ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2021Behandlungsfehlervorwürfe aus rechtsmedizinischer Sicht überwiegend ungerechtfertigt
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Seit Jahren registrieren Schlichtungsstellen und Gutachterkommissionen der Ärztekammern vermehrt Behandlungsfehlervorwürfe. Gleichermaßen stiegen solche bei letalen Ereignissen von 1,8 % des Gesamtobduktionsgutes im Jahr 1985 auf 9,3 % im Jahr 2010 (1, 2).

Studiendesign

Diese Studie untersucht letale Behandlungsfehlervorwürfe bei Obduktionen im Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf von 2007 bis 2017.

In diesem Zeitraum wurden 14 289 Obduktionen durchgeführt, von denen insgesamt 7,5 % (n = 1 071, 95-%-Konfidenzintervall: [4,7; 10,3]) aufgrund von Behandlungsfehlervorwürfen erfolgten. Dabei stieg dieser Anteil von 3,3 % (n = 41 [0,5; 6,1]) in 2007 auf 14,2 % (n = 210 [11,4; 17,0]) in 2016 an. 2017 wurde mit 11,8 % [9,0; 14,6] ein leichter Rückgang verzeichnet.

Alle Obduktionsberichte, die einen Behandlungsfehlervorwurf beinhalteten, wurden auf die Todesursachen, Vorwurferheber, Tatbestände, Beschuldigten sowie Rechtfertigungen der Vorwürfe hin untersucht.

Die Rechtfertigung des Vorwurfs wurde mithilfe der rechtsmedizinischen Fachgutachten sowie der klinischen Fallakten kategorisiert:

  • ausgeschlossen: kein Hinweis auf tödlichen Behandlungsfehler
  • unwahrscheinlich: anderes Handeln hätte nicht mit forensisch notwendiger Sicherheit einen anderen Verlauf zur Folge gehabt, beispielsweise bei Erkrankungen mit infauster Prognose trotz korrekter Behandlung
  • möglich: weder Bestätigung noch Ausschluss eines letalen Behandlungsfehlers, beispielsweise bei unklarem klinischem Verlauf
  • wahrscheinlich: mutmaßlich mit dem Tod kausal zusammenhängender Behandlungsfehler

Es gilt zu bedenken, dass der Endpunkt dieser Studie die rechtsmedizinische Begutachtung darstellte. Eventuelle juristische Konsequenzen wurden nicht erhoben, da die Akten der Staatsanwaltschaft und etwaiger Gutachter nicht zur Verfügung standen. Vorherige Untersuchungen zeigten jedoch, dass sich der juristische Verlauf weitgehend an der fachlichen Einschätzung der rechtsmedizinischen Gutachter orientiert und in den meisten Fällen eine Analogie angenommen werden kann (1).

Ergebnisse

In dieser Untersuchung stellten kardiovaskuläre (46 % [43,3; 49,4]), infektiöse (17,5 % [15,4; 19,8]) sowie pulmonale (11,5 % [9,6; 13,4]) Erkrankungen die häufigsten Todesursachen dar. Erhoben wurden 58,7 % der Vorwürfe von Ermittlungsbehörden [55,8; 62,0], 37,4 % von Angehörigen [34,2; 40,2] und 3,9 % von anderen Beteiligten [2,8; 5,0]. Vorwürfe durch Ermittlungsbehörden entstehen meist, wenn der leichenschauende Arzt eine ‚nicht-natürliche‘ oder ‚ungeklärte‘ Todesart bescheinigt und sich bei der nachfolgenden behördlichen Sachverhaltsprüfung ein Hinweis auf einen Behandlungsfehlervorwurf ergibt. Die je nach Vorwurferheber unterschiedlichen Schwerpunkte der Tatbestände gehen aus Tabelle 1 hervor.

