ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2021Krankenhäuser: Bettenauslastung auf Rekordtief

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Krankenhäuser: Bettenauslastung auf Rekordtief

Busse, Reinhard; Nimptsch, Ulrike

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Die Auswertung der Krankenhausdaten bis Juni 2021 zeigt: Die Fallzahlen sind in diesem Jahr weiter zurückgegangen und damit auch die Auslastung der Betten. Während akute Anlässe in etwa konstant blieben, sanken vor allem Fälle, die auch ambulant behandelt werden können.

Seit dem vergangenen Jahr sind die deutschen Krankenhäuser dazu verpflichtet, ihre Daten auch unterjährig an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zu übermitteln. Die vorliegende Analyse wertet diese Daten für den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Mai 2021 aus und vergleicht sie mit den Daten der Vorjahre. Sie zeigt, dass die stationären Fallzahlen von Januar bis Mai 2021 weiter gesunken sind. Während sich für das Gesamtjahr 2020 im DRG-Bereich ein Rückgang von 13 Prozent gegenüber 2019 gezeigt hatte, betrug der Rückgang jetzt weitere 5 Prozent im Vergleich zu 2020 sowie 20 Prozent gegenüber 2019. Bei den unter das PEPP-System fallenden psychiatrischen Fällen gab es im betrachteten Zeitraum einen Rückgang von 3 Prozent gegenüber 2020 und 13 Prozent gegenüber 2019. In ähnlicher Größenordnung wie die Fallzahlen sind auch die Verweildauertage zurückgegangen, nämlich im DRG-Bereich um 6 Prozent gegenüber 2020 und um 20 Prozent gegenüber 2019.

Gesunkene Bettenauslastung

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Durch den Rückgang der Verweildauertage sank auch die Bettenauslastung. Im DRG-Bereich lag sie 2021 noch bei 63,9 Prozent und damit deutlich unter den Vorjahreszeiträumen (2019: 76,6 Prozent; 2020: 67,1 Prozent). Hier ist ein deutlicher Effekt nach Krankenhausgröße zu beobachten. So betrug die Bettenauslastung in den kleinen Krankenhäusern bis 299 Betten noch 60 Prozent (2019: 73,8 Prozent; 2020: 63,4 Prozent), in den mittelgroßen Häusern mit 300 bis 599 Betten 62,6 Prozent (2019: 76,2 Prozent; 2020: 66,9 Prozent) und in den großen Krankenhäusern mit mehr als 599 Betten 67,6 Prozent (2019: 79,1 Prozent; 2020: 70,6 Prozent). Die Bettenauslastung im PEPP-Bereich ging gegenüber 2020 um 6 Prozent zurück (Tabelle, eTabelle 1).

Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
Tabelle
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
eTabelle 1
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)

Dabei variierte der Fallzahlrückgang zwischen 2019 und in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 sehr breit je nach betrachteter Indikation. Auf der einen Seite gab es fast unveränderte Fallzahlen bei akuten Anlässen wie Geburt (+4 Prozent), hüftgelenknahe Fraktur (–2 Prozent) und transmuraler Herzinfarkt (–3 Prozent) sowie Resektionen der Brust, Bauchspeicheldrüse oder Speiseröhre bei Krebs (–3 bis –6 Prozent) (eTabelle 2, eGrafik 1).

Anzahl Behandlungsfälle mit kolorektaler Resektion bei Karzinom nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 1
Anzahl Behandlungsfälle mit kolorektaler Resektion bei Karzinom nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Planbare Operationen bei bösartiger Neubildung: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 2
Planbare Operationen bei bösartiger Neubildung: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche

Der Rückgang bei den transmuralen Herzinfarkten war im Jahr 2021 weniger ausgeprägt (Veränderung gegenüber 2019: –3 Prozent) als im Vergleichszeitraum des Jahres 2020 (Veränderung gegenüber 2019: –8 Prozent). Bei nichttransmuralen Herzinfarkten sind die relativen Fallzahlrückgänge höher und konstant, das heißt, sie sind 2021 im Vergleich zu 2020 konstant geblieben und gegenüber 2019 um 14 Prozent gefallen (eTabelle 3, eGrafik 2). Die gleiche Beobachtung – also konstante Fallzahlen im Jahr 2021 gegenüber 2020 – zeigen sich auch bei anderen Diagnosen, wo jeweils ein neues Niveau erreicht zu sein scheint. Bei Behandlungsfällen mit der Hauptdiagnose Schlaganfall, zum Beispiel, waren die Fallzahlen des Jahres 2021 (wie auch 2020) um –8 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Jahres 2019 reduziert.

Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 2
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Weitere, nicht planbare Behandlungen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 3
Weitere, nicht planbare Behandlungen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche

Große Fallzahlrückgänge

Auf der anderen Seite gab es viele Indikationen mit überdurchschnittlichen Fallzahlrückgängen. Dies betrifft zum Beispiel stationäre Behandlungen von Kindern bis 14 Jahren ohne Einweisungen („Notfälle“). Im Vergleich zu 2019 waren diese 2020 um –20 Prozent reduziert und 2021 sogar um –39 Prozent (eGrafik 3). Bei Hüftprothesen-Erstimplantationen reduzierten sich die Fallzahlen im Vergleich zu 2019 im Jahr 2020 um –25 Prozent, stiegen jedoch 2021 wieder leicht an, sodass sich für 2021 gegenüber 2019 noch ein Rückgang um –20 Prozent ergibt. Knieprothesen-Erstimplantationen gingen noch weiter zurück (Veränderung gegenüber 2019 im Jahr 2020: –23 Prozent; im Jahr 2021: –25 Prozent) (eTabelle 4, eGrafik 4).

