ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2021Digitalisierung: Wenn Krankenkassen in die Versorgung eingreifen

POLITIK

Digitalisierung: Wenn Krankenkassen in die Versorgung eingreifen

Haserück, André

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Infolge der Digitalisierung könnte künftig die Patientenbehandlung vermehrt durch Ärztinnen und Ärzte im Auftrag von Krankenkassen – und an den etablierten Versorgungsstrukturen vorbei – stattfinden. Die Bundesärztekammer fordert eine ausgewogene Erweiterung der Handlungsspielräume.

Foto: janews094/stock.adobe.com
Foto: janews094/stock.adobe.com

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens wirkt sich auch auf die Aufgabenverteilung zwischen Leistungserbringern und Kostenträgern aus. Krankenkassen sehen sich selbst zunehmend in der Rolle des Therapieanbieters beziehungsweise Leistungserbringers und Case Managers, um mit angepassten Angeboten an die Versicherten eine aus ihrer Sicht versorgungsorientierte Alternative zu internationalen, gewinnorientierten Plattformanbietern, aber auch im Wettbewerb untereinander bieten zu können.

Anzeige

Im Rahmen der Digitalisierungs-Workshop-Gespräche der Bundesärztekammer (BÄK) mit Entscheidungsträgern aus Politik, gesetzlicher und privater Krankenversicherung, ambulanter und stationärer Versorgung, Wissenschaft und Forschung, Verbraucherverbänden, Selbsthilfegruppen, Start-ups sowie der Beraterbranche wurden deshalb auch mögliche Herausforderungen dieses Bereiches näher beleuchtet.

Spielräume der Krankenkassen ausgeweitet

Der Gesetzgeber erhöhe den Handlungsspielraum der gesetzlichen Krankenkassen, damit diese eine aktive Rolle im Management der Versorgung ihrer Mitglieder einnehmen können, so eine wichtige Erkenntnis. So würden die gesetzlichen Krankenversicherungen ihren Fokus neben der Kostenübernahme für die Versorgung Kranker zunehmend auf die personalisierte Gesundheitsprävention ihrer Mitglieder legen. Die Zielsetzung dabei sei, ungünstige individuelle Lebensstile zu ändern, um das Entstehen von Erkrankungen möglichst zu verhindern. Die Krankenkassen erhalten dazu die gesetzliche Möglichkeit und die Aufgabe, aus den ihnen vorliegenden Daten individuelle Behandlungsbedarfe abzuleiten und den Versicherten unter anderem passende digitale Anwendungen zur Verfügung zu stellen.

Zudem treten Krankenkassen politisch gewollt als Anbieter einer elektronischen Patientenakte (ePA) auf. Die Versicherten können dabei nicht unter verschiedenen Angeboten wählen, sondern sich nur für oder gegen die ePA der jeweiligen Krankenkasse entscheiden. In die ePA finden von Ärztinnen und Ärzte erstellte Dokumente (zum Beispiel Arztbriefe und Medikationspläne), von der Krankenkasse eingespeiste Informationen (etwa aus Abrechnungsdaten) sowie vom Patienten selbst erhobene Daten (Schmerztagebuch, Wearables) Eingang. Unter der Obhut des Versicherten kann damit eine vollständige Zusammenführung seiner gesundheitsbezogenen Daten entstehen – dies bietet Krankenkassen die Chance, die ePA um die Funktionalität eines Gesundheitsassistenten zu erweitern. Mithilfe von Algorithmen können so individuelle Empfehlungen oder Vordiagnosen erstellt werden. Diese Funktionalitäten können der Kundenbindung und durchaus auch der Patientensteuerung dienen.

Vor dem Hintergrund der Möglichkeiten der „ausschließlichen Fernbehandlung“ weiten Krankenkassen auch ihr bestehendes Angebot an ärztlicher telefonischer Beratung durch eigene Ärztezentren aus und bieten Behandlungen an, die die bestehenden Versorgungsstrukturen umgehen. So kündigte beispielsweise die AOK Sachsen-Anhalt jüngst an, als Pilotprojekt eine Onlineberatung für Eltern vorerkrankter Kinder anzubieten. Leisten soll dies ein in Kooperation mit der Universitätsmedizin Halle neu gegründetes Zentrum für digitale Medizin. Die Beratungsgespräche seien ein erster Versuch, einen Bereich mit großem Beratungsbedarf online abzudecken und dabei wichtige Erfahrungen für weitere Projekte zu sammeln, so die AOK Sachsen-Anhalt. Für Ende des Jahres kündigte die regionale AOK bereits eine Ausweitung der Angebote an: Als nächstes plane man eine digital unterstützte onkologische Sport- und Bewegungstherapie. Eine Folge solcher Angebote kann die Zunahme selektiver Vertragsverhältnisse zwischen einzelnen gesetzlichen Krankenkassen und Leistungserbringern beziehungsweise deren Verbünden, aber auch neuen Anbietern sein.

