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WHO-Luftgüteleitlinien: Drastische Senkung empfohlen

Gießelmann, Kathrin

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Werte für Stickstoffdioxid und Feinstaub in ihrer überarbeiteten Luftleitlinie massiv gesenkt – mit deutlichen Abweichungen zu den EU-Grenzwerten. Jetzt ist die Europäische Kommission am Zug, die Luftqualitätsnormen zu aktualisieren.

Foto:Feodora Chiosea/iStock
Foto:Feodora Chiosea/iStock

Nach fünf Jahren Bearbeitung sind am 22. September die neuen globalen Luftgüteleitlinien (Air Quality Guidelines) erschienen. Darin empfiehlt die WHO Richtwerte für die sechs wichtigsten Luftschadstoffe: Feinstaub (PM2,5 und PM10), Stickstoffdioxid NO2, Ozon O3, Schwefeldioxid SO2 und Kohlenmonoxid CO (Tabelle).

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Empfohlene AQG-Werte für 2021 im Vergleich zu den Luftgüteleitlinien von 2005
Tabelle
Empfohlene AQG-Werte für 2021 im Vergleich zu den Luftgüteleitlinien von 2005

Im Fall von NO2 hat sich die WHO für eine deutliche Absenkung um mehr als die Hälfte der bisher empfohlenen Werte entschieden. Ebenso drastisch weichen die neuen WHO-Feinstaubwerte von den aktuellen EU-Grenzwerten ab.

Für die NO2-Belastung empfiehlt die WHO künftig nur noch 10 Mikrogramm (µg) pro Kubikmeter (m³) Luft. Bisher lag der Wert bei 40 µg/m³ Luft, wie es auch die rechtlich bindenden Grenzwerte für die EU vorschreiben. Eine Umsetzung der WHO-Empfehlungen in den EU-Grenzwerten hätte zur Folge, dass auch in Deutschland wieder deutlich mehr Stationen, die Luftqualität messen würden.

EU-Feinstaubwerte weichen ab

Für die Langzeitbelastung mit PM2,5 liegt der neue WHO-Richtwert statt bei 10 nun nur noch bei 5 µg/m³ Luft. Der EU-Grenzwert ist aktuell mit 25 µg/m³ Luft deutlich darüber angesetzt. Ähnlich verhält es sich bei PM10. Hier senkte die WHO ihren Richtwert auf 15 statt bisher 20 µg/m³ Luft. Die EU hat ihren Grenzwert bei 40 µg/m³ Luft festgelegt.

Studien der vergangenen 15 Jahre mit zum Teil mehreren Hunderttausend Teilnehmenden bestätigen inzwischen, was sich vor 20 Jahren noch nicht belegen ließ. Die Werte seien jetzt auf dem niedrigsten Expositionsniveau festgelegt worden, für das es Hinweise auf gesundheitsschädliche Auswirkungen gebe, erläuterte Prof. Dr. Bert Brunekreef von der Universität Utrecht, Mitglied der Gruppe für die Entwicklung der Leitlinie. Dies sei systematisch für jeden Schadstoff und die Gesundheitsfolgen geschehen, so der Professor für Umweltepidemiologie. Die Richtwerte aus dem Jahr 2005 beruhten hingegen eher auf Expertenurteilen. Genau aus diesem Grund sei der 24-Stunden-Richtwert für SO2 erhöht und nicht gesenkt worden, erklärte Brunekreef. Zur Umsetzung der einzelnen sechs Werte äußerte er sich ebenfalls: „Die neue Leitlinie für CO wird in den meisten Städten, die an der MCC-Kooperation (Multi Country Multi City) beteiligt sind, bereits erreicht, der neue Richtwert für SO2 in einer Vielzahl dieser Städte.“ Am schwierigsten zu erreichen seien die Werte für Langzeit-PM2,5 und Langzeit-NO2. „Es liegt an den politischen Entscheidungsträgern, hierfür realistische Zeitrahmen festzulegen“, sagte der Experte aus den Niederlanden.

Dass die Grenzwerte in der EU für Feinstaub PM10 und PM2,5 viel zu hoch liegen, sei das alleinige Resultat von Lobbyisten, welche die Interessen einiger wenigen Industrien über jene der Bevölkerung gesetzt hätten, kritisiert Prof. Dr. med. Dr. phil. Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut, der ebenfalls an der WHO-Luftrichtlinie mitgearbeitet hat. Jutta Paulus, Abgeordnete (Die Grünen) des Europäischen Parlaments und Mitglied im Umweltausschuss hält es für „skandalös“, dass die bisher gültigen WHO-Grenzwerte nicht vollständig in die EU-Gesetzgebung übernommen worden sind.