Anzahl Behandlungsfälle ohne Einweisung (Aufnahmeanlass „Notfall“) bei Kindern nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 3
Anzahl Behandlungsfälle ohne Einweisung (Aufnahmeanlass „Notfall“) bei Kindern nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 4
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Typische planbare Operationen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 4
Typische planbare Operationen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche

Überdurchschnittliche Fallzahlrückgänge gab es jedoch insbesondere bei den ambulant-sensitiven Krankenhausfällen, die als potenziell vermeidbare Krankenhausfälle gelten, weil sie adäquater im ambulanten Bereich behandelt oder ganz vermieden werden können. Bei den Hauptdiagnosen Asthma beziehungsweise COPD waren die Fallzahlrückgänge 2021 gegenüber 2020 mit –40 Prozent beziehungsweise –38 Prozent noch einmal ausgeprägter als 2020, als die Rückgänge bei –27 Prozent beziehungsweise –25 Prozent lagen. Bei der Erklärung sollte berücksichtigt werden, dass die Anti-COVID-Maßnahmen vorrangig zu dieser Entwicklung beigetragen haben könnten, wodurch insbesondere die üblicherweise im Winterhalbjahr höheren Fallzahlen ausgeblieben sind (Grafik).

Anzahl Behandlungsfälle mit COPD nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Grafik
Anzahl Behandlungsfälle mit COPD nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019

Aber auch bei den Hauptdiagnosen Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz und Bluthochdruck waren 2021 im Vergleich zu 2020 noch einmal deutliche Fallzahlrückgänge zu beobachten. Für den Zweijahreszeitraum 2021 im Vergleich zu 2019 ergeben sich damit insbesondere bei Diabetes mellitus mit –25 Prozent und Bluthochdruck mit –26 Prozent überdurchschnittliche Fallzahlrückgänge, die auch nicht mit einem geänderten Krankheitsgeschehen in der Bevölkerung zu erklären sind (eGrafik 5). Das deutet darauf hin, dass der Fallzahlrückgang auf ein geändertes Inanspruchnahmeverhalten zurückzuführen ist. Zurückgegangen sind zudem ambulantisierbare Operationen mit einer Verweildauer von einem Tag wie extrakapsuläre Extraktionen der Linse oder kleine Eingriffe an Nase, Ohr, Mund und Hals. Die Fallzahlrückgänge reichten hier von –26 bis –63 Prozent.

Anzahl Behandlungsfälle mit Diabetes mellitus nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 5
Anzahl Behandlungsfälle mit Diabetes mellitus nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019

Aktive Absage

Insgesamt festigt sich die Beobachtung aus dem Jahr 2020, dass bei praktisch allen Diagnose(gruppen), bei denen die vorliegenden Routinedaten eine Einteilung in „dringend(er)“ und „weniger dringend“ beziehungsweise „vermeidbar“ erlauben, der Rückgang bei Ersteren wesentlich weniger ausgeprägt war als bei Letzteren. Das verdeutlicht auch weiterhin, dass das Inanspruchnahmeverhalten eine deutlich größere Rolle als die aktive Absage von Behandlungen durch die Krankenhäuser gespielt hat.
Prof. Dr. med. Reinhard Busse,
Dr. PH Ulrike Nimptsch

eGrafiken im Internet:
www.aerzteblatt.de/211852
oder über QR-Code.

Anzahl Behandlungsfälle mit COPD nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Grafik
Anzahl Behandlungsfälle mit COPD nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
Tabelle
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
Anzahl Behandlungsfälle mit kolorektaler Resektion bei Karzinom nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 1
Anzahl Behandlungsfälle mit kolorektaler Resektion bei Karzinom nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 2
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Anzahl Behandlungsfälle ohne Einweisung (Aufnahmeanlass „Notfall“) bei Kindern nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 3
Anzahl Behandlungsfälle ohne Einweisung (Aufnahmeanlass „Notfall“) bei Kindern nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 4
Anzahl Behandlungsfälle mit Hüftprothesen-Erstimplantation nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Anzahl Behandlungsfälle mit Diabetes mellitus nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 5
Anzahl Behandlungsfälle mit Diabetes mellitus nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
eTabelle 1
Ausgewählte Leistungsdaten DRG- und PEPP-Krankenhäuser (DRG auch nach Bettengröße)
Planbare Operationen bei bösartiger Neubildung: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 2
Planbare Operationen bei bösartiger Neubildung: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
Weitere, nicht planbare Behandlungen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 3
Weitere, nicht planbare Behandlungen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
Typische planbare Operationen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche
eTabelle 4
Typische planbare Operationen: Fallzahlen und Fallzahldifferenzen, jeweils für den Zeitraum von der 2. bis zur 18. Kalenderwoche

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