Übersicht über die Tatbestände der Vorwürfe gruppiert nach den Vorwurferhebern: Ermittlungsbehörden, Angehörige und andere Beteiligte (behandelnde Ärzte, Betreuer, Bestatter)
Tabelle 1
Übersicht über die Tatbestände der Vorwürfe gruppiert nach den Vorwurferhebern: Ermittlungsbehörden, Angehörige und andere Beteiligte (behandelnde Ärzte, Betreuer, Bestatter)

Die Vorwürfe beinhalteten vorwiegend fehlerhafte ärztliche Eingriffe (26 % [23,4; 28,4]), Unterlassen (24,3 % [22,0; 26,6]) sowie Therapie- und Diagnosefehler (24,1 % [21,7; 26,2]). Darauf folgten Pflegefehler (15,1 % [13,2; 17,1]) sowie Vorwürfe einer mangelnden Hygiene, Kommunikation oder Aufklärung (5,1 % [4,1; 6,6]).

Insbesondere Angehörige erhoben häufig mehr als einen Vorwurf gleichzeitig (in 37,2 % einen zweiten, in 8 % einen dritten, in 1,8 % einen vierten Vorwurf).

Beschuldigte waren zu 29,5 % Chirurgen [28,1; 31,0], 19 % Internisten [17,8; 20,3], 15,8 % Pflegepersonal [14,6; 16,8] und 7,8 % Allgemeinmediziner [6,9; 8,5]. Vorwürfe an Allgemeinmediziner gingen meist von Ermittlungsbehörden (71,4 % [61,0; 81,0]) aus, seltener von Angehörigen (26,2 % [6,7; 35,6]). Sie beinhalteten insbesondere ein Unterlassen (58 % [48,2; 67,7]) sowie Therapie- und Diagnosefehler (40 % [28,6; 47,9]).

Von den 1 071 Fällen von Behandlungsfehlervorwürfen konnten Fehler in 60,6 % der Fälle (n = 649 [57,6; 63,5]) durch das rechtsmedizinische Fachgutachten ausgeschlossen werden (Tabelle 2). Bei 16,6 % der Vorwürfe (n = 178 [14,5; 18,9]) wurden sie als unwahrscheinlich, bei 20,9 % (n = 224 [18,6; 23,4]) als möglich eingestuft. In 1,9 % (n = 20 [1,2; 2,8]) galt ein Fehler nach rechtsmedizinischer Einschätzung als wahrscheinlich.

Übersicht über die Rechtfertigung des Vorwurfs nach rechtsmedizinischer Beurteilung
Tabelle 2
Übersicht über die Rechtfertigung des Vorwurfs nach rechtsmedizinischer Beurteilung

Diskussion

Der Anstieg von Behandlungsfehlervorwürfen in dieser Untersuchung bestätigt die Ergebnisse vorausgegangener Untersuchungen (1, 2). Einen leichten Rückgang zeigten 2017 auch die Daten der Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer. Im Hinblick auf bereits vorher aufgetretene Schwankungen ist allerdings eher anzunehmen, dass es sich um einen kurzfristigen Effekt als um einen Wendepunkt handelt.

Die Gründe der erhöhten Fallzahlen sind multifaktoriell. Die Annahme, dass die steigenden Behandlungsfehlervorwürfe entsprechend zunehmender Behandlungsfehler entstehen, kann aufgrund der vorliegenden Untersuchung nicht bestätigt werden, da die detektierten wahrscheinlichen Fehler im untersuchten Zeitraum keine steigende Tendenz aufwiesen. Vielmehr könnte die Dynamik dadurch bedingt sein, dass sich in der Bevölkerung ein zunehmendes Bewusstsein für Fehler in der Medizin etabliert hat. Steigende Erwartungen von Patienten und Angehörigen an medizinische Behandlungen könnten die Schwelle zur Erhebung eines Vorwurfs gesenkt haben (3).

Frühere Untersuchungen zeigten, dass hinter Behandlungsfehlervorwürfen häufig eine Unerreichbarkeit der Ärzte, mangelnde ärztliche Zuwendung sowie ein fehlendes Verständnis für Patienten und Angehörige steckt (4).

Die in dieser Studie ausgewerteten, laut rechtsmedizinischen Fachgutachten überwiegend ungerechtfertigten Behandlungsfehlervorwürfe zeigen, dass insbesondere Vorwürfe von Angehörigen aus einer Unzufriedenheit heraus entstehen. Die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Maximaltherapie und den häufig limitierten Therapiemöglichkeiten kann bei unzureichender Einbindung der Angehörigen Unklarheiten verursachen (5). In diesen Kontext können auch die von ihnen gehäuften Unterlassensvorwürfe eingeordnet werden. Die seltener von Angehörigen an Allgemeinmediziner adressierten Behandlungsfehlervorwürfe lassen vermuten, dass eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Kommunikation diese Missverhältnisse vermindern kann.

