ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2021Reisekrankheiten: Malaria nicht vergessen
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Im Jahr 2020 wurden laut Robert Koch-Institut in Deutschland rund dreiviertel weniger Malariafälle gemeldet. Dies und der Fokus auf COVID-19 auch bei Reiserückkehrern hat die Malaria teils in Vergessenheit geraten lassen. Deshalb gilt: mit zunehmender Reiseaktivität immer an Malaria denken.

Die COVID-19-Pandemie hat zu einem dramatischen Rückgang des Flugverkehrs insbesondere auch in tropische (Urlaubs-)Gebiete geführt. Aktuell steigen die Fluggastzahlen langsam wieder an (1). Unter den importierten Infektionserkrankungen ist die Malaria tropica weiterhin die wichtigste, da die Sterblichkeit ohne frühzeitige Behandlung hoch ist. Bereits zu Beginn der Pandemie war zu beobachten, dass eine gleichzeitige SARS-CoV-2-Infektion zu einer verzögerten Malariadiagnose führen kann (2, 3, 4).

Seit dem Sommer 2021 werden in tropenmedizinischen Zentren nun gehäuft Patientinnen und Patienten mit einer auffälligen Verzögerung von Diagnostik und Therapie beobachtet. Bei vielen dieser Fälle wurde trotz mehrfacher ambulanter Vorstellungen und sogar stationärer Aufnahmen die Möglichkeit einer frühzeitigen Diagnose verpasst, was zu einem erhöhten Risiko für schwere Verläufe der Malaria führt (Kasten). Die beschriebenen Fälle illustrieren die Verzögerung der diagnostischen Abklärung deutlich. Zu beobachten sind momentan diagnostische Verzögerungen gerade dann, aber nicht ausschließlich, wenn eine Koinfektion mit SARS-CoV-2 besteht.

Bei jedem Reiserückkehrer aus einem Malariagebiet mit Fieber oder schwerem Krankheitsgefühl muss die potenziell tödlich verlaufende Malaria umgehend ausgeschlossen werden. Die Symptomatik ist regelhaft unspezifisch: Myalgien, Kopfschmerzen, Diarrhö und Abgeschlagenheit sind häufig und können vor allem bei semiimmunen Patienten mit vorangegangener Malariaexposition auch ohne Fieber bestehen. Da die Symptomatik einer frühen oder milden COVID-19-Manifestation ähneln kann, ist es essenziell, daran zu denken, dass eine COVID-19-Diagnose das Bestehen einer Malaria nicht ausschließt. Eine Malaria muss umgehend diagnostisch abgeklärt werden, um therapeutische Maßnahmen zu initiieren und das Risiko für einen tödlichen Verlauf zu minimieren. Dies gilt insbesondere auch im Falle einer Quarantäne nach Rückkehr aus einem SARS-CoV-2-Hochrisikogebiet.

Der zentrale Aspekt bei der Diagnose der Malaria ist, daran zu denken. Der Nachweis der Plasmodien in Ausstrich und dicker Tropfen ist in spezialisierten Zentren Routine; im niedergelassenen Bereich sind Antigentests hilfreich. Außerdem gibt es exzellente aktualisierte Leitlinien (5). In den Malariaendemiegebieten hat die Pandemie die oftmals bereits fragilen Gesundheitssysteme an die Belastungsgrenze oder darüber hinaus geführt, und es mehren sich die Hinweise auf einen deutlichen und anhaltenden Anstieg der Malaria dort (6). Mit absehbar weiterer Zunahme der Reiseaktivität ist es entscheidend, sich an die Gefahr dieser Erkrankung zu erinnern: Die Faustregel „Über einen Malariaverdacht darf die Sonne nicht auf- oder untergehen“ gilt mehr denn je (7).

Dr. med. Elham Khatamzas, Dr. med. Anastasia Berkunova, PD Dr. med. Claudia M. Denkinger
Sektion Tropenmedizin, Zentrum für Infektiologie, Universitätsklinikum Heidelberg

Prof. Dr. med. Maria J.G.T. Vehreschild,
Prof. Dr. med. Christoph Stephan
Zentrum für Innere Medizin, Infektiologie, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt

Dr. med. Benno Kreuels
Sektion Tropenmedizin, I. Medizinische Klinik, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Prof. Dr. med. Frank Mockenhaupt
Institut für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit, Charité, Berlin

Die Autoren geben an, dass keine
Interessenkonflikte bestehen. Dieser Artikel
unterlag nicht dem Peer-Review-Verfahren.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4021
oder über QR-Code.

