ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2021Fachkräftemangel: Wachsende Probleme für Praxen

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Fachkräftemangel: Wachsende Probleme für Praxen

Haserück, André

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Die Suche nach qualifizierten nichtärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die langfristige Bindung geeigneten Personals stellt eine immer größere Herausforderung für ärztliche und psychotherapeutische Praxen dar – dies hat bereits jetzt Folgen.

Foto:Photographee.eu/stock.adobe.com
Foto:Photographee.eu/stock.adobe.com

Praxen der vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung stehen zunehmend verschiedenen, sich gegenseitig bedingenden Personalproblemen, wie zum Beispiel kontinuierlich steigenden Personalkosten, dem zunehmenden Mangel an Fachkräften und drohender Abwanderung von Praxispersonal in andere Bereiche gegenüber. Dies hat schon jetzt konkrete Auswirkungen: So schränkten aufgrund von Personalmangel bereits rund 15 Prozent der Praxen ihr Leistungsangebot zeitweise ein.

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Dies ist ein Ergebnis einer Sonderbefragung im Rahmen des Zi-Praxis-Panels (ZiPP), die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) veröffentlicht hat. Nahezu 90 Prozent der vertragsärztlichen Praxen und mehr als ein Drittel der psychotherapeutischen Praxen haben nichtärztliches Personal angestellt. Die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal hat somit eine erhebliche Bedeutung für die Praxen und die Patientenversorgung. Dies zeigt auch ein weiterer abgefragter Punkt zur Delegation dafür geeigneter Tätigkeiten. Demnach litt in den vertragspsychotherapeutischen Praxen immerhin knapp ein Fünftel (18,7 Prozent) an Einschränkungen der Delegationsfähigkeit. In diesem Zusammenhang besorgniserregend: Die Verfügbarkeit von kompetentem nichtärztlichem Personal auf dem Arbeitsmarkt wird von den Praxen mehrheitlich als äußerst schlecht eingestuft.

Ausbildungsbemühungen gegen Personalmangel

Diese Einschätzungen decken sich auch mit der „Fachkräfteengpassanalyse“ der Bundesagentur für Arbeit, welche die medizinischen Berufe unter den besonders von Fachkräfteengpässen in den Jahren 2019 und 2020 betroffenen Berufen aufführt. Laut der Zi-Umfrage zur Personalsituation in Praxen für die Jahre 2019/2020 bilden deutlich mehr als die Hälfte der Praxen daher eigenen, nichtärztlichen Fachkräftenachwuchs aus. Etwa ein Viertel dieser Praxen sind allerdings trotz Übernahmeangeboten im Anschluss an die Ausbildungszeit von Abwanderung ihres selbst ausgebildeten Praxispersonals betroffen.

Ein Anteil von etwa 42 Prozent des abwandernden selbst ausgebildeten nichtärztlichen Personals wechselte in andere Praxen oder in medizinische Versorgungszentren (MVZ). Der weit überwiegende Teil (54 Prozent) der fertig ausgebildeten Arbeitskräfte verlässt den ambulanten Versorgungsbereich allerdings komplett, indem sie den Beruf wechseln oder in den stationären Versorgungsbereich abwandern.

Nutzung monetärer Anreize in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020
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Nutzung monetärer Anreize in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020

Umfassende Bindungsversuche durch Praxisinhaber

Um ihre Fachkräfte zu binden, haben knapp drei Viertel der vom Zi befragten Praxen ihrem angestellten Personal Sonderzahlungen und Zuschläge gewährt. Dafür haben die Praxisinhaberinnen und -inhaber durchschnittlich jeweils 4 400 Euro pro Jahr aufgewendet. Während der Coronapandemie sind zudem von mehr als zwei Dritteln steuerfreie „Coronasonderzahlungen“ in Höhe von durchschnittlich 856 Euro je nichtärztlichem Mitarbeitenden pro Praxis ausbezahlt worden.

Auch nicht monetäre Anreize spielten in den meisten Praxen eine große Rolle. Über Hebel wie Personalgespräche, regelmäßiges Feedback oder ein gemeinsam entwickeltes und gelebtes Praxisleitbild wird versucht, die Mitarbeiterbindung zur Einrichtung zu erhöhen. Trotz all dieser Bemühungen erwartet mehr als zwei Drittel der vertragsärztlichen Praxen auch für die kommenden Jahre substanzielle Probleme, geeignetes Personal auf dem Arbeitsmarkt zu finden. „Immer häufiger machen Krankenhäuser das Rennen um die gut ausgebildeten nichtmedizinischen Fachkräfte. Das wundert nicht, denn seit Jahren steigt der sogenannte Orientierungswert und damit der Preis pro Leistung für Krankenhäuser stärker als der für Vertragsarztpraxen“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. rer. pol. Dominik von Stillfried. Zwischen 2016 und 2020 sei dieser für Krankenhäuser um 15,02 Prozent gestiegen, für Vertragsarztpraxen lediglich um 6,96 Prozent.

Einschränkungen in der Delegationsfähigkeit an nichtärztliches Personal aufgrund von Personalmangel in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020
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Einschränkungen in der Delegationsfähigkeit an nichtärztliches Personal aufgrund von Personalmangel in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020

Krankenhäuser mit Vorteilen im Wettbewerb

Für das Jahr 2021 habe sich diese Entwicklung unvermindert fortgesetzt, so von Stillfried: „Für Kliniken beträgt der Anstieg 2,6 Prozent, für Kassenarztpraxen lediglich 1,25 Prozent. Die Preise für stationäre Leistungen werden dann seit 2016 um 18,63 Prozent, die für vertragsärztliche Leistungen nur um 8,30 Prozent gestiegen sein.“ So könnten Krankenhäuser leichter höhere Gehälter etwa für Medizinische Fachangestellte zahlen.

Deshalb dürfe sich die Politik nicht nur um die Personalknappheit in den Kliniken kümmern, sondern müsse auch dazu beitragen, die Abwanderung aus den Praxen zu stoppen. Werde nicht zugunsten der ärztlichen und psychotherapeutischen Praxen nachgesteuert und die Vergütungsschere zwischen Klinik und Praxis geschlossen, würden für Patientinnen und Patienten spürbare Engpässe in den Praxen drohen.

Die Zi-Umfrage fand im ersten Halbjahr 2021 per Online-Fragebogen im Rahmen der jährlichen ZiPP-Erhebung statt. Von den gut 53 000 angeschriebenen Praxen haben fast 5 300 Praxisinhaberinnen und -inhaber Angaben zur Sonderbefragung „Personalsituation in Praxen der vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung“ gemacht. Um eine möglichst repräsentative Stichprobe zu erhalten, sind hausärztliche und psychotherapeutische Praxen zufällig unter Berücksichtigung der Bevölkerungsdichte des jeweiligen Praxisstandortes ausgewählt worden. Das Engagement der Vertragsärzte- und Psychotherapeutenschaft – etwa bei der Ausbildung und bei Sonderzahlungen – veranschaulicht, dass sie bereits vielfältig aktiv sind. Allerdings scheint es notwendig, die Attraktivität des Berufs zu steigern und Abwanderungstendenzen entgegenzuwirken. Hier sind die Praxen auf monetäre und nicht monetäre Unterstützung angewiesen.

Ein eher ernüchternder Ausblick in die nähere Zukunft: Fast drei Viertel der befragten Praxen (71,5 Prozent), die nichtärztliches Personal angestellt hatten oder suchten, erwarten in den kommenden beiden Jahren Probleme hinsichtlich der Verfügbarkeit nichtärztlichen Praxispersonals. Unter den vertragsärztlichen Praxen antizipieren sogar 77,5 Prozent derartige Personalprobleme, unter den vertragspsychotherapeutischen Praxen etwa ein Drittel (31,9 Prozent). Probleme hinsichtlich der Verfügbarkeit nichtärztlichen Praxispersonals werden vermehrt in Städten (80,7 Prozent) und etwas seltener auf dem Land oder im Umland erwartet. André Haserück

Nutzung monetärer Anreize in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020
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Nutzung monetärer Anreize in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020
Einschränkungen in der Delegationsfähigkeit an nichtärztliches Personal aufgrund von Personalmangel in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020
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Einschränkungen in der Delegationsfähigkeit an nichtärztliches Personal aufgrund von Personalmangel in Praxen in den Jahren 2019 bis 2020

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