ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Zusatzqualifikation für Ärztinnen und Ärzte: Neue Wege als Gesundheitsmanager

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Zusatzqualifikation für Ärztinnen und Ärzte: Neue Wege als Gesundheitsmanager

Dauth, Sabine

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LNSLNS Der Arbeitsmarkt für Ärztinnen und Ärzte wird enger. Gesucht werden zunehmend Mediziner mit Zusatzqualifikationen, die zum Beispiel Kenntnisse in Gesundheitsökonomie, EDV oder Qualitätsmanagement besitzen. Wer sein Wissen über das eigentliche Fachgebiet hinaus erweitert, tut das nicht immer, weil Arbeitslosigkeit ihn dazu zwingt. Manche Ärztinnen und Ärzte haben auch Lust, traditionelle Berufsbereiche zu verlassen. Einen neuen Ansatz hierzu bietet der Lehrgang "Mediziner im Gesundheitsmanagement" in Mainz. Seit Oktober 1995 qualifizieren sich dort 14 Ärztinnen und Ärzte für zukünftige Aufgaben. Die Akademie für ärztliche Fortbildung in Rheinland-Pfalz hat den Kursus inzwischen zertifiziert.


Wir kommen aus den verschiedensten Ecken, und wir wollen auch wieder in verschiedene" – dieses Bild wählt Ruth Aff, um sich und die anderen Teilnehmer am Lehrgang "Mediziner im Gesundheitsmanagement" in Mainz zu charakterisieren. Seit Oktober 1995 lernen 13 Ärztinnen und Ärzte sowie eine Zahnärztin in Mainz Fachübergreifendes, um in Zukunft vielleicht als Beauftragte für Qualitätssicherung im Krankenhaus zu arbeiten oder als Mitarbeiter der Entwicklungsabteilung einer Softwarefirma, die sich auf Lösungen für Klinik und Praxis spezialisiert hat.
Ein Jahr lang haben sie Zeit, sich zu qualifizieren. Neun Monate davon stehen die unterschiedlichsten Fächer und Themen auf dem Stundenplan: Ökonomie und Struktur der Sozialversicherungssysteme, Betriebsführung und -organisation samt Rechnungswesen, Qualitäts- und Umweltmanagement sowie spezifische Themen aus dem Bereich medizinische Informatik. Gut ein Dutzend Referenten aus unterschiedlichen Berufszweigen vermitteln Wissen und Fertigkeiten. Zum Lehrprogramm gehören auch Unternehmensplanspiele, Präsentationstraining, Rollenspiele (siehe Kasten links).
Das Mainzer Pilotprojekt wurde gemeinsam von der Firma acb GmbH in Bonn und dem Fachvermittlungsdienst beim Arbeitsamt Mainz entwickelt. acb bietet neben anderen Kursen seit längerem auch solche zur Akademikerweiterbildung und -zusatzqualifikation an. "Wir dachten uns, daß ein Angebot wie das in Mainz einfach nötig ist", beschreibt Cornelia Tacke, Geschäftsführerin von acb, ihre Überlegung. MalteJürgen Haase vom Fachvermittlungsdienst ergänzt, daß es im Rhein-Main-Gebiet für arbeitslose Ärztinnen und Ärzte jahrelang nur Angebote speziell für die Qualifikation in medizinischer EDV gab. Schließlich habe man überlegt, etwas Neues und Fachübergreifendes anzubieten. So entstand die Konzeption zum Lehrgang (siehe Kasten auf der nächsten Seite unten).
Das Pensum ist für alle in Mainz dasselbe. Doch die Vorstellungen darüber, wo sie von Oktober 1996 an am liebsten arbeiten wollen, gehen auseinander. Ruth Aff hat nach ihrer Zeit als Ärztin im Praktikum als Gutachterin beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen gearbeitet. "Ich möchte gern wieder ins Krankenhaus zurück", sagt sie inzwischen. Auf jeden Fall ist die Ärztin davon überzeugt, daß die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse, die sie sich angeeignet hat, eine gute Ergänzung zum medizinischen Fachwissen sind.
"Ich möchte nicht mehr in die Klinik zurück, sondern in einen ganz anderen Bereich", meint dagegen Irena Chylarecki. Sie besitzt bereits eine zusätzliche Qualifikation für den Bereich Marketing in der Pharmaindustrie und könnte sich gut vorstellen, dorthin zurückzukehren oder irgendwo anders im Qualitätsmanagement zu arbeiten. In ein Krankenhaus mit seiner spezifischen Hierarchie möchte sie nicht unbedingt zurück: "Ich sehe es auch als eine Chance an, etwas Neues zu machen in einem Bereich, wo noch nicht so viele Stellen von Männern belegt sind."
Britta Grunert hat mehrere Jahre in der Gynäkologie und Geburtshilfe gearbeitet. Am Lehrgang hat sie zunächst am meisten der Bereich EDV gereizt. Dann fand sie jedoch auch andere Themen spannend: "Ich dachte immer, Betriebswirtschaftslehre sei was ganz Trockenes", erinnert sie sich. Sie meint, daß ihr die neuen Kenntnisse andere Berufsperspektiven eröffnet haben und Einblick in unbekannte eigene Fähigkeiten. Im Moment würde Britta Grunert gern in einer Unternehmensberatung für Krankenhausmanagement arbeiten. Denn nach ihren bisherigen Erfahrungen ist sie überzeugt, daß sich in Krankenhäusern derzeit allenfalls in der Position einer Oberärztin etwas bewegen läßt.