Frühzeitige Diagnose verpasst

Fall 1 (UK Frankfurt): 2 in Deutschland aufgewachsene Brüder wurden uns zur stationären Übernahme vorgestellt. Der 17-Jährige beklagte seit ca. 10 Tagen bestehende fieberhafte Diarrhö mit progredienter Vigilanzminderung (Somnolenz), Reaktionsverlangsamung sowie Gangschwierigkeiten. Der 16-Jährige zeigte bei gleicher Anamnese keine neurologischen Symptome. Beide hatten keine weiteren Organmanifestationen. Die zusätzliche Anamnese ergab, dass beide 12 Tage zuvor aus einem längeren Nigeriaurlaub (Familienbesuch) zurück nach Deutschland gereist waren. Eine Konsultation 6 Tage zuvor beim niedergelassenen Pädiater aufgrund bereits bestehender fieberhafter Diarrhön blieb ohne Befundbesserung. Bei beiden war im auswärtigen Krankenhaus bereits bei Aufnahme Plasmodium falciparum nachgewiesen worden, gewertet im Fall des 17-Jährigen als komplizierte Malaria tropica mit cerebraler Manifestation (Plasmodiendichte 3 % im peripheren Blut) und im Fall des 16-Jährigen (Plasmodiendichte 0,54 %) als unkomplizierte Malaria. Beim älteren Bruder wurden zudem im Stuhl Enteritis-Salmonellen nachgewiesen. Nach unverzüglich eingeleiteter Therapie und kurzem intensivmedizinischen Aufenthalt aufgrund der Schwere der Erkrankung wurden beide Patienten genesen entlassen.

Fall 2 (UK Heidelberg): Eine Patientin hatte ihre Familie in Zentralafrika für 3 Wochen besucht. Kurz nach Rückkehr berichtete sie ihrem Hausarzt über neu aufgetretene Kopfschmerzen, Fieber und Husten. Eine symptomatische Therapie brachte keine Linderung, sodass sie nach erneuter ambulanter Vorstellung (afebril) stationär aufgenommen wurde. Die Diagnostik erbrachte einen positiven SARS-CoV-2-Abstrich. Die Patientin wurde in die häusliche Quarantäne entlassen. Ein Malariatest wurde nicht durchgeführt. Bei persistierender Symptomatik wurde die Patientin nach negativem ambulantem SARS-CoV-2-Test in unserem Zentrum vorstellig. Es folgte die Diagnose einer komplizierten Malaria tropica mit einer Parasitendichte von 4 % und akutem schwerem Nierenversagen. Nach leitliniengerechter Therapie und kurzem intensivmedizinischem Aufenthalt zeigten sich klinische und laborchemische Besserung.

1.
ADV Aero Monatsstatistik Februar 2021; https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2015/11/02.2021-ADV-Monatsstatistik-1.pdf.
2.
Jochum J, Kreuels B, Tannich E, et al.: Malaria in the time of covid-19: Do not miss the real cause of Illness. Trop Med Infect Dis 2021; 6: 4–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Lev D, Biber A, Lachish T, et al.: Malaria in travellers in the time of corona. J Travel Med 2020; 27: 1–2 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
de Laval F, Maugey N, Bonet d’Oléon A, et al.: Increased risk of severe malaria in travellers during the COVID-19 pandemic.
J Travel Med 2021; 28: 1–2 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Malaria“. Flugmedizin · Tropenmedizin · Reisemedizin – FTR 2011; 18: 251 CrossRef
6.
Weiss DJ, Bertozzi-Villa A, Rumisha SF, et al.: Indirect effects of the COVID-19 pandemic on malaria intervention coverage, morbidity, and mortality in Africa: a geospatial modelling analysis. Lancet Infect Dis 2021; 21: 59–69 CrossRef
7.
Hemmer CJ, Loebermann M, Reisinger EC: Malaria und andere notfallmedizinische relevante Tropenerkrankungen mit dem Leitsymptom Fieber. Notfall und Rettungsmedizin 2016; 19: 263–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.ADV Aero Monatsstatistik Februar 2021; https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2015/11/02.2021-ADV-Monatsstatistik-1.pdf.
2.Jochum J, Kreuels B, Tannich E, et al.: Malaria in the time of covid-19: Do not miss the real cause of Illness. Trop Med Infect Dis 2021; 6: 4–7 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.Lev D, Biber A, Lachish T, et al.: Malaria in travellers in the time of corona. J Travel Med 2020; 27: 1–2 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.de Laval F, Maugey N, Bonet d’Oléon A, et al.: Increased risk of severe malaria in travellers during the COVID-19 pandemic.
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5.Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Malaria“. Flugmedizin · Tropenmedizin · Reisemedizin – FTR 2011; 18: 251 CrossRef
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7.Hemmer CJ, Loebermann M, Reisinger EC: Malaria und andere notfallmedizinische relevante Tropenerkrankungen mit dem Leitsymptom Fieber. Notfall und Rettungsmedizin 2016; 19: 263–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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