ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2021Coronapandemie: Das Ende der Impfzentren

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Coronapandemie: Das Ende der Impfzentren

Richter-Kuhlmann, Eva

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Entsprechend eines Beschlusses der Gesundheitsministerkonferenz schließen in Deutschland jetzt die Impfzentren oder werden in einen Stand-by-Modus versetzt. Niedergelassene sind jedoch zuversichtlich, in den Praxen und durch mobile Impfteams die Kampagne fortsetzen zu können.

Foto: picture alliance/dpa/Friso Gentsch
Foto: picture alliance/dpa/Friso Gentsch

Die Impfstrecken sind heruntergefahren. Es wird abgebaut sowie eingepackt in diesen Tagen: Bundesweit läuft jetzt im Oktober der Rückbau der Coronaimpfzentren, die Ende vergangenen Jahres im Eiltempo in Messehallen, an Flugplätzen, in Stadien oder Stadthallen errichtet wurden.

Nach fast einem Dreivierteljahr geht die Ära der Impfzentren zu Ende. Bund und Länder hatten vereinbart, die bundesweit mehr als 400 Zentren bis zum 30. September in ihrer Zahl und den Kapazitäten zurückzufahren oder zu schließen. Fakt bleibt: Die Zentren, die hälftig von Bund und Ländern finanziert wurden, schrieben während der Coronapandemie Geschichte.

„Zu Beginn und auch im Verlauf der Pandemie waren die Impfzentren wichtig und richtig“, betont Anke Richter-Scheer, 1. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Westfalen-Lippe und medizinische Leiterin des Impfzentrums des Kreises Minden-Lübbecke, gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Dies habe zum einen an der anfangs begrenzten Impfstoffmenge sowie der Priorisierung der zu impfenden Menschen gelegen sowie zum anderen an den gerade zu Beginn bestehenden Unsicherheiten und strengen Vorgaben bezüglich der Aufbereitung des Impfstoffes. „In den Praxen wäre das so am Anfang kaum möglich gewesen.“

Symbol der Hoffnung

Die Bevölkerung hat die Inbetriebnahme der Impfzentren Anfang des Jahres als Hoffnungsschimmer und mit viel Enthusiasmus wahrgenommen: Glücklich und dankbar waren diejenigen der ersten Priorisierungsgruppe, die im Januar trotz extremen Impfstoffmangels einen Termin im Impfzentrum ergatterten oder – wie in Berlin – zum Impfen eingeladen und mit einem Taxi zum Zentrum chauffiert wurden.

Zu einer positiven Atmosphäre in den Zentren trug auch das Engagement der Ärztinnen und Ärzte sowie der vielen Helfenden bei, die häufig ursprünglich aus der Gastronomie- und Veranstaltungsbranche stammten. „Sie alle haben Geschichte geschrieben“, so bedankte sich der Gesundheitsminister von Nordrhein-Westfalen, Karl-Josef Laumann (CDU), in einer Mitteilung bei allen Helfenden. „Die Impfzentren waren lange Zeit eine wichtige Säule der Impfkampagne und haben so zum Schutz der Bevölkerung aktiv beigetragen“, resümierte auch Clemens Hoch (SPD), Gesundheitsminister in Rheinland-Pfalz, dieser Tage. Und Lob kommt auch aus Hamburg: „Das zentrale Impfzentrum in Hamburg war ein sehr großer Erfolg“, betonte Hamburgs regierender Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Der Ablauf in Deutschlands größtem Coronaimpfzentrum sei so gut organisiert gewesen, dass viel Vertrauen in der Bevölkerung entstanden sei, sagte der Arzt (siehe nachfolgender Beitrag).

Mit dem Ende der Impfzentren schalten die Bundesländer nun auf dezentrale Lösungen um. „Jetzt vollziehen wir den Übergang in die letzte Phase der Impfkampagne: die breite, dezentrale Routine-Verimpfung“, erklärte Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne).