Vorteile gegenüber Betriebswirten
In einem scheinen sich die Lehrgangsteilnehmer einig zu sein: Der Erfahrungsschatz durch die Berufsausübung und das medizinische Fachwissen machten Ärzte zu einem kompenten Gesprächspartner im Krankenhausbetrieb. Die meisten meinen, daß man sich als Betriebswirt oder Organisationssoziologe nur schwer das notwendige Wissen aneignen könne, um im Gesundheitsmanagement zu arbeiten. Das Umgekehrte halten sie für ein kleineres Problem.
"Das Krankenhaus hat eine eigene Sprache", begründet Ruth Aff diese Ansicht. Ähnlich sieht es Britta Grunert: "Ein Mediziner kennt den Ablauf im Krankenhaus, weiß, wie die Leute arbeiten und denken. Über diese Erfahrung verfügt ein Betriebswirt nicht." Und Irena Chylarecki ergänzt: "Wir haben den Vorteil, daß wir auf Station waren. Den haben die anderen nicht."
Um zukünftige Arbeitsfelder kennenzulernen, absolviert jeder ein drei Monate langes Praktikum. Cornelia Tacke von acb berichtet, daß bislang vor allem Unternehmensberatungen und Krankenhausgesellschaften bereit sind, die zusätzlich qualifizierten Ärzte anzustellen. Etwas bedächtiger entschieden die Krankenkassen, ganz schwierig sei es derzeit noch bei den Kassenärztlichen Vereinigungen. Sie alle sind jedoch potentielle Arbeitgeber auf Dauer.
Ärztinnen und Ärzte mit der Zusatzqualifikation "Gesundheitsmanagement" sind nach Auffassung von acb vielseitig einsetzbar. Vorstellbar sind Stabs- und Beraterpositionen im Projektmanagement, eine Koordinationsfunktion im Total-Quality-Management sowie im Controlling oder Marketing. Auch für eine Tätigkeit in der Pharmaindustrie und in Unternehmen der Medizintechnik oder Medizinsoftware wären die Kursteilnehmer qualifiziert.
Daß gerade in ureigensten ärztlichen Arbeitsbereichen wie dem Krankenhaus schwer unterzukommen ist, hat nicht nur etwas mit eingeschränkten Budgets der Kliniken zu tun. Ein Lehrgangsteilnehmer ist der Auffassung, daß man mit der Zusatzqualifikation zwischen allen Stühlen sitzt. Im Krankenhaus habe man alle gegen sich, wenn man zum Beispiel im Bereich Qualitätsmanagement arbeite: die Kollegen, die sich kontrolliert fühlten und es ja auch würden, aber ebenso die Mitarbeiter der Klinikverwaltung, die Ärzten gegenüber oft sehr kritisch eingestellt seien.
Daß es Konflikte geben wird, ist den Kursteilnehmern klar. Sie sehen sich als Mittler und vertrauen auf die eigene Kompetenz, sachliche Erfordernisse zu verdeutlichen und durchzusetzen. Im Oktober kann es losgehen.


Lernformen und Methoden
c Theoretischer Unterricht
c Impulsreferate
c Teamarbeit
c Projektarbeit
c Rollenspiele
c Praxistage/Exkursionen
c Kommunikationsübungen
c Präsentation/Metaplantechnik
c Praktische EDV-Übungen
c Praktikum
c Fallstudium
c Gruppendiskussionen
c Mind-mapping
c Strategiespiel
c Symposiumssimulation
c Kreativitätstechniken
Sabine Dauth

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