ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2021Gesundheitspolitik: Unter ferner liefen

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Gesundheitspolitik: Unter ferner liefen

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Die Coronapandemie hat bewiesen, dass das deutsche Gesundheitssystem eines der besten der Welt ist. So oder so ähnlich las und hörte man es oft in den vergangenen Monaten. Und das durchaus zu Recht. Dementsprechend beklatschte die Bevölkerung das Krankenhauspersonal und war froh, dass es so gut wie nicht an Intensivbetten mangelte.

Ist das deutsche Gesundheitswesen folglich krisen- und zukunftssicher? Beobachtet man den Bundestagswahlkampf, so könnte man meinen: ja! Denn die Gesundheitspolitik läuft unter ferner liefen oder wird gar nicht genannt, schaut man sich die diversen „Triells“ oder „Wahlarenen“ an. Auch in den Wahlprogrammen muss man lange blättern, um das Thema Gesundheitswesen zu finden. Mindestlohn, Klimawandel, Digitalisierung und Rente stehen eher im Vordergrund. Zweifellos alles wichtige Themen. Dennoch muss man sich fragen, warum es zum Beispiel Ärztemangel, Pflegenotstand, Krankenhausfinanzierung, Kommerzialisierung und überbordende Bürokratie im Gesundheitswesen offensichtlich nicht so richtig auf die Wahlagenda der Bundestagsparteien geschafft haben.

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Der Politik sollte bewusst sein, dass die so oft gerühmte medizinische Pandemiebekämpfung nicht zuletzt am persönlichen Engagement der medizinischen Fachkräfte lag – sowohl im Krankenhaus als auch im ambulanten Bereich und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst. Klatschen reicht da definitiv nicht aus, um solch eine Leistungsbereitschaft aufrechtzuerhalten. Die Arbeitsbedingungen sind da das entscheidende Kriterium. Nicht von ungefähr sind vergangene Woche die Pflegekräfte an den Berliner Kliniken von Charité und Vivantes in den unbefristeten Streik getreten.

Die Zeit drängt, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Denn die demografische Entwicklung führt zwangsläufig zu einer größeren Belastung der Fachkräfte im deutschen Gesundheitswesen. Die Menschen werden immer älter, folglich erhöht sich der Betreuungsbedarf in allen medizinischen Sektoren. Auf der anderen Seite fehlt es an Arzt- und Pflegekräftezeit. Auch hier schlägt die Demografie zu. So ist zum Beispiel in Rheinland-Pfalz bereits jede/jeder vierte berufstätige Ärztin oder Arzt über 60 Jahre alt. Die Robert Bosch Stiftung schätzt, dass bis 2030 rund 11 000 Hausarztpraxen bundesweit unbesetzt sind. Der Pflegenotstand ist seit Jahren virulent. Auch medizinische Fachangestellte werden inzwischen händeringend gesucht.

Ärgerlich ist vor allem, dass all das bekannte Entwicklungen sind, denen gegengesteuert werden muss. Warum die Wahlkämpfer überwiegend einen Bogen um das Thema Gesundheitspolitik machen, bleibt ihr Geheimnis. Vielleicht wollen sie sich nicht die Finger verbrennen, denn jeder Bundesgesundheitsminister kann ein Lied davon singen, wie schwer das gesundheitspolitische Geschäft ist. Aber wenn man den sogenannten Neuanfang in Deutschland propagiert, wie es oft im Bundestagswahlkampf heißt, dann muss dies auch für das Gesundheitswesen gelten.

Ärztinnen und Ärzte wissen dagegen sehr genau, wo die Probleme liegen: Das Deutsche Ärzteblatt hat 18 Interviews (http://daebl.de/LQ75) mit Beteiligten aus den verschiedenen Gesundheitssektoren geführt. Die Titelgeschichte (Seite 1621) führt deren Einschätzungen und Forderungen zusammen. Klar wird: Den Wahlkämpfern hätte es gutgetan, auch mal zuzuhören.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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