ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2021Verhaltensänderungen beim Tabak- und Alkoholkonsum in Kupferzell (Baden-Württemberg) während der Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie
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Die im März 2020 beschlossenen weitreichenden Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie stellten die Bevölkerung vor verschiedene Herausforderungen, die auch das Gesundheitsverhalten betreffen. Soziale Isolation, finanzielle Unsicherheit, Veränderungen in der Erwerbssituation und Zunahme an häuslicher Sorgearbeit als Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie könnten mit einer Zunahme an psychischem Stress verbunden sein, und es ist denkbar, dass erhöhter Stress zu einer Zunahme des Tabak- und/oder Alkoholkonsums führt (1, 2). Die Pandemie und die pandemiebedingten Einschränkungen könnten aber auch ein Anlass gewesen sein, bewusst weniger zu rauchen oder zu trinken.

Die Studie „Corona-Monitoring lokal“ (CoMoLo) erhebt die SARS-CoV-2-Seroprävalenz und den Anteil asymptomatischer SARS-CoV-2-Infektionen in besonders betroffenen Gemeinden im Rahmen der COVID-19-Pandemie in Deutschland. In der Gemeinde Kupferzell (Baden-Württemberg) kam es Ende April 2020 zu besonders hohen Inzidenzen (3). Die vorliegende Analyse geht der Frage nach, ob und inwieweit sich in Kupferzell während der von Mitte März bis Anfang Mai 2020 geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie (Kontaktbeschränkungen, Schließung von Geschäften und Restaurants) der Tabak- und der Alkoholkonsum verändert haben.

Methode

Vom 20. Mai bis 9. Juni 2020 nahmen in Kupferzell 2 203 Personen an der CoMoLo-Studie teil (Responsequote 63 %); diese waren anhand einer repräsentativen Zufallsstichprobe aus dem Einwohnermelderegister ausgewählt und zur Studienteilnahme eingeladen worden. Die Untersuchungen zu Veränderungen im Gesundheitsverhalten erfolgten zusätzlich zu den seroepidemiologischen Untersuchungen durch eine webbasierte oder telefonische Befragung.

Die Teilnehmenden wurden gefragt, ob sie rauchen. Aktuell Rauchende wurden gefragt, ob sie ihr Rauchverhalten seit dem 18. März 2020 verändert hätten. Der Alkoholkonsum wurde mit der Frage nach dem Konsum im vergangenen Monat erhoben. Befragte, die angaben, Alkohol getrunken zu haben, wurden analog zum Rauchen nach Änderungen ihres Konsums gefragt. Die Analysen basieren auf Angaben von 428 aktuell Rauchenden und von 1 682 Befragten, die im vergangenen Monat Alkohol getrunken hatten. Die Antwortkategorien wurden, auch aufgrund geringer Zellenbesetzung, in jeweils drei Gruppen zusammengefasst.

Alle Analysen wurden mit Stata (Version 17) unter Verwendung von Survey-Prozeduren für komplexe Stichproben durchgeführt. Dadurch können Stichprobengewichtung und Clustereffekte von Teilnehmenden innerhalb eines Haushalts berücksichtigt werden (3). Neben deskriptiver Statistik (Tabelle 1) wurden multinomiale logistische Regressionen genutzt (Tabelle 2), um Veränderungen im Substanzkonsum (abhängige Variablen) und Zusammenhänge mit sozialen Determinanten (Geschlecht, Alter, Bildungsstand nach International Standard Classification of Education [ISCED]) zu ermitteln. Dazu wurden Odds Ratios (OR) als Effektschätzer mit 95-%-Konfidenzintervallen (95-%-KI) berechnet.

Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabakund Alkoholkonsum nach soziodemografischen Determinanten
Tabelle 1
Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabakund Alkoholkonsum nach soziodemografischen Determinanten
Odds Ratios zu Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabak- und Alkoholkonsum
Tabelle 2
Odds Ratios zu Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabak- und Alkoholkonsum

Ergebnisse

In der deskriptiven statistischen Auswertung zeigt sich, dass der Großteil der aktuell Rauchenden (81,5 %; 95-%-KI: [76,9; 85,4]) sein Rauchverhalten nicht geändert hat. 10,6 % [7,8; 14,2] geben an, den Tabakkonsum reduziert zu haben; 7,9 % [5,2; 11,9] rauchen mehr oder haben mit dem Rauchen begonnen. Auffallend ist dabei der Geschlechterunterschied: Anteilig mehr Frauen als Männer berichten, mit dem Rauchen angefangen zu haben oder mehr zu rauchen. Dieser Effekt zeigt sich auch in der multinomialen Regressionsanalyse (Tabelle 2). Außerdem fällt auf, dass die Veränderungen des Rauchverhaltens mit dem Bildungsstand variieren. Auch beim Alkoholkonsum zeigt sich, dass ein Großteil der Befragten, die angeben, Alkohol zu trinken (80,6 % [78,4; 82,5], das Verhalten nicht geändert hat. 9,0 % [7,6; 10,6] trinken mehr und 10,4 % [8,9; 12,2] trinken weniger als zuvor. Hinsichtlich möglicher Geschlechterunterschiede fällt auf, dass 13,2 % [10,9; 15,9] der Männer ihren Alkoholkonsum reduzierten, aber nur 7,1 % [5,5; 9,1] der Frauen. Die multinomiale Regressionsanalyse bestätigt eine geringere Chance für Frauen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren. Ein möglicher weiterer Einflussfaktor für eine Verhaltensänderung ist das Alter: Im relativen Vergleich mit der Altersgruppe ≥ 40 Jahren geben mehr Personen in der Altersgruppe 18–39 Jahre an, mit dem Alkoholkonsum begonnen zu haben oder mehr zu trinken; aber auch der Anteil, der weniger trinkt als vorher, ist in dieser Altersgruppe größer. Das spiegelt sich auch in den OR wider.