In Europa existieren sehr unterschiedliche Konzentrationen von Feinstaub. Etwa acht Prozent der städtischen Bevölkerung in der Europäischen Union sind Belastungen mit Feinstaub PM2,5 ausgesetzt, die die Grenzwerte der EU überschreiten; sogar 77 Prozent wären es, wenn die bisherigen WHO-Richtwerte als Maßstab gelten würden (Air quality in Europe Report 2020).

Am höchsten waren die jährlichen bevölkerungsgewichteten PM2,5-Konzentrationen 2019 in der WHO-Region Südostasien, gefolgt von der Region östlicher Mittelmeerraum. Erhöhte Konzentrationen wurden auch in einigen westafrikanischen Ländern beobachtet, vor allem bedingt durch den Saharastaub.

„Viele Länder liegen bereits deutlich unter den jetzigen sehr laxen gesetzlichen Grenzwerten der EU, andere haben Probleme, diese Grenzwerte einzuhalten“, sagte Prof. Dr. med. Barbara Hoffmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sie plädiert daher für einen strengeren verbindlichen Grenzwert für PM2,5 und eine Reduktion der Luftschadstoffbelastung – nicht nur, wo Spitzenwerte vorliegen, sondern auch, wo die Werte schon niedriger sind. „Diese Absenkung muss verpflichtend sein, damit sie Wirkung entfaltet, zum Beispiel jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz“, so Hoffmanns Vorschlag für die Gesetzgebung.

Vorzeitige Todesfälle vermeiden

Ihre Richtwerte legt die WHO ausschließlich anhand gesundheitlicher Effekte fest. So kommt die WHO zu dem Schluss: Wenn ihre Richtwerte für Feinstaub PM2,5 eingehalten werden würden, könnten etwa 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden vorzeitigen Todesfälle vermieden werden. Die Verwirklichung der Zwischenziele für PM2,5 (derselbe Wert wie der AQG-Richtwert von 2005) würde die Gesamtzahl der durch diesen Schadstoff bedingten Todesfälle um nahezu 48 Prozent senken. Am größten wäre die Wirkung in den Regionen Südostasien und Afrika (Rückgang um 57 Prozent beziehungsweise 60 Prozent), schreibt die WHO.

Die Aktualisierung der Luftqualitätsleitlinien sei dringend notwendig gewesen, heißt es daher auch in einer Stellungnahme, die unter Führung der European Respiratory Society (ERS) und der International Society of Environmental Epidemiology (ISEE) zusammen mit mehr als 100 Fachgesellschaften veröffentlicht wurde. Die gesundheitlichen Schäden seien dabei nicht auf hohe Belastungen beschränkt, sondern selbst bei niedrigen Konzentrationen deutlich unterhalb existierender gesetzlicher Grenzwerte zu beobachten. Besonders wichtig sei, dass bisher keine sicheren Schwellenwerte identifiziert werden konnten, unter denen Luftverschmutzung harmlos wäre.

Um entsprechende Verbesserungen der Luftqualität zu erreichen, seien umfassende Maßnahmen in allen Sektoren, wie etwa Verkehr, Energie, Industrie, Landwirtschaft und Wohnen erforderlich, heißt es in der Stellungnahme.

Für sauberere Luft müssten Erneuerbare Energien ausgebaut und fossile Kraftwerke abgeschaltet werden, betonte Paulus auf Nachfrage des Deutschen Ärzteblatts und verwies auf die am stärksten verschmutzte Luft in der EU in den Kohleregionen Polens und Tschechiens. Gleiches gelte für den schnellen Umstieg auf Elektromobilität.

Im Beschluss des Europäischen Parlaments im März 2021 forderte das Parlament die EU-Kommission auf, die EU-Luftqualitätsnormen zu aktualisieren, sobald die neuen WHO-Leitlinien veröffentlicht sind und dabei die Grenzwerte an den Empfehlungen zu orientieren. Zwischen Kommissionsvorschlag und endgültiger Abstimmung würden circa neun bis 18 Monate liegen – wenn keine Einigung erzielt werden könnte, auch mehrere Jahre, räumt die Parlamentsabgeordnete Paulus ein. Sie hofft, dass die Mehrheit im Parlament weiterhin steht und der Rat der Mitgliedsstaaten nicht blockiert. Die Aktualisierung ist für das dritte Quartal 2022 eingeplant. Kathrin Gießelmann

Empfohlene AQG-Werte für 2021 im Vergleich zu den Luftgüteleitlinien von 2005
Tabelle
Empfohlene AQG-Werte für 2021 im Vergleich zu den Luftgüteleitlinien von 2005

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