ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2021Extrapulmonale Manifestation von COVID-19: Mukosaschäden des Verdauungstrakts sind ein häufiger endoskopischer Befund

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Extrapulmonale Manifestation von COVID-19: Mukosaschäden des Verdauungstrakts sind ein häufiger endoskopischer Befund

Gerste, Ronald D.

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Foto: Science Photo Library/Gastrolabw
Foto: Science Photo Library/Gastrolabw

Auch wenn COVID-19 primär eine Infektionserkrankung des Respirationstraktes ist, haben mehr als 10 % der Erkrankten gastrointestinale Symptome. Diese können sich vor Auftreten von oder auch ganz ohne Symptome der Atmungsorgane manifestieren. Dies ist dadurch erklärbar, dass ACE-2-Rezeptoren, über welche SARS-CoV-2 in die Zellen eindringt, im Magen, Dünndarm und im Rektum in hoher Zahl vorhanden sind. Zu den Pathomechanismen der COVID-19-Invasionen werden mikrovaskuläre, in systemischen Endothelschädigungen resultierende Veränderungen gezählt. Eine solche ischämische Schädigung, beschrieben als mikrovaskuläres thromboinflammatorisches Syndrom, könnte auch den Magen-Darm-Trakt betreffen.

Dieser Hypothese ist eine internationale Studiengruppe unter Federführung von Gastroenterologen der Vita-Salute San Raffaele Universität in Mailand nachgegangen. Während der ersten Pandemiewelle von Februar bis Mai 2020 wurden an 16 teilnehmenden Kliniken 114 Endoskopien an 106 Patienten durchgeführt. Ein Drittel der zu 70 % männlichen Patienten wurde auf Intensivstationen versorgt. Das Durchschnittsalter der Teilnehmer lag bei 68 Jahren.

In 2 Dritteln der Fälle erfolgte die Endoskopie als Notfalldiagnostik, meist wegen gastrointestinaler Blutungen. Bei 45,6 % der Patienten wurden dabei größere Anomalien festgestellt. Bei Endoskopien des oberen Verdauungstraktes fanden sich bei 25,3 % Ulzera des Magens und des Duodenums, bei 16,3 % lagen diffuse ulzerative oder erosive Schädigungen vor und bei 9,2 % petechiale oder hämorrhagische Gastropathien.

27 Patienten wurden im unteren Verdauungstrakt endoskopiert. Der auffallendste Befund war hier bei jedem Dritten (n = 9) eine ischämie-ähnliche Kolopathie, außerdem wurden weitere möglicherweise im Zusammenhang mit Gefäßveränderungen stehende Befunde erhoben: 4 Patienten hatten ein blutendes Divertikel, 3 hatten Blutungen ohne andere Auffälligkeiten. Als ein Prädiktor größerer Anomalien wurde ein D-Dimer-Spiegel von > 1 850 ng/ml identifiziert, welcher einen Risikofaktor (Odds Ratio [OR]: 12,12; 95-%-Konfidenzintervall [1,69; 86,87]) darstellt.

Fazit: In dieser hochselektiven Kohorte von COVID-19-Patienten, bei denen eine Endoskopie indiziert war, zeigte fast die Hälfte auffällige Befunde. Indes muss berücksichtigt werden, dass hier eine beträchtliche Selektionsbias vorliegen mag: Die Untersuchungen fanden in einer Phase statt, in der elektive Interventionen – wie Endoskopien – kaum vorgenommen wurden; die untersuchten Patienten stellen weniger als 1 % der an den beteiligten Kliniken aufgenommenen SARS-CoV-2-Patienten dar. Diese massiven Einschränkungen des klinischen Alltags während der Pandemie haben auch dazu geführt, dass potenzielle konkomitierende Risikofaktoren für die ischämie-ähnlichen Befunde (zum Beispiel durch CT-Angiografie) nicht abgeklärt wurden, womit die kausale Rolle der SARS-CoV-2-Infektion in Frage gestellt ist.

Dr. med. Ronald D. Gerste

Vanella G, Capurso G, Burti C, et al.: Gastrointestinal mucosal damage in patients with COVID-19 undergoing endoscopy: an international multicentre study. BMJ Open Gastro 2021; 8: e000578, DOI: 10.1136/bmjgast-2020–000578.

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