Die „Pediatric Airway Pathogen Incidence“ (PAPI)-Studie untersucht die Dynamik von Atemwegsinfektionen sowie das Auftreten von schwer verlaufenden RSV-Infektionen bei Säuglingen und Kleinkindern vor, während und nach der COVID-19-Pandemie. Wir beschreiben hier erstmals den Komplettausfall der hiesigen RSV-Saison 2020/21 anhand systematisch erfasster Daten.

Methoden

Die PAPI-Studie ist eine multizentrische prospektive Untersuchung zur Erhebung populationsbasierter Inzidenzen von RSV-Infektionen und deren assoziierter Krankheitslast. Hierzu werden in teilnehmenden Zentren (Hannover, Oldenburg, Flensburg) hospitalisierte Patienten bis zu einem Lebensalter von ≤ 24 Monaten auf das Vorliegen unterer Atemwegsinfektionen gemäß einer Falldefinition gescreent (Symptomgruppe A: Fieber, Husten, Rhinitis, Pharyngitis; Symptomgruppe B: Giemen, Rasselgeräusche, abgeschwächtes Atemgeräusch, Tachy-/Dyspnoe, Hypoxämie). Einschluss erfolgt bei mindestens einem Symptom aus jeder Gruppe. Patienten erhalten einen Nasenrachenabstrich mit PCR-basierter (PCR, „polymerase chain reaction“) Diagnostik auf respiratorische Viren (RSV A/B, Adenovirus, Coronavirus 229E/HKU1/NL63/OC43, MERS-CoV, SARS-CoV-2, Bocavirus, Metapneumovirus, Rhino/Enterovirus, Influenza A/A H1/ A H1-2009/A H3, Influenza B, Parainfluenzavirus 1/2/3/4).

Die prospektive Datenerhebung begann mit der Infektionssaison 2020/21. Zusätzlich erfolgte in den Zentren Medizinische Hochschule Hannover und Universitätskinderklinik Oldenburg eine retrospektive Analyse der RSV-Saisons 2017/18–2019/20 auf Vorliegen oben genannter Falldefinition mit RSV-Nachweis in den Kalenderwochen 41–19. In beiden Zentren waren für diesen Zeitraum eine systematische RSV-Diagnostik und Dokumentation des Krankheitsverlaufs in der klinischen Routine implementiert. Die Untersuchung wurden durch lokale Ethikkommissionen geprüft (Ethikvotum 9442_BO_K_2020 MHH).

Ergebnisse

Von 2017/18–2019/20 wurden insgesamt n = 400 Patienten im Alter von 0–24 Monaten in Hannover und Oldenburg aufgrund einer RSV-Infektion hospitalisiert (Hospitalisationsdauer im Mittel 5,9 Tage, Interquartilabstand 4). In diesen Saisons waren im Schnitt 58,9 % (Standardabweichung 2,8 %) der Patienten mit zutreffender Falldefinition positiv für RSV. Kumulativ waren dies im Schnitt 133 Patienten mit RSV pro Saison (95-%-Konfidenzintervall: [76; 190]; Tabelle). Das chronologische Durchschnittsalter dieser Kinder lag bei 5,8 Monaten [5,2; 6,4]. Der Anteil an Frühgeborenen lag bei 16,7 %; 3,3 % wurden mit Pavilizumab behandelt. Die Saisons begannen zwischen Kalenderwoche (KW) 49 und KW 51, wobei 2017/18 ein früherer Infektionshöhepunkt (KW 52 in 2017) als 2018/19 (KW 7 in 2019) und 2019/20 (KW 8 in 2020) auftrat (Grafik).

RSV-assoziierte Hospitalisierungen
Grafik
RSV-assoziierte Hospitalisierungen
Kinder mit RSV-Infektion in den Kliniken in Hannover und Oldenburg
Tabelle
Kinder mit RSV-Infektion in den Kliniken in Hannover und Oldenburg

In der prospektiven Erfassung möglicher RSV-Fälle ab Herbst 2020 wurden von KW 41–KW 15/2021 insgesamt n = 250 Kinder < 24 Lebensmonaten auf das Vorliegen der Falldefinition gescreent. Von diesen traf die Falldefinition nur auf n = 12 Kinder zu, und lediglich n = 4 dieser Patienten hatten einen positiven Virusnachweis (n = 2 Adenovirus, n = 2 Rhinovirus/Enterovirus, n = 0 SARS-CoV-2, keine Koinfektionen). Bei keinem Kind wurde eine Infektion mit RSV festgestellt. An den Studienzentren Hannover und Oldenburg führte der Wegfall der RSV-assoziierten Hospitalisationen zusammengefasst zu einer Reduktion von durchschnittlich n = 780 Krankenhaustagen mit n = 92 Beatmungstagen pro Saison (Tabelle).

