ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2021Versorgungsstrukturen: Hausärztemangel angehen

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Versorgungsstrukturen: Hausärztemangel angehen

Beerheide, Rebecca; Haserück, André

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Bei der Bekämpfung des Hausärztemangels müssten alle an der hausärztlichen Versorgung beteiligten Fachgruppen mitgedacht werden – darauf machten die Internisten aufmerksam. Zudem solle eine künftige Bundesregierung die Krankenhausfinanzierung umfassend reformieren.

Foto: Catalin Pop/stock.adobe.com
Foto: Catalin Pop/stock.adobe.com

Ein Mangel in der hausärztlichen Versorgung sei bereits in vielen Regionen Deutschlands vorhanden, mahnte die Präsidentin des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI), Dr. med. Christine Neumann-Grutzeck, beim Auftakt des Deutschen Internistentages Mitte September in Berlin. Dass politische Fördermaßnahmen auf Bundes- und Länderebene bislang nicht die gewünschten Effekte erzielt hätten, liege nicht zuletzt auch daran, dass gesetzliche Regelungen die Fachgruppen in der hausärztlichen Versorgung ungleich behandelten – mit starker Fixierung auf die Allgemeinmedizin.

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Angesichts der Altersstruktur und Herausforderungen bei der Nachwuchsgewinnung, bis 2035 könnten 11 000 Hausarztsitze unbesetzt sein, müsse dringend reagiert werden, so Neumann-Grutzeck. Der Anteil der Internisten an der hausärztlichen Versorgung betrage bereits derzeit 26 Prozent – mit steigender Tendenz.

Hier sei ein hohes Potenzial vorhanden, die „großen Probleme“ nachhaltig zu verringern. Deshalb sollten, so die BDI-Präsidentin, Internisten in die Förderung der ambulanten Weiterbildung im hausärztlichen Bereich gemäß § 75 a Abs. 1 Sozialgesetzbuch (SGB) V aufgenommen werden. Derzeit steht diese Möglichkeit nur angehenden Fachärzten für Allgemeinmedizin offen. Dabei hätten Allgemeinmediziner im Jahr 2019 von den bundesweit 7 500 geförderten Weiterbildungsstellen nur 4 450 (in Vollzeitäquivalenten) abrufen können, betont der BDI. Dr. med. Kevin Schulte, 2. Vizepräsident des BDI, verwies darauf, dass aktuell ein Wunsch nach internistischer Weiterbildung und anschließender Niederlassung im hausärztlichen Bereich oft an den gesetzlichen Regelungen scheitere. Auch bei der Frage der Nachbesetzung von Hausarztsitzen bestehe ein „Ungleichgewicht“, so Neumann-Grutzeck. Dass laut Gesetz für ausgeschriebene Hausarztsitze vorrangig Fachärzte für Allgemeinmedizin zu berücksichtigen sind, schränke die Niederlassungsmöglichkeiten von Internisten ein. Daher fordert der BDI eine Novellierung des § 103 Abs. 4 Satz 7 SGB V, damit freie Sitze zukünftig gleichberechtigt durch alle Fachgruppen im hausärztlichen Versorgungsbereich nachbesetzt werden können. Anpassungen seien laut Neumann-Grutzeck zudem bei den Regelungen zu den hausarztzentrierten Versorgungsverträgen nötig, die derzeit eine Mindestabdeckung von mindestens 50 Prozent der Allgemeinmediziner eines Bezirks der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung voraussetzen.

Auch hier sollten alle Fachgruppen der hausärztlichen Versorgung gleichberechtigt berücksichtigt werden. BDI-Daten würden zeigen, dass mehr als 60 Prozent der hausärztlichen Internisten aktuell nicht an der HZV teilnehmen. Passe man die jeweiligen Rahmenbedingungen im SGB V an, so biete die insgesamt bessere Einbindung von Internisten die Chance, dem Hausarztmangel zu begegnen, so die BDI-Präsidentin.

Skepsis bei Quotenlösungen im Medizinstudium

Um dem zunehmenden Ärztemangel zu begegnen, wird aus der Landes- und Gesundheitspolitik oft auch die Forderung von Zulassungsquoten zum Medizinstudium in die Diskussion eingebracht und teilweise auch als Gesetz verabschiedet. So haben einige Bundesländer bereits die Quote für Landärzte eingeführt. Der Bundesrat hat Mitte September die Möglichkeit geschaffen, dass Bundesländer auch eine Quote für künftige Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) einführen können.