Diskussion

Der Großteil der Befragten hat sein Verhalten nicht geändert. Die Ergebnisse zeigen allerdings, dass in Kupferzell bestimmte Gruppen besonders gefährdet sind, ihren Substanzkonsum nachteilig zu ändern. Demnach sind Frauen anfällig für eine Initiierung oder Steigerung des Tabakkonsums. Mögliche Erklärungen für diese Verhaltensänderungen sind, dass Frauen im Rahmen der COVID-19-Pandemie aufgrund einer Zunahme an unbezahlter häuslicher Sorgearbeit besonders belastet sind und zur Stressbewältigung mit dem Rauchen anfangen oder mehr rauchen (4). Hinsichtlich des Alkoholkonsums zeigen Jüngere einen gesteigerten, aber auch einen verringerten Alkoholkonsum. Ursächlich für einen gesteigerten Alkoholkonsum könnten pandemiebedingte (finanzielle) Unsicherheit und soziale Isolation sein. Ein reduzierter Alkoholkonsum könnte darauf zurückzuführen sein, dass sich mit der Schließung von Bars und Restaurants und mit den sozialen Kontaktbeschränkungen weniger Gelegenheiten zum Alkoholkonsum ergeben (5). Warum Frauen gegenüber Männern eine geringere Chance haben, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren, ist eine noch zu klärende Forschungsfrage.

Da die Gemeinde Kupferzell besonders stark von der Pandemie betroffen war, ist nicht klar, ob dieser Umstand oder die allgemeinen Restriktionen zu Verhaltensänderungen beigetragen haben. Aufgrund des regionalen Charakters der Studie und der relativ kleinen Stichprobe sind die Ergebnisse zudem nicht ohne weiteres auf die deutsche Gesamtbevölkerung übertragbar. Die im multinomialen Modell geschätzten Chancen für Verhaltensänderungen unterliegen aufgrund der geringen Zellenbesetzungen einer gewissen Ungenauigkeit. In welchem Umfang die Verhaltensänderungen beibehalten werden, sollte weiter beobachtet werden.

Juliane Wurm (wurmj@rki.de), Anne Starker, Anja Schienkiewitz, Olga Domanska, Susanne Krug, Stefan Damerow, Hannelore Neuhauser, Hans Butschalowsky, Carmen Koschollek

Robert Koch-Institut, Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 23. 6. 2021, revidierte Fassung angenommen: 11. 8. 2021

Zitierweise
Wurm J, Starker A, Schienkiewitz A, Domanska O, Krug S, Damerow S, Neuhauser H, Butschalowsky H, Koschollek C: Changes in alcohol and tobacco consumption in Kupferzell (Baden-Württemberg) during the period of COVID-19 pandemic restrictions. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 614–5. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0315

Dieser Beitrag erschien online am 30. 8. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Clay JM, Parker MO: The role of stress-reactivity, stress-recovery and risky decision-making in psychosocial stress-induced alcohol consumption in social drinkers. Psychopharmacology 2018; 235: 3243–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Richards JM, Stipelman BA, Bornovalova MA, Daughters SB, Sinha R, Lejuez CW: Biological mechanisms underlying the relationship between stress and smoking: state of the science and directions for future work. Biol Psychol 2011; 88: 1–12 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Santos-Hövener C, Neuhauser HK, Rosario AS, et al.: Serology-and PCR-based cumulative incidence of SARS-CoV-2 infection in adults in a successfully contained early hotspot (CoMoLo study), Germany, May to June 2020. Euro Surveill 2020; 25: 2001752 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
von Würzen B: Traditionelle Rollenverteilung in Corona-Krise belastet die Frauen. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Bertelsmann Stiftung 2020.
5.
Rehm J, Kilian C, Ferreira-Borges C, et al.: Alcohol use in times of the COVID 19: implications for monitoring and policy. Drug Alcohol Rev 2020; 39: 301–4 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabakund Alkoholkonsum nach soziodemografischen Determinanten
Tabelle 1
Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabakund Alkoholkonsum nach soziodemografischen Determinanten
Odds Ratios zu Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabak- und Alkoholkonsum
Tabelle 2
Odds Ratios zu Verhaltensänderungen im Lockdown seit März 2020 beim Tabak- und Alkoholkonsum
1.Clay JM, Parker MO: The role of stress-reactivity, stress-recovery and risky decision-making in psychosocial stress-induced alcohol consumption in social drinkers. Psychopharmacology 2018; 235: 3243–57 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Richards JM, Stipelman BA, Bornovalova MA, Daughters SB, Sinha R, Lejuez CW: Biological mechanisms underlying the relationship between stress and smoking: state of the science and directions for future work. Biol Psychol 2011; 88: 1–12 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Santos-Hövener C, Neuhauser HK, Rosario AS, et al.: Serology-and PCR-based cumulative incidence of SARS-CoV-2 infection in adults in a successfully contained early hotspot (CoMoLo study), Germany, May to June 2020. Euro Surveill 2020; 25: 2001752 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.von Würzen B: Traditionelle Rollenverteilung in Corona-Krise belastet die Frauen. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage. Bertelsmann Stiftung 2020.
5.Rehm J, Kilian C, Ferreira-Borges C, et al.: Alcohol use in times of the COVID 19: implications for monitoring and policy. Drug Alcohol Rev 2020; 39: 301–4 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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