ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2021Digitalisierung: Der Arztberuf wandelt sich

POLITIK

Digitalisierung: Der Arztberuf wandelt sich

Haserück, André

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Die Digitalisierung beeinflusst zunehmend das ärztliche Handeln. Neben politischen Rahmensetzungen müsse auch eine Adaption der sich verändernden Verhältnisse durch die Ärzteschaft erfolgen – so die BÄK.

Foto: Tex vector/stock.adobe.com
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Die mit großer Dynamik fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens hat auch Einfluss auf das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten und ihren Patientinnen und Patienten sowie auf seit Langem etablierte ärztliche Berufsbilder und damit auch auf das ärztliche Handeln. Im Rahmen von Workshopgesprächen der Bundesärztekammer (BÄK) mit Entscheidungsträgern aus Politik, gesetzlicher und privater Krankenversicherung, ambulanter und stationärer Versorgung, Wissenschaft und Forschung, Verbraucherverbänden, Selbsthilfegruppen, Start-ups sowie der Beraterbranche wurden deshalb auch mögliche Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arztberuf in den Blick genommen.

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Wenn behandlungsrelevante Daten zunehmend außerhalb und teilweise bereits im Vorfeld des Patient-Arzt-Kontaktes generiert werden, so beeinflusst dies das Patient-Arzt-Verhältnis. Die Quantität der im Rahmen der ärztlichen Behandlung zu bewertenden Informationen wird deutlich ansteigen – als Folge von Fortschritten bei Monitoring, Diagnostik, externer Erhebung von Daten des Patienten, Laborminiaturisierung mit entsprechenden Auswertungstools oder Innovationen bei der Entwicklung von Sensorik. Die Patienten werden zum einen „selbstständige Produzenten“ von Daten, und zwar unabhängig von einer bisher üblichen ärztlichen Veranlassung beziehungsweise Indikationsstellung. Zudem werden Optionen eröffnet, die eigenen Daten, welche in der jeweiligen elektronischen Patientenakte (ePA) zusammengeführt werden können, verstärkt selbst oder durch Dritte (zum Beispiel im Kontext einer Zweitmeinung oder Fernbehandlung) und mit digitaler Unterstützung zu bewerten und auszuwerten.

Der Anteil vorinformierter Patienten wird also künftig weiter ansteigen. Die Einordnung der erlangten Vorinformationen dürfte sich wiederum in einem erhöhten Beratungsaufwand im Patient-Arzt-Verhältnis niederschlagen. Zugleich steigt der Bedarf an validen und qualitätsgeprüften Gesundheitsinformationen.

Zunehmende Konkurrenz durch neue Akteure

Hinzu komme, so ein weiteres Ergebnis der Workshopgespräche, dass virtuelle Anbieter verstärkt bisher von Ärztinnen und Ärzten persönlich erbrachte Leistungen anbieten. So erfahre das bislang dominierende Kernszenario der medizinischen Versorgung – der physische, häufig seit Jahren bestehende Patient-Arzt-Kontakt – neue Konkurrenz. Das Monopol der Ärzteschaft, über medizinisches Wissen zu verfügen und dieses im direkten Patient-Arzt-Kontakt anzuwenden, werde mehr und mehr infrage gestellt.

Immense Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung der Zukunft dürften auch Systeme auf Grundlage von Algorithmen und künstlicher Intelligenz (KI) haben. KI-Systeme werden im Rahmen des ärztlichen Handelns bei der Diagnosestellung und der Einleitung der Therapie unterstützen. Zu erwarten sei, dass dies von hoch spezialisierten ärztlichen Tätigkeiten, zum Beispiel im Bereich der radiologischen und histologischen Befundung, bis hin zur teilweisen Substitution einzelner ärztlicher Tätigkeiten reiche.

Bereits jetzt, so die BÄK, würden etwa Radiologen deutlich mehr und komplexere Untersuchungen als früher befunden. Aber auch Teile der Grundversorgung, beispielsweise im Bereich der hausärztlichen Versorgung, seien Gegenstand von digitalen Geschäftsmodellen. Die Tendenz, dass Menschen zunehmend mehr behandlungsrelevante Daten über sich erheben und sammeln, könne zu einer erhöhten Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Lebensstil führen. Zudem könne als weiterer Positiveffekt eine bessere Adhärenz der Patienten hinsichtlich der vereinbarten Therapie das Ergebnis sein. Darüber hinaus sieht die BÄK Chancen darin, Unterstützung der behandelnden Ärzte bei einer zielgerichteten Indikationsstellung durch qualitativ valide Daten zu erzielen. Die entstehenden Datenmengen aber, so warnt die Bundesärztekammer, könnten – gepaart mit unsachgemäßer, falscher oder kontextloser Information – zu Verunsicherung der Patienten führen. Zudem sei mit erhöhten Beratungs- und Aufklärungsaufwänden durch die jeweils behandelnden Ärzte zu rechnen.

Ein potenzielles Risiko für eine möglichst flächendeckende und für alle gleichwertige Versorgung könnte durch virtuelle ärztliche Dienstleistungen auftreten: Nämlich dann, wenn Patientengruppen durch einen begrenzten Zugang zu digitalen Gesundheitsangeboten oder auch aufgrund von Wissensdefiziten von den Vorteilen der Digitalisierung ausgeschlossen sind (sogenannter „digital divide“).