Am Sinn solcher Quotierungen zu Beginn des Studiums zweifelten mehrere Teilnehmer einer Podiumsdiskussion auf dem Internistentag. „Ich finde Quoten nicht gut, sie lösen Probleme erst in zwölf Jahren und lösen sie damit nicht schnell genug“, sagte Prof. Dr. med. Martina Kadmon, Gründungsdekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Augsburg. „Die Universitäten haben den Auftrag, für alle Bereiche in der Medizin auszubilden.“ Aus ihrer Sicht passt auch eine Berufsquote nicht zur Arbeitszufriedenheit von Ärztinnen und Ärzten. Für Dr. med. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer und Präsidentin der Landesärztekammer Thüringen, dient die Ausbildung nicht zur Schließung von Lücken in der Versorgung. Die Weiterbildungsordnung werde zunehmend zu einer „Stellenbeschaffungsordnung“. Auch mit Blick auf ihre eigene Berufsvergangenheit in der DDR forderte sie die Gesundheitspolitik in Land und Bund auf, mehr finanzielle Mittel für zusätzliche Studienplätze bereitzustellen. Die Gründung von privaten Universitäten für die Medizinerausbildung sei keine Lösung.

„Es gibt kaum Studierende, die von Anfang an wissen, in welche Fachrichtung sie gehen wollen. Die Präferenz ändert sich ja oft innerhalb eines Semesters mehrmals“, sagte Jakob Voran von der Fachschaft Medizin an der Uni Kiel zu Quotenlösungen. Und Dr. med. Cornelius Weiß, Sprecher der außerordentlichen Mitglieder im BDI, nannte es „nicht clever“, eine Landarztquote einzuführen. „Zwischen dem George-Clooney-artigen Überden-Klinikflur-Laufen und der Realität in der medizinischen Versorgung sind einige Wege zu gehen“, so Weiß. Vor allem die Auswahl der Studierenden müsse überdacht werden. „Wir dürfen die Studierenden, die dann ausgewählt sind, nicht überfordern. Das schafft auch keine Zufriedenheit“, so Kadmon. „Dabei ist die Abiturnote nicht der Garant für Studienerfolg, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch.“ Sie warb dafür, Studierende früh in die Praxen zu schicken, um hier Erfahrungen zu ermöglichen. „Die Erfahrungen dort helfen dann bei der freien Entscheidung für die Berufswahl.“

Der BDI thematisierte zudem die Finanzierung und Planung der Krankenhauslandschaft. Die Fehlanreize des DRG-Systems und unzureichende Investitionen der Länder hätten dazu geführt, dass wirtschaftlicher Druck den Arbeitsalltag der Ärztinnen und Ärzte bestimme, so die Kritik. Nach der Bundestagswahl müssten deshalb in einem ersten Schritt die Arztkosten aus den Fallpauschalen ausgegliedert werden, forderte Schulte. Die der im vergangenen Jahr erfolgten Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus den DRG zugrunde liegende Logik treffe auch auf die in den Krankenhäusern tätigen Ärzte zu. Damit das Finanzierungssystem nicht dazu incentiviere, den Druck auf das ärztliche Personal abzuladen, müssten die Arztkosten analog zu den Pflegepersonalkosten aus den DRG-Fallpauschalen ausgelöst werden. In einem nächsten Schritt sollten dann tiefgreifende Anpassungen der Krankenhausfinanzierung und -planung angegangen werden. Dabei gelte, so betonte Schulte, dass eine gelungene Planung nicht ohne Einbindung der Ärzteschaft erfolgen könne.

Reformbedarfe bei stationärer Versorgung angehen

Dr. med. Susanne Johna, 1. Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), betonte, bei einer großen Reform des stationären Bereiches müssten Finanzierungs- und Strukturfragen parallel einbezogen werden. Das derzeitige DRG-System zeige „Nebenwirkungen und Fehlanreize“ und müsse „vom Markt genommen“ werden. Ein künftiges Finanzierungsmodell solle im Sinne der Daseinsvorsorge insbesondere auflaufende Vorhaltekosten der Krankenhäuser mit abbilden. Zugleich müsse die „Frage der Gesamtversorgung“ geklärt werden – also eine genaue Analyse der Bedarfe, der Kapazitäten und Standorte erfolgen. Johna verwies auch darauf, dass die Ärzte in den Krankenhäusern etwa 65 Millionen Überstunden im Jahr leisten. Bereits jetzt gebe es demzufolge zu wenig Krankenhausärzte. Zusätzlich müssten Entwicklungen wie eine steigende Teilzeitquote, zumeist der Selbstentlastung dienend, beachtet werden und dies idealerweise prospektiv.

Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), sah in diesem Zusammenhang die Fachkraftfrage als den drohenden Hauptengpass der künftigen stationären Versorgung an. Politische Äußerungen, eine reformierte Krankenhausplanung vor die Finanzierungsfrage zu stellen, bezeichnete Engehausen als „vergiftete Botschaft“. Die Politik dürfe sich nicht „hinter der Planung verstecken“, sondern müsse für eine auskömmliche Finanzierung sorgen. Rebecca Beerheide, André Haserück

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