ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2021Digitalisierung: Nutzenbewertung auf dem Prüfstand

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Digitalisierung: Nutzenbewertung auf dem Prüfstand

Haserück, André

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Digitale Gesundheitsanwendungen können nach Meinung der Bundesärztekammer nur mit nachgewiesener Evidenz eingeführt werden. Foto: vegefox.com/ stock.adobe.com
Digitale Gesundheitsanwendungen können nach Meinung der Bundesärztekammer nur mit nachgewiesener Evidenz eingeführt werden. Foto: vegefox.com/ stock.adobe.com

Die herkömmlichen Verfahren der evidenzbasierten Nutzenbewertung in der Medizin geraten durch digitale Anwendungen unter Anpassungsdruck. In die Optimierung der Bewertungsmechanismen sollte sich auch die Ärzteschaft einbringen – so die Bundesärztekammer.

Ausgelöst durch die Digitalisierung des Gesundheitswesens treffen disruptive Entwicklungen und neues Denken auf etablierte Strukturen. Dies gilt auch für die Dynamik der Entwicklung digitaler Anwendungen für den Gesundheitsbereich. Im Rahmen der Digitalisierungs-Werkstattgespräche der Bundesärztekammer (BÄK) mit Entscheidungsträgern aus Politik, gesetzlicher und privater Krankenversicherung, ambulanter und stationärer Versorgung, Wissenschaft und Forschung, Verbraucherverbänden, Selbsthilfegruppen, Start-ups sowie der Beraterbranche wurden deshalb auch die Herausforderungen dieses Bereiches näher beleuchtet.

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Der interessensübergreifende Gedankenaustausch der verschiedenen Akteure zeigt: Digitale Anwendungen werden in agilen Entwicklungsprozessen früh eingeführt und sukzessive fortentwickelt. Diese Dynamik der Entwicklung digitaler Anwendungen hat zur Folge, dass zunehmend Angebote für die Gesundheitsversorgung offeriert werden, für die ex ante kein Nutzennachweis in der Versorgung erfolgt ist. Zwar wird im Verlauf der Entwicklungsphase kontinuierlich das Benutzer-Feedback eingeholt – ein wissenschaftlich objektivierter Versorgungsnutzen ist so jedoch nicht gewährleistet. Die etablierten Verfahren der evidenzbasierten Nutzenbewertung, wie sie etwa aus dem Arzneimittelbereich bekannt sind, gelangen bei der Bewertung sowohl der Chancen wie auch der Risiken der neuen digitalen Anwendungen und der nachfolgenden Überführung in die Versorgungslandschaft an ihre Grenzen. Zumal bei der Finanzierung digitaler Anwendungen im Vergleich zu herkömmlichen Gesundheitsleistungen völlig neue Modelle auftauchen. So kann eine vermeintlich kostenfreie Nutzung beispielsweise mit der Weitergabe personenbezogener Daten „bezahlt“ oder Zusatzfunktionalitäten durch In-App-Käufe angeboten werden.

Insbesondere dann, wenn die Finanzierung der digitalen Anwendungen mit Versichertengeldern im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erfolgen soll, wird eine objektivierte Nutzenbewertung allerdings ohnehin als unerlässlich angesehen.

Chancen und Risiken bewerten

Digitale Anwendungen mit belegtem medizinischen Nutzen bergen aus Sicht der Bundesärztekammer durchaus großes Potenzial, die ärztliche Versorgung innovativ zu unterstützen. Allerdings gefährde der Ansatz, digitale Anwendungen ohne nachgewiesene Evidenz in die Versorgung einzuführen, die Patientensicherheit. Ein ausschließlich auf eine schnelle Markteinführung gerichteter Fokus könne keine Verbesserung der medizinischen Versorgung erzielen – auf die es aber ankomme.

Um eine Beurteilung des Versorgungsnutzens digitaler Anwendungen – idealerweise vor ihrer Einführung – zu ermöglichen, müssten deshalb entsprechende Kriterien entwickelt und Verfahren bereitgestellt werden. Das praxisbasierte Beurteilen könnte dann beispielsweise in einer dauerhaft eingerichteten Testregion erfolgen. Dabei gelte es, so der zentrale Gedanke der BÄK, die Methoden der evidenzbasierten Medizin in Einklang mit der sehr dynamischen Entwicklung digitaler Gesundheitsanwendungen zu bringen. André Haserück

Mitgestalten

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) wird in den kommenden Ausgaben weitere Thesen zur Digitalisierung aufgreifen und zur Diskussion stellen. Zudem bietet das DÄ zusammen mit der Bundesärztekammer eine Veranstaltung an: Am 20. Oktober stellen sich die beiden Vorsitzenden des Ausschusses „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer, PD Dr. med. Peter Bobbert und Erich Bodendieck, den Fragen von Ärztinnen und Ärzten in einer digitalen Veranstaltung. Bis dahin freut sich die Redaktion auf Fragen, Anregungen und Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Schreiben Sie uns an: digitalisierung@aerzteblatt.de

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