Zwar sollen in Berlin als einziges Bundesland bis voraussichtlich Ende des Jahres noch zwei Impfzentren in Betrieb bleiben, doch in den anderen Ländern werden die Coronaimpfungen nur noch von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten sowie den Betriebsärztinnen und -ärzten übernommen. Zudem sollen bundesweit mobile Impfteams und Impfbusse unterwegs sein. Auch niedrigschwellige Angebote vor Ort soll es weiterhin geben. Einige Bundesländer wollen einzelne Impfzentren zwar schließen, aber noch im Stand-by-Modus halten.

Praxen sind gut aufgestellt

Dass die Arztpraxen durch den Wegfall der Coronaimpfzentren überfordert sein könnten, glaubt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) nicht. Das Impfen in den Arztpraxen sei ein Garant dafür, dass mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung einen vollständigen Impfschutz gegen das Coronavirus genieße, sagte Dr. med. Andreas Gassen, KBV-Vorstandsvorsitzender. „Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen können impfen. Das beweisen sie jedes Jahr, nicht erst seit der Coronapandemie.“

Abgesehen von einigen Modellprojekten begannen die Praxen Anfang April bundesweit mit dem Impfen gegen COVID-19, aufgrund von Lieferengpässen allerdings zunächst nur gebremst. Erst ab Ende Juni konnte der gemeldete Impfstoffbedarf der Praxen gedeckt werden. Dann verimpften sie pro Woche nahezu ebenso viele Dosen wie die Impfzentren (Grafik 1). Nach Angaben der KBV unterstützten in der Spitze 75 000 Praxen in ganz Deutschland – darunter 95 Prozent aller Hausärztinnen und -ärzte – die Coronaimpfkampagne. Die Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung zeigt: Mitte Juni wurden binnen einer Woche fast 3,4 Millionen Dosen in den Praxen verimpft, mehr als in den Zentren (2,5 Millionen) (Grafik 2).

Entwicklung der Coronaimpfkampagne Kumulierte Anzahl verimpfter und unverimpfter Dosen in Millionen
Grafik 1
Entwicklung der Coronaimpfkampagne Kumulierte Anzahl verimpfter und unverimpfter Dosen in Millionen
Wöchentliche Impfungen gegen COVID-19 Anzahl verimpfter Dosen in Millionen pro Kalenderwoche
Grafik 2
Wöchentliche Impfungen gegen COVID-19 Anzahl verimpfter Dosen in Millionen pro Kalenderwoche

Impfen erfolgte Hand in Hand

Zahlreiche niedergelassene Ärztinnen und Ärzte impften nicht nur in ihren Praxen, sondern zusätzlich in den Zentren vor Ort – so wie Richter-Scheer. Konkurrenz zwischen Praxen und Zentren gab es keine, sagt sie. „Es gab ja auch keinen Grund zu konkurrieren. Das gemeinsame Ziel, möglichst schnell viele Menschen zu impfen, konnten wir nur zusammen erreichen.“

Dass das Impfen in den Praxen aber letztlich effektiver sei, habe sich nach kurzer Zeit bestätigt, erklärt sie. „Das zeigt auch, dass die Hausarztpraxen das zukünftig alleine – ohne die Impfzentren – schaffen können.“ Eine Rückkehr der Impfzentren kann und will sie sich nicht vorstellen. „Der Rückbau der Zentren kommt zum richtigen Zeitpunkt.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Entwicklung der Coronaimpfkampagne Kumulierte Anzahl verimpfter und unverimpfter Dosen in Millionen
Grafik 1
Entwicklung der Coronaimpfkampagne Kumulierte Anzahl verimpfter und unverimpfter Dosen in Millionen
Wöchentliche Impfungen gegen COVID-19 Anzahl verimpfter Dosen in Millionen pro Kalenderwoche
Grafik 2
Wöchentliche Impfungen gegen COVID-19 Anzahl verimpfter Dosen in Millionen pro Kalenderwoche

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