Diskussion

Unsere Daten zeigen erstmals den dramatischen Rückgang der RSV-Aktivität 2020/21 in Deutschland. Pandemie-assoziierte Veränderungen der RSV-Epidemiologie wurden auch aus anderen europäischen Ländern berichtet (3) und waren im Vorfeld auch in der südlichen Hemisphäre beobachtet worden – mit einer unerwarteten RSV-Epidemie im australischen Sommer (4).

Das Ausbleiben der RSV-Saison hierzulande hat Implikationen für die Versorgung pädiatrischer Patienten. So bedeutet dies den Wegfall eines der Hauptgründe für Krankenhauseinweisungen im Säuglingsalter und damit eine deutliche Morbiditätsreduktion in dieser Altersgruppe. Zudem sind relevante Auswirkungen auf die zukünftige RSV-Aktivität zu erwarten: Wesentlicher Risikofaktor für schwere RSV-Infektionsverläufe ist neben dem Alter die Erstinfektion mit dem Virus (1). Mit dem Ausfall der RSV-Saison 2020/21 steigt für die kommende RSV-Saison die Anzahl bislang RSV-naiver Kinder. Dies könnte zum Anstieg der RSV-Morbidität und vermehrten Hospitalisierungen führen (5).

Mit der Lockerung von sozialen Distanzierungsmaßnahmen muss zudem mit extrasaisonalen RSV-Ausbrüchen gerechnet werden (4). Daher sollte bei Reduktion der nichtpharmazeutischen Interventionen auch außerhalb der typischen RSV-Saison bei klinischem Verdacht auf das Virus getestet werden. Eine kontinuierliche Beobachtung der zirkulierenden Atemwegspathogene ist entscheidend, da gegebenenfalls eine Anpassung der saisongerechten Applikation der passiven RSV-Immunisierung mittels Palivizumab (monoklonaler Antikörper gegen RSV) bei Kindern mit hohem Risikoprofil erfolgen muss.

Limitationen unserer Studie bestehen darin, dass sie nur einen kleinen, regional begrenzten Ausschnitt der deutschen Krankenhauslandschaft widerspiegelt und durch den Fokus auf hospitalisierte RSV-Fälle keine Extrapolation auf eine allgemeine RSV-Surveillance im Säuglings- und Kleinkindalter in Deutschland zulässt. Wir hoffen, dass die Daten dazu beitragen können, die Wachsamkeit für ein mögliches extrasaisonales und verstärktes Auftreten von RSV bei erneuter Infektionsaktivität zu erhöhen, sodass Präventions- und Behandlungsstrategien entsprechend adaptiert werden können.

Matthias Lange*, Christine Happle*, Juliane Hamel, Michael Dördelmann, Mathieu Bangert, Rolf Kramer, Frank Eberhardt, Marcus Panning, Axel Heep, Gesine Hansen, Martin Wetzke

* Die Autoren teilen sich die Erstautorenschaft.
Klinik für Pädiatrische Intensivmedizin, Kinderkardiologie, Pädiatrische Pneumologie und Allergologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Oldenburg (Lange, Hamel, Heep)
Klinik für Pädiatrische Pneumologie, Allergologie und Neonatologie, Medizinische Hochschule Hannover (Happle, Hansen, Wetzke) wetzke.martin@mh-hannover.de
Deutsches Zentrum für Lungenforschung, „Biomedical Research in End-stage and Obstructive Lung Disease Hannover“ (BREATH) (Happle, Hansen, Wetzke)

Exzellenzcluster RESIST („Resolving Infection Susceptibility“), Hannover
(Happle, Hansen)
Kinderklinik Diakonissenkrankenhaus Flensburg (Dördelmann)
Sanofi-Pasteur, Deutschland/Frankreich (Bangert, Kramer)
CAPNETZ STIFTUNG, Hannover (Eberhardt)
Institut für Virologie, Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Fakultät Universität Freiburg (Panning)

Forschungsförderung
Die PAPI-Studie wird durch Mittel der Firmen Sanofi-Pasteur/AstraZeneca unterstützt.

