ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2021Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen: Auf Vertrauen bauen

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Gesundheitspolitische Rahmenbedingungen: Auf Vertrauen bauen

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Es muss wieder ein „Ruck“ durch Deutschland gehen, diesmal soll es ein „Impf-Ruck“ sein. Dass Kanzlerkandidat Armin Laschet und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) im Kölner Stadt-Anzeiger vom 16. September die historisch bedeutende Rede ihres verstorbenen Parteigefährten und Bundespräsidenten Roman Herzog (CDU) beleihen, wirkt wie ein Akt politischer Hilflosigkeit.

Herzog hatte 1997 in einer viel beachteten Ansprache an alle Deutschen appelliert, im siebten Jahr nach der Wiedervereinigung gemeinsam verkrustete Strukturen aufzubrechen, hinter sich zu lassen und als wiedervereinte Gesellschaft endlich den Weg ins 21. Jahrhundert anzutreten.

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Fakt ist: Die Impfkampagne steht fast still. Sie mit „Ruck“ zu beschleunigen, erfordert eine andere Politik. Im Sinne Roman Herzogs wäre es gesellschaftliche Erkenntnis und ein Prozess der Vertrauensbildung. Helfen dürfte, auf dem Teppich zu bleiben, Menschen zuzuhören und sie dort abzuholen, wo sie stehen.

Dr. med. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), hat auf der Vertreterversammlung (VV) am 17. September in Berlin auf die Unzulänglichkeiten der Politik im Umgang mit der Pandemie hingewiesen: „Eine Impfung ist kein Freibier, sondern eine medizinische Maßnahme und muss als solche behandelt werden.“

Vertrauensbildung erfordert Nachhaltigkeit und Stringenz. Sie ist nicht durch reaktive Tagespolitik erreichbar. Ungereimt wirkende, immer wieder wechselnde Aussagen sind der Boden für Misstrauen. Wer die Leistungen im Gesundheitssystem mal beklatscht, im Umdrehen die Macher dieser Erfolge aber durch mangelhafte Rahmenbedingungen abwatscht, lässt dem gut beobachtenden Bürger keine Chance zur Vertrauensbildung. Und eine Atmosphäre von „Gruselrhetorik und Panikpolitik“, wie sie KBV-Vize Dr. med. Stephan Hofmeister Politikern zuschreibt, tut ein Übriges, letztes Vertrauen zu verspielen. Der Staat muss den Bürgern die Verantwortung zurückgeben.

Das Gesundheitssystem selbst agiert unter anderen Prämissen. Keinem anderen Beruf weist die eigene Klientel – in diesem Fall die Patientinnen und Patienten – so hohe Vertrauenswerte zu wie den Ärztinnen und Ärzten. Grundlage für Handeln und Behandeln waren und sind hier: Eigenverantwortung und Vertrauen.

Dass das funktioniert, haben die hohen Impfraten in den niedergelassenen Praxen im Vergleich zu den Impfzentren gezeigt. Und angesichts eines Durchimpfungsgrades von über 60 Prozent der Bevölkerung und einer wohl nicht geringen Anzahl an Genesenen gehören Aufklärung und Impfen in die Hände der Fachwelt. Der Politik obliegt die Schaffung der Rahmenbedingungen.

Ein so gestalteter Umgang mit COVID-19 ist übrigens ein guter Gradmesser, das Gesundheitssystem einzuordnen und aus den Erfahrungen der vergangenen Monate nachhaltig zu lernen: Gesundheitsversorgung ist und bleibt ein komplexes System. Es erfordert immer wieder Handlungsfreiheit und Flexibilität auf der Basis schneller, eigenverantwortlicher Entscheidungen. Darauf sind politische Rahmensetzungen abzustellen oder bei Bedarf anzupassen.

Das schafft das Vertrauen, ermöglicht die Prävention und Compliance, verhindert Stillstand oder Handlungsstarre in epidemischen Lagen. Nicht mehr, nicht weniger erfordert eine menschengerechte Medizin.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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