ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2021Kinder und Jugendliche: Die stillen Leiden

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Kinder und Jugendliche: Die stillen Leiden

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Bewegung hält gesund, das weiß sozusagen jedes Kind. Aber gerade bei diesen liegt seit Jahren einiges im Argen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt schon lange, dass der Bewegungsmangel die kindliche Gesundheit bedroht und bezeichnet ihn als Pandemie des 21. Jahrhunderts. Während der Coronapandemie hat sich dieses Problem noch mehr verschärft. Kinder und Jugendliche hatten keine Möglichkeit mehr, zum Schul- oder Vereinssport zu gehen oder zumindest auf den Bolzplatz oder ins Schwimmbad. Selbst die Treffen mit Freunden konnten nur sehr eingeschränkt stattfinden.

Wie auch bei den Erwachsenen wuchs bei den Jüngsten der Coronaspeck – in einer Altersgruppe, in der ohnehin schon jedes siebte Kind übergewichtig oder sogar adipös ist. Einer Studie am Karlsruher Institut für Technologie zufolge gaben 28 Prozent der jungen Studienteilnehmer an, dass sie seit dem Beginn der Pandemie an Gewicht zugelegt haben. Mit fatalen Folgen. Denn fehlende Bewegung macht sich nicht nur auf der Waage bemerkbar, sondern führt auch zu weniger kognitiver Aktivität. Eine unselige Kombination, die die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen in Gänze negativ beeinflusst. Hinzukommen noch die psychischen Folgen durch die mit der Pandemie einhergehende Isolation, zunehmende Streitigkeiten in der Familie und der Schulstress beim Homeschooling. Das heißt, psychosomatische Beschwerden und psychische Erkrankungen treten gehäuft auf. Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung werden gestört. Körperliche und mentale Gesundheit leiden. Das gilt erst recht für chronisch kranke Kinder.

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Bei all dem mutet es befremdlich an, wenn Politiker zwar immer wieder „versprechen“, Schulen und Kitas bleiben offen, aber sinnvolle und einheitliche Konzepte zum Schutz der Kindergesundheit in der Pandemie nicht zu finden waren und sind. Man registrierte, dass Profifußball schnell wieder möglich wurde, der Breitensport unter freiem Himmel aber nicht. In Schulen und Kitas herrscht(e) ein Test-, Öffnungs-, Quarantäne- und Lüftungschaos. Die Bundesregierung argumentiert gerne, sie habe doch Finanzmittel zur Verfügung gestellt. Das reicht aber offensichtlich nicht. Das Bundeskabinett hatte Mitte Juli beschlossen, die Länder bei der Beschaffung von mobilen Luftreinigern mit bis zu 200 Millionen Euro für Kitas und Schulen zu unterstützen. Allerdings: „Mittel wurden bislang nicht abgerufen“, heißt es in einer Antwort des Bundeswirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion, wie die Neue Osnabrücker Zeitung berichtet. Dieses Beispiel macht deutlich, wie Deutschland auch an strukturellen Problemen krankt.

Und die Folgen schlagen sich jetzt in der medizinischen Versorgung nieder, die die Fehler ausbaden muss. Zumal auch bereits bestehende Verhaltensweisen wie ein übermäßiger Medienkonsum in der Pandemiezeit wieder getriggert wurden.

Die psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen sind angestiegen mit einem großem Spektrum an Ausprägungen. Die stationäre Psychiatrie gerät unter Druck, es gibt Wartelisten bis zu einem Jahr (Seite 1739). Und das bei einer chronisch unterfinanzierten pädiatrischen Versorgung im Krankenhaus. Die Titelgeschichte dieser Ausgabe heißt „Die stillen Leiden der Kinder und Jugendlichen“. Es ist längst überfällig, dass die Politik dies ändert.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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