Um ungerechtfertigte Behandlungsfehlervorwürfe künftig zu reduzieren, sollten Ärzte auf Patienten und Angehörige eingehen und diese in den Behandlungsverlauf bestmöglich einbinden. Insbesondere nach einem Todesfall sollten die Behandler in einem Abschlussgespräch sensibel und transparent auf die Angehörigen zugehen, um verbliebene Unklarheiten aufzulösen.

Gültig ist das allerdings nur für ungerechtfertigte Behandlungsfehlervorwürfe, während bei tatsächlichen Behandlungsfehlern eine Aufklärung und juristische Verfolgung für die Patientensicherheit unabdingbar ist.

Sophie Klusen, Klaus Püschel
Institut für Rechtsmedizin Hamburg (Klusen, Püschel)

sophie.klusen@gmail.com

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 27. 1. 2021, revidierte Fassung angenommen: 1. 3. 2021

Zitierweise
Klusen S, Püschel K: Accusations of treatment errors are mostly unjustified from the medicolegal viewpoint. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 599–600. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0171

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Janssen W, Püschel K: Zur Frage der Gutachter-Kompetenz in der Beurteilung ärztlicher Behandlungsfehler (sog. Kunstfehler). MedR 1998; 16: 119–21 CrossRef
2.
Büter F: Sogenannte „Kunstfehler“ im Sektionsgut des Institutes für Rechtsmedizin in Hamburg (2002 bis 2006) unter besonderer Berücksichtigung endoskopischer und laparoskopischer Eingriffe. Med. Dissertation Universität Hamburg 2010.
3.
Bonetti M, Cirillo P, Tanzi PM, Trinchero E: An analysis of the number of medical malpractice claims and their amounts. PloS one 2016; 11: e0153362 CrossRef
4.
Vincent C, Phillips A, Young M: Why do people sue doctors? A study of patients and relatives taking legal action. Lancet 1994; 343: 1609–13 CrossRef
5.
Köbberling J: Behandlungsfehler und Arzthaftung: Praktische Hinweise für Ärzte und Patienten. Berlin, Boston: De Gruyter 2016 CrossRef
Übersicht über die Tatbestände der Vorwürfe gruppiert nach den Vorwurferhebern: Ermittlungsbehörden, Angehörige und andere Beteiligte (behandelnde Ärzte, Betreuer, Bestatter)
Tabelle 1
Übersicht über die Tatbestände der Vorwürfe gruppiert nach den Vorwurferhebern: Ermittlungsbehörden, Angehörige und andere Beteiligte (behandelnde Ärzte, Betreuer, Bestatter)
Übersicht über die Rechtfertigung des Vorwurfs nach rechtsmedizinischer Beurteilung
Tabelle 2
Übersicht über die Rechtfertigung des Vorwurfs nach rechtsmedizinischer Beurteilung
1.Janssen W, Püschel K: Zur Frage der Gutachter-Kompetenz in der Beurteilung ärztlicher Behandlungsfehler (sog. Kunstfehler). MedR 1998; 16: 119–21 CrossRef
2.Büter F: Sogenannte „Kunstfehler“ im Sektionsgut des Institutes für Rechtsmedizin in Hamburg (2002 bis 2006) unter besonderer Berücksichtigung endoskopischer und laparoskopischer Eingriffe. Med. Dissertation Universität Hamburg 2010.
3.Bonetti M, Cirillo P, Tanzi PM, Trinchero E: An analysis of the number of medical malpractice claims and their amounts. PloS one 2016; 11: e0153362 CrossRef
4.Vincent C, Phillips A, Young M: Why do people sue doctors? A study of patients and relatives taking legal action. Lancet 1994; 343: 1609–13 CrossRef
5.Köbberling J: Behandlungsfehler und Arzthaftung: Praktische Hinweise für Ärzte und Patienten. Berlin, Boston: De Gruyter 2016 CrossRef

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