Seitens der Politik werden die Krankenkassen auch strukturell als Treiber für digitale Versorgungsinnovationen und als Gestalter digital gestützter Versorgungsprozesse unterstützt. So erlaubt das Digitale-Versorgungs-Gesetz den Krankenkassen, die Entwicklung digitaler Innovationen mit bis zu zwei Prozent ihrer Finanzreserven über Kapitalbeteiligungen zu fördern.

Aufgabenteilung zunehmend infrage gestellt

Die starke Aufgabenzuweisung an die gesetzlichen Krankenkassen im Zukunftsfeld Digitalisierung der Gesundheitsversorgung stellt das über Jahrzehnte geltende Prinzip der „gemeinsamen Selbstverwaltung“ und der damit einhergehenden Aufgabenverteilung zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern aus Sicht der Bundesärztekammer infrage. Die von der Politik den Krankenkassen zugewiesene neue Rolle verändere das deutsche Gesundheitssystem in Richtung eines Krankenkassen-dominierten Systems mit neuen Prioritäten. Es sei zu erwarten, dass Versichertengelder verstärkt zum Zweck der Kundenbindung eingesetzt würden. Bisher ärztliche Aufgaben im Bereich der Prävention könnten sich verlagern. Die Bundesärztekammer befürchtet in diesem Zusammenhang eine Aushöhlung des Kollektivvertrags als Grundlage der vertragsärztlichen Versorgung, sollten im Rahmen der Kooperationen von Kostenträgern und neuen Anbietern vermehrt selektivvertragliche Strukturen mit Ärzten angestrebt werden.

Dies fordere die ärztliche Selbstverwaltung heraus, da bisher die Weiterentwicklung und Neugestaltung der Versorgungsstrukturen zu ihren Kernaufgaben gehörte. Dabei sei auch zu beachten, dass die vom Gesetzgeber erwünschte neue Rolle von den rund 110 gesetzlichen Krankenkassen nur in sehr unterschiedlichem Maße umgesetzt werden könne. Es ist zu erwarten, dass die vier großen Krankenkassen – Techniker Krankenkasse, AOK, Barmer und DAK – Größenvorteile nutzen werden. Unter anderem würden sie über höhere Finanzreserven verfügen, um digitale Innovationen zu entwickeln oder entwickeln zu lassen. Die Möglichkeiten, Versorgung zu steuern und versichertenspezifische digitale Anwendungen anzubieten, werde aber zunehmend auch zum Wettbewerbsfaktor in der Konkurrenz der Krankenkassen untereinander. Ein Prozess der Fusionierung und Konzentration auf wenige gesetzliche Krankenkassen scheint, so die Einschätzung der BÄK, für die Zukunft wahrscheinlich.

Um befürchtete negative Effekte der globalen Plattformökonomien nicht einseitig durch Machtverlagerung zugunsten von Krankenkassen zu kompensieren, sollte aus Sicht der Bundesärztekammer jedwede Erweiterung von entsprechenden Handlungsspielräumen für alle Beteiligten gleichermaßen und ausgewogen erfolgen – insbesondere also auch für die Ärzteschaft.

Neue Handlungsspielräume gleichberechtigt gestalten

Dies sollte beispielsweise für die Möglichkeiten der Auswertung von patientenbezogenen Daten auf Ebene der ärztlichen Körperschaften gelten. So könnte auch von dieser Seite per Datennutzung dazu beigetragen werden, individuelle Versorgungsverbesserungen zu adressieren sowie kollektive Planungsentscheidungen zu verbessern. Zudem sollte es auch ärztlichen Körperschaften ermöglicht werden, als Anbieter telemedizinischer Leistungen zu agieren.

Angesichts des Novums, dass Krankenkassen mit Versichertengeldern Kapitalbeteiligungen fördern dürfen, sollten hohe Anforderungen an die Transparenz über Kriterien der Beteiligungen sowie über Beteiligungen an sich formuliert werden, mahnt die BÄK. Da die Versichertengelder primär zur Finanzierung direkter Patientenversorgung zur Verfügung stehen sollten, müsse eine Veröffentlichungspflicht selbstverständlich sein.

Die Bundesärztekammer plädiert außerdem dafür, dass ärztliche Strukturen wie Ärztekammern und Arztnetze die Möglichkeit und rechtliche Grundlage erhalten, für Patientinnen und Patienten diskriminierungsfrei als Anbieter von elektronischen Patientenakten aufzutreten. So könnten neben den Kassenangeboten weitere Optionen geschaffen und damit die Akzeptanz bei den Patienten für digitale Akten erhöht werden. André Haserück

Mitgestalten

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) wird in den kommenden Ausgaben weitere Thesen zur Digitalisierung aufgreifen und zur Diskussion stellen. Zudem bietet das DÄ zusammen mit der Bundesärztekammer eine Veranstaltung an: Am 20. Oktober stellen sich die beiden Vorsitzenden des Ausschusses „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer, PD Dr. med. Peter Bobbert und Erich Bodendieck, den Fragen von Ärztinnen und Ärzten. Eine Anmeldung ist möglich unter:

www.aerzteblatt.de/events/digitalisierung-2021

Bis dahin freut sich die Redaktion auf Fragen, Anregungen und Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Schreiben Sie uns an:
digitalisierung@aerzteblatt.de

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote