ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2021Nephrotisches Syndrom nach COVID-19-Impfung: drei neue Fälle aus Deutschland
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Nephrotische Syndrome nach Impfungen gegen Influenza, Masern, Hepatitis B oder Pneumokokken sind als sehr seltene Ereignisse beschrieben (1, 2). Aktuell gibt es im Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts vom 19. 8. 2021 keine Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Nierenschädigungen nach COVID-19-Impfungen. Eine groß angelegte Studie zum Impfstoff BNT162b2 (Comirnaty) zeigt, dass insgesamt hinsichtlich des Auftretens von Nierenschädigungen ein klar positives Nutzen-Risiko-Verhältnis der COVID-19-Impfung besteht (3). Auch beim Vergleich geimpfter und ungeimpfter Personen führte die BNT162b2-Impfung nicht zu vermehrten Nierenschäden (3). Jedoch wird in der internationalen Literatur zunehmend über Patienten mit nephrotischen Syndromen wenige Tage nach COVID-19-Impfungen berichtet (1, 2, 4). Im Folgenden werden erstmals drei neue Fälle aus Deutschland beschrieben.

Fall 1

Ein 78-jähriger Rentner bemerkt vier Tage nach Erstimpfung mit Comirnaty eine Gewichtszunahme und Ödeme. Bei unauffälligem S-Kreatinin erfolgt eine stationäre Therapie mit Verdacht auf kardiale Dekompensation. 14 Tage nach homologer Zweitimpfung kommt es zu erneuter stationärer Behandlung bei Gewichtszunahme, Beinödemen und Pleuraergüssen. Unter dem klinischen Bild eines nephrotischen Syndroms mit Eiweißmangelödemen und Hyperlipoproteinämie wird eine Nierenbiopsie mit der Diagnose einer Minimal Change Glomerulopathie/Disease (MCD) (Abbildung 1) durchgeführt. Antineutrophile cytoplasmatische Antikörper (ANCA) und antiglomeruläre Basalmembran-Antikörper (GBM-AK) sind negativ. Unter Prednisolon, Diuretika und Antikoagulation kommt es zur klinischen Besserung, nach drei Wochen bei abnehmender Proteinurie und Gewichtsreduktion von 14 kg zu einer partiellen Remission. Die Nierenfunktion ist nicht beeinträchtigt. Der Patient lebt selbstständig zu Hause und ist bisher nicht an COVID-19 erkrankt.

Histopathologische Befunde der Nieren
Abbildung 1-3
Histopathologische Befunde der Nieren

Fall 2

Eine 31-jährige Frau stellt sich sechs Tage nach Impfung mit COVID-19-Vaccine Janssen mit Kurzatmigkeit, Beinödemen und Gewichtszunahme vor. Direkt nach der Impfung kommt es zur Synkope bei orthostatischer Dysregulation. Am Abend bemerkt die Patientin ein Spannungsgefühl in den Beinen, am Folgetag Beinödeme sowie ein auffälliges Schäumen beim Urinieren.

Bei einer Proteinurie mit Hypalbuminämie, Hypercholesterinämie sowie deutlich reduziertem Immunglobulin G (IgG) und Antithrombin III bei normwertigem S-Kreatinin wird ein nephrotisches Syndrom diagnostiziert und mittels Nierenbiopsie eine Podozytopathie vom Typ einer MCD gesichert (Abbildung 2). Es folgt ein Verlauf mit Infektkomplikationen und einer Proteinurie von maximal 22 g/g Krea und Gewichtszunahme von 15 kg. Eine kalkulierte Antibiotika- und Immunglobulingabe sowie eine Prednisolontherapie und später eine Induktionstherapie mit Rituximab wird eingeleitet und nach 14 Tagen wiederholt, um mögliche Nebenwirkungen einer Langzeit-Steroidtherapie zu vermeiden. Unter Antikoagulation und Diuretika wird bei rückläufiger Proteinurie die Prednisolon-Dosis an Tag 24 halbiert und die Patientin an Tag 26 mit einer Gewichtsabnahme von 22 kg entlassen. Am Tag 52 ist die Patientin in kompletter Remission bei noch milder Hyperlipoproteinämie. Bisher ist sie nicht an COVID-19 erkrankt.

Fall 3

Eine 20-jährige Frau entwickelt fünf Tage nach der Erstimpfung mit Comirnaty generalisierte Ödeme. 40 Tage danach erfolgt die stationäre Aufnahme aufgrund zunehmender Ödeme mit nephrotischem Syndrom bei deutlicher Proteinurie, normalem S-Kreatinin, Hyperlipidämie und eumorpher Hämaturie sowie Vitamin-D-Mangel. Keine Leukozyturie, Komplementfaktoren C3 und C4 normwertig, antinukleäre Antikörper (ANA) und ANCA negativ. Als Veganerin substituiert sie Eisen und Vitamin B12. Zwei Monate vor Impfung waren das S-Albumin und Cholesterin im Normbereich. Die Nierenbiopsie ergibt eine Podozytopathie mit podozytopathischer fokal segmentaler Glomerulosklerose (FSGN) (Abbildung 3).

Eine Prednisolontherapie, Diuretika- sowie lipidsenkende Therapie und Vitamin-D-Substitution wird begonnen. In zehn Tagen reduziert sich das Gewicht unter rückläufiger Proteinurie um 5 kg. An Tag 68 nach Impfung liegt eine partielle Remission bei noch persistierender Proteinurie und Hyperlipoproteinämie vor. Bisher ist die Patientin nicht an COVID-19 erkrankt.

Zusammenfassung der Fälle mit Laborwerten im Verlauf
Tabelle
Zusammenfassung der Fälle mit Laborwerten im Verlauf

Diskussion

Wir berichten von zwei Patientinnen mit nephrotischem Syndrom bei MCD und FSGN wenige Tage nach Erstimpfung mit den Vakzinen Janssen und Comirnaty sowie über einen Patienten mit MCD bei Reexposition mit homologer Comirnaty-Impfung. Die Literatur berichtet bei insgesamt positivem Nutzen-Risiko-Profil der COVID-19-Impfungen über verschiedene glomeruläre Erkrankungen im Zusammenhang mit den in Deutschland zugelassenen COVID-19-Impfstoffen, die sich in über der Hälfte der Fälle wenige Tagen nach der Impfung manifestierten (2, 5). Alle Fälle mit MCD traten nach Erstimpfung zumeist nach sieben Tagen auf, IgA-Nephritiden, Vaskulitiden und Antibasalmembran-Antikörper-Glomerulonephritiden erst nach der Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff (2, 4). Der von uns geschilderte Fall 1 sowie ein aus Frankreich publizierter Fall lassen vermuten, dass eine homologe Zweitimpfung mit Comirnaty den Erkrankungsverlauf verstärken kann, wobei in einem weiteren Fall unter Prednisolon und Tacrolimus die homologe Zweitimpfung mit Comirnaty ohne Rückfall bei guter Immunantwort vertragen wurde (4, 5).

Zwei weitere Patienten mit steroidabhängiger MCD, die einen Rückfall nach Vaxzevria-Erstimpfung erlitten, konnten unter Prednisolon ohne erneuten Rückfall heterolog zweitgeimpft (Impfstoff nicht genannt) werden (4).

Fazit

Sofort oder wenige Tage nach COVID-19-Impfung können schaumiger Urin und Ödeme bei renalem Eiweißverlust auftreten. In diesen Fällen sollte auf eine Proteinurie hin untersucht werden und im positiven Fall eine nephrologische Abklärung erfolgen. Eine Therapie mit Prednisolon kann einen komplizierten Verlauf verhindern und zur Remission führen.

Harald Dormann*, Anja Knüppel-Ruppert*, Kerstin Amann, Christiane Erley

Klinikum Fürth, Zentrale Notaufnahme (Dormann); harald.dormann@klinikum-fuerth.de

Klinikum Fürth, Zentrale Notaufnahme, Studienzentrale (Knüppel-Ruppert)

FAU Erlangen-Nürnberg, Nephropathologische Abteilung (Amann)

St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof, Nephrologie (Erley)

* Der Autor und die Autorin teilen sich die Erstautorenschaft.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 20. 8. 2021, revidierte Fassung angenommen: 2. 9. 2021

Zitierweise
Dormann H, Knüppel-Ruppert A, Amann K, Erley C: Nephrotic syndrome after vaccination against COVID-19: three new cases from Germany. Dtsch Arztebl Int 2021; 118. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0330 (online first)

Dieser Beitrag erschien am 9. 9. 2021 online (online first) auf www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Lim JH, Han MH, Kim YJ, et al.: New-onset nephrotic syndrome after Janssen COVID-19 vaccination: a case report and literature review. J Korean Med Sci 2021; 36: e218 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Bomback AS, Kudose S, D’Agati VD: De novo and relapsing glomerular diseases after COVID-19 vaccination: What do we know so far? Am J Kidney Dis 2021; doi: 10.1053/j.ajkd.2021.06.004 (epub ahead of print) CrossRef PubMed Central
3.
Barda N, Dagan N, Ben-Shlomo Y, et al.: Safety of the BNT162b2 mRNA Covid-19 vaccine in a nationwide setting. N Engl J Med 2021; doi: 10.1056/NEJMoa2110475 (epub ahead of print) CrossRef MEDLINE
4.
Izzedine H, Bonilla M, Jhaveri KD: Nephrotic syndrome and vasculitis following SARS-CoV-2 vaccine: true association or circumstantial? Nephrol Dial Transplant 2021; 36: 1565–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Kervella D, Jacquemont L, Chapelet-Debout A, Deltombe C, Ville S: Minimal change disease relapse following SARS-CoV-2 mRNA vaccine. Kidney Int 2021; 100: 457–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Histopathologische Befunde der Nieren
Abbildung 1-3
Histopathologische Befunde der Nieren
Zusammenfassung der Fälle mit Laborwerten im Verlauf
Tabelle
Zusammenfassung der Fälle mit Laborwerten im Verlauf
1.Lim JH, Han MH, Kim YJ, et al.: New-onset nephrotic syndrome after Janssen COVID-19 vaccination: a case report and literature review. J Korean Med Sci 2021; 36: e218 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Bomback AS, Kudose S, D’Agati VD: De novo and relapsing glomerular diseases after COVID-19 vaccination: What do we know so far? Am J Kidney Dis 2021; doi: 10.1053/j.ajkd.2021.06.004 (epub ahead of print) CrossRef PubMed Central
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4.Izzedine H, Bonilla M, Jhaveri KD: Nephrotic syndrome and vasculitis following SARS-CoV-2 vaccine: true association or circumstantial? Nephrol Dial Transplant 2021; 36: 1565–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Kervella D, Jacquemont L, Chapelet-Debout A, Deltombe C, Ville S: Minimal change disease relapse following SARS-CoV-2 mRNA vaccine. Kidney Int 2021; 100: 457–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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