Interessenkonflikt
Christine Happle hat Forschungsförderung durch die Firmen Novartis und Pari erhalten.
Mathieu Bangert hält Aktien von Sanofi.
Marcus Panning hat Honorare für Vorträge der Firma Siemens Healthineers erhalten.
Rolf Kramer und Mathieu Bangert sind Mitarbeiter der Firma Sanofi-Pasteur.
Martin Wetzke hat Honorare für Vorträge und Beratungstätigkeiten von Novartis, GSK, und AstraZeneca erhalten.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 14. 5. 2021, revidierte Fassung angenommen: 16. 7. 2021

Zitierweise
Lange M, Happle C, Hamel J, Dördelmann M, Bangert M, Kramer R, Eberhardt F, Panning M, Heep A, Hansen G, Wetzke M: Non-appearance of the RSV season 2020/21 during the COVID-19 pandemic—prospective, multicenter data on the incidence of respiratory syncytial virus (RSV) infection. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 561–2. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0300

Dieser Beitrag erschien online am 11. 8. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter: www.aerzteblatt-international.de

1.
Shi T, McAllister DA, O‘Brien KL, et al.: Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children in 2015: a systematic review and modelling study. Lancet 2017; 390: 946–58 CrossRef
2.
Schranz M, Ullrich A, Rexroth U, et al.: Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und assoziierter Public-Health-Maßnahmen auf andere meldepflichtige Infektionskrankheiten in Deutschland (MW 1/2016–32/2020). Epid Bull 2021; 7: 3–7.
3.
Haapanen M, Renko M, Artama M, Kuitunen I: The impact of the lockdown and the re-opening of schools and day cares on the epidemiology of SARS-CoV-2 and other respiratory infections in children—a nationwide register study in Finland. EClinicalMedicine 2021; 34: 100807 CrossRef
4.
Foley DA, Yeoh DK, Minney-Smith CA, et al.: The interseasonal resurgence of respiratory syncytial virus in Australian children following the reduction of coronavirus disease 2019-related public health measures. Clin Infect Dis 2021; doi: 10.1093/cid/ciaa1906. Online ahead of print CrossRef
5.
Baker RE, Park SW, Yang W, Vecchi GA, Metcalf CJE, Grenfell BT: The impact of COVID-19 nonpharmaceutical interventions on the future dynamics of endemic infections. Proc Natl Acad Sci USA 2020; 117: 30547–53 CrossRef
RSV-assoziierte Hospitalisierungen
Grafik
RSV-assoziierte Hospitalisierungen
Kinder mit RSV-Infektion in den Kliniken in Hannover und Oldenburg
Tabelle
Kinder mit RSV-Infektion in den Kliniken in Hannover und Oldenburg
1.Shi T, McAllister DA, O‘Brien KL, et al.: Global, regional, and national disease burden estimates of acute lower respiratory infections due to respiratory syncytial virus in young children in 2015: a systematic review and modelling study. Lancet 2017; 390: 946–58 CrossRef
2.Schranz M, Ullrich A, Rexroth U, et al.: Die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und assoziierter Public-Health-Maßnahmen auf andere meldepflichtige Infektionskrankheiten in Deutschland (MW 1/2016–32/2020). Epid Bull 2021; 7: 3–7.
3.Haapanen M, Renko M, Artama M, Kuitunen I: The impact of the lockdown and the re-opening of schools and day cares on the epidemiology of SARS-CoV-2 and other respiratory infections in children—a nationwide register study in Finland. EClinicalMedicine 2021; 34: 100807 CrossRef
4.Foley DA, Yeoh DK, Minney-Smith CA, et al.: The interseasonal resurgence of respiratory syncytial virus in Australian children following the reduction of coronavirus disease 2019-related public health measures. Clin Infect Dis 2021; doi: 10.1093/cid/ciaa1906. Online ahead of print CrossRef
5.Baker RE, Park SW, Yang W, Vecchi GA, Metcalf CJE, Grenfell BT: The impact of COVID-19 nonpharmaceutical interventions on the future dynamics of endemic infections. Proc Natl Acad Sci USA 2020; 117: 30547–53 CrossRef

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udwa65
am Freitag, 3. September 2021, 11:15

Aussage Ausfall RSV nach PKI EpiBulletin 32-21 nicht nachvollziehbar!

Guten Tag,
die Aussage, dass RSV ausgefallen ist, ist nicht nachvollziehbar und ggf. falsch.
In 32-21"https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2020_2021/2021-32.pdf"
liest man...
"Die Werte der ARE-Konsultationsinzidenz sind im Berichtszeitraum bei den Kindern (0 bis 14 Jahre)
gesunken und bei den Erwachsenen relativ stabil geblieben (Abb. 3)."
Die Werte bei 0-4 Jahren sind zwar im Spitzenwert gesunken aber dafür in der Summe kaum. Der Verlauf ist etwas gestreckt.
Ggf. gibt es darauf ja eine Antwort. Ich würde gemäss RKI Zahlen des GrippeWeb sagen die Aussage der Studie ist falsch.

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