Viele Herausforderungen für Ärztinnen und Ärzte

Aus der Perspektive der Ärzteschaft besteht eine zentrale Herausforderung darin, die Vielzahl und Leistungsfähigkeit digitaler Anwendungen einzuordnen, um auch diesbezüglich Patienten beratend zur Seite stehen zu können. Ärztinnen und Ärzte werden in ihrem Selbstverständnis die veränderte Beziehung zum Patienten durch Digitalisierung adaptieren müssen.

Zum einen bedeute dies eine Rückbesinnung und Stärkung grundsätzlicher ärztlicher Tugenden wie Zuwendung, Beratung und Begleitung, betont die BÄK. Zum anderen würden Ärzte zukünftig auch zunehmend die Rolle eines „Digitallotsen in Gesundheitsfragen“ für Patienten übernehmen, zum Beispiel als Ratgeber hinsichtlich der Auswahl und Inanspruchnahme digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGA).

Die dafür notwendige Digitalkompetenz würden Patientinnen und Patienten zukünftig von ihren Ärzten einfordern – diese müssten sich dieser Entwicklung stellen. Um Ärztinnen und Ärzte ein Basiswissen bezüglich der Vielgestaltigkeit und der grundsätzlichen Leistungsfähigkeit digitaler Anwendungen sowie gegebenenfalls vertiefende Detailkenntnisse in Spezialgebieten zu verschaffen, solle deshalb digitale Kompetenz verstärkt in die ärztliche Aus-, Weiter- und Fortbildung integriert sowie durch Angebote medizinischer Fachgesellschaften ergänzt werden.

Systemisch sollten den Patienten aus Sicht der BÄK niedrigschwellige, valide und auf seine Situation passende Gesundheitsinformationen zur Verfügung gestellt werden. Beispielsweise könne die direkt aus der elektronischen Patientenakte (ePA) heraus erfolgen, um die Menschen nicht mit ihren Fragestellungen einer Onlinesuche im Internet zu überlassen. Digitalisierung dürfe eben nicht die Chancengerechtigkeit beim Zugang zu guter medizinischer Versorgung einschränken.

Weiterhin empfiehlt die BÄK, dass die Art und Frequenz der erhobenen Daten Gegenstand des, zwischen Patient und Arzt vereinbarten, Behandlungskontextes ist. Es müssten Regeln bezüglich der Frage gefunden werden, welche Daten der behandelnde Arzt zu sichten und zu bewerten hat, um seiner berufsrechtlichen Pflicht zu angemessener Sorgfalt zu entsprechen. Zu betonen sei auch, dass für Ärzte auch bei digital unterstützter Diagnose- oder Therapiestellung der Sorgfaltsmaßstab erhalten bleibe, gerade da Ärzten der Eindruck einer unumstößlichen Richtigkeit der dargebotenen Information durch KI-basierte entscheidungsunterstützende Systeme vermittelt werden könnte.

Elektronische Patientenakten versorgungsnah ausgestalten

Einen weiteren wichtigen Aspekt bildet für die BÄK die inhaltliche und strukturelle Ausgestaltung der ePA. Diese müsse sich an den Versorgungsnotwendigkeiten orientieren. Hierzu sollten anhand einzelner Versorgungsszenarien (zum Beispiel Behandlung chronisch Kranker, ärztliche/pflegerische Versorgung im häuslichen Umfeld, ambulante Palliativversorgung) die Interaktionen der Beteiligten – ambulante und stationäre Versorgung, ambulante Pflege, weitere Gesundheitsberufe und Angehörige – erfasst werden.

Auf dieser Grundlage könne und sollte man dann die jeweiligen Informationsbedürfnisse und Schnittstellen strukturieren und entsprechende Module für die ePA entwickeln. Die elektronischen Akten würden nur dann die Akzeptanz der Ärzteschaft finden, wenn die ärztliche Tätigkeit sinnvoll unterstützt wird und insbesondere vulnerable Gruppen besser versorgt werden können. Eine Ausrichtung der ePA primär an den Wünschen „Gesunder“ verfehle diese Zielsetzung, betont die BÄK.

Immens wichtig sei auch ein Ordnungsrahmen, welcher der Ärzteschaft Handlungssicherheit bei der Nutzung digitaler Anwendungen gibt – dies gelte insbesondere für Fragen der Haftung. So müsse man sich auf ärztlicher Seite auf die Funktionalität, Sicherheit und Datenschutzkonformität der empfohlenen Apps verlassen können, wenn diese als GKV-Leistung aufgelistet werden.

Ordnungspolitisch müsse zudem sichergestellt sein, dass alle Anbieter virtueller ärztlicher Leistungen denselben Qualitätsanforderungen unterliegen. André Haserück

Mitgestalten

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) hat in vier Ausgaben weitere Thesen zur Digitalisierung aufgegriffen und zur Diskussion gestellt.

Zudem bietet das DÄ zusammen mit der Bundesärztekammer eine Veranstaltung an: Am 20. Oktober stellen sich die beiden Vorsitzenden des Ausschusses „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der Bundesärztekammer, PD Dr. med. Peter Bobbert und Erich Bodendieck, den Fragen von Ärztinnen und Ärzten. Eine Anmeldung ist möglich unter:

www.aerzteblatt.de/events/digitalisierung-2021

Bis dahin freut sich die Redaktion auf Fragen, Anregungen und Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Schreiben Sie uns an: digitalisierung@aerzteblatt.de

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