ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2021Honorarverhandlungen 2022: Bis zu 600 Millionen Euro mehr

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Honorarverhandlungen 2022: Bis zu 600 Millionen Euro mehr

Beerheide, Rebecca

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Für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte gibt es im kommenden Jahr mehr Geld. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung geht von 600 Millionen Euro aus, der GKV-Spitzenverband von 1,2 Milliarden. Zufrieden ist über den Abschluss keine Seite.

Foto: ExQuisine/stock.adobe.com
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Der Orientierungswert und damit die Preise ärztlicher und psychotherapeutischer Leistungen steigen im kommenden Jahr um 1,275 Prozent an. Das hat der Erweiterte Bewertungsausschuss (EBA) Mitte September beschlossen, nachdem sich Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und GKV-Spitzenverband auf dem Verhandlungsweg nicht auf eine Ergebnis einigen konnten.

Der Orientierungswert beträgt aktuell 11,1244 Cent. Mit der jetzt beschlossenen Anhebung steigt er auf 11,2662 Cent. Dies entspricht einer Steigerung von rund 540 Millionen Euro. Hinzu kommen nach Angaben der KBV etwa 60 Millionen Euro infolge der Veränderungsraten der Morbidität und Demografie. Der GKV-Spitzenverband bewertet den Abschluss „mit voraussichtlich über 1,2 Milliarden Euro“ höher. Grund für die Differenz ist die Annahme, dass in den folgenden regionalen Verhandlungen zusätzliche Gelder für Morbidität sowie extrabudgetäre Leistungen vereinbart werden können.

Zufrieden sind die Ärzteverbände mit dem Ergebnis nicht: Dr. med. Andreas Gassen, KBV-Vorstandsvorsitzender, sprach von schwierigen Verhandlungen und einem „zähen Ringen über Wochen“. Nachdem die Krankenkassen in der ersten Verhandlungsrunde im August eine Nullrunde gefordert hatten, sei zumindest eine Steigerung in mit den Vorjahren vergleichbarer Größenordnung erzielt worden.

Ein ungelöstes Problem ist Gassen zufolge die Vorgabe zur jährlichen Anpassung des Orientierungswertes. „Wir stellen zunehmend fest, dass eine Anpassung des Orientierungswertes mit den im Gesetz vorgegebenen Regeln nicht sachgerecht gelingen kann.“ Die Kostenentwicklung in den Praxen könne nicht adäquat abgebildet werden.

So konnten die von der KBV angeführten höheren Personalkosten infolge der Ende 2020 beschlossenen Tarifsteigerungen für Medizinische Fachangestellte (MFA) nicht berücksichtigt werden. „Die deutlich über sechsprozentige Tariflohnsteigerung wurde nicht abgebildet“, sagte KBV-Vorstand Dr. med. Stephan Hofmeister. Die Mehrheit des EBA hätte nicht davon überzeugt werden können, von der retrospektiven Betrachtung der Kostenentwicklung abzuweichen und diesen Posten vorzuziehen. Hofmeister kündigte an, das Thema im kommenden Jahr wieder auf die Tagesordnung zu zu setzen. Der Vorsitzende des EBA, Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Wasem, erklärte im Anschluss, man „müsse schauen, wie der Tarifvertrag in den Praxen umgesetzt wird“.

Zur Kompensierung der Kosten für allgemeine Hygieneaufwände wurde die Beratung im EBA fortgesetzt. Hintergrund sind im Juni gegen die Stimmen der Krankenkassen im EBA beschlossene Eckpunkte. Nun sollen alle Praxen ab 1. Januar 2022 einen Zuschuss erhalten, wie Gassen mitteilte. Darüber hinaus wurden vergangene Woche mehrere Sonderregelungen wie zusätzliche Abrechnungen bei Telefonkonsultationen oder die uneingeschränkte Nutzung der Videosprechstunde verlängert.

„Dieser Abschluss ist die leider erwartbare Enttäuschung“, erklärte der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, der auch Präsident der Bundesärztekammer ist. Er forderte eine „grundsätzliche Reform der Vergütungssystematik“.

Dem NAV-Virchowbund stößt bitter auf, dass die Tarifsteigerungen für die Löhne der MFA nicht einbezogen wurden. „In den Kliniken werden die tariflichen Personalkostensteigerungen unmittelbar von den Kassen bezahlt. Das muss im ambulanten Bereich auch so sein“, forderte Bundesvorsitzender Dr. med. Dirk Heinrich.

Wasem bezeichnete die Verhandlungen insgesamt als „kompliziert“ im Vergleich zu anderen Jahren: Denn im Vorjahreszeitraum, der zur Berechnung herangezogen wurde, waren wegen der Pandemie weniger Patienten in den Praxen, zudem gab es für einige Facharztpraxen Rettungsschirme. Rebecca Beerheide

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