ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2021Impfkampagne: Die Welle der Ungeimpften

SEITE EINS

Impfkampagne: Die Welle der Ungeimpften

Maibach-Nagel, Egbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Die pandemische Lage zwingt aufgrund sich ändernder Rahmenbedingungen und zunehmender Evidenz kontinuierlich zu neuen Entscheidungen, ohne Rücksicht auf den politischen Kalender. ... Kurz vor den anstehenden Wahlen erscheint ein flexibles, wissenschaftsbasiertes Agieren besonders schwierig“, heißt es in einer Stellungnahme der Berliner Gesundheitsämter zum Umgang mit der vierten Coronawelle. Dabei gehen Teilimpfpflichten oder Einschränkungen für Ungeimpfte, wie sie in anderen Staaten Westeuropas – Frankreich, der Schweiz, Griechenland oder Italien – von der Politik ausgesprochen wurden, den Kanzlerkandidat/-innen im ersten Fernseh-Triell vor der Septemberwahl nicht über die Lippen. Armin Laschet (CDSU), Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) wie auch Olaf Scholz (SPD) sprechen sich gegen die Impfpflicht aus.

Anders ist das bei den Einschränkungen für Ungeimpfte. Was Annalena Baerbock sich prinzipiell vorstellen kann – wer nicht solidarisch etwa mit Kindern oder chronisch Kranken ist, „kann ... nicht erwarten, dass alle anderen auf ihre Freiheit verzichten“, äußerte sie gegenüber der Funke Mediengruppe –, finden laut Civey-Umfrage 64 Prozent der Deutschen richtig: Sie sind zum Beispiel dafür, dass nur noch Genesene, Geimpfte oder negativ Getestete in Fernzügen mitfahren dürfen. Allerdings: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hält das für nicht umsetzbar.

Anzeige

Aber anderes scheint zu gehen: In den ersten Bundesländern werden Einschränkungen für die Gruppe der Ungeimpften – vor wenigen Wochen noch ein „No-Go“ – eingeplant oder auch schon umgesetzt. Das Hamburger 2G-Modell (geimpft, genesen) ist der Versuch, so dessen Bürgermeister und Arzt Peter Tschentscher, „die Welle der Ungeimpften zu brechen“. Auch in Baden-Württemberg, Hessen und Bayern kommt es zu ersten Anstalten, den hohen Inzidenzen bei den Ungeimpften – unter 80 Infizierten sind Ende August rechnerisch nur 3,6 Geimpfte (sogenannte Durchbrüche) – mit Kontaktbeschränkungen für die Ungeimpften zu begegnen. Im Streit zwischen Solidarität mit gefährdeten Gruppen der Kinder und Kranken versus ethischem Anspruch auf Entscheidungsfreiheit werden somit erste Fakten geschaffen.

Zwar steigen wenige Wochen vor der Wahl die Inzidenzen weiterhin und die Impfkampagne bewegt sich trotz kreativer Angebote nach unten Richtung Stillstand. Aber im zweiten Jahr der Pandemie ist inzwischen auch einiges passiert: In Deutschland sind immerhin mehr als 60 Prozent der Bürger doppelt geimpft, der Fortschritt durch die Impfkampagne ist – trotz feststellbarer Impfdurchbrüche – so klar erkennbar, dass auch die zurzeit entscheidungsschwache Politik einen weiteren Lockdown kategorisch ablehnt. Das ist zumindest ein Etappenerfolg.

Und trotzdem bleibt die Auswahl der Maßnahmen beschränkt. Auf nationaler Ebene gibt es die Impfkampagne und den vernünftigen Umgang mit den Freiheitsrechten der Bürger, immer unter Rücksichtnahme auf individual- und sozialpsychologische wie auch ökonomische Schäden. Auf internationalem Parkett bleibt die Forderung auf Zugang zu COVID-19-Impfstoffen für alle. Und bei erfolgreicher Abwehr bleibt endlich wieder dringend benötigter Raum zur Bewältigung vieler Probleme, die im Gesundheitswesen existieren, aber seit Längerem nicht mehr angefasst wurden.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote