ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021SARS-CoV-2 Impfbereitschaft in der deutschen Bevölkerung während der zweiten Pandemiewelle
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Mit zunehmender Zahl der gegen SARS-CoV-2 geimpften Personen nimmt die Bedeutung der Impfbereitschaft Ungeimpfter zu. Zur Entwicklung gezielter Maßnahmen ist die Identifikation von Impfbarrieren entscheidend (1). Wünschenswerte aktuelle Befragungen ungeimpfter Personen sind derzeit kaum realisierbar, doch lassen sich auch aus einer bevölkerungsbasierten Befragung zu Jahresbeginn relevante Einflussfaktoren ableiten. Untersucht wird der Zusammenhang der Impfbereitschaft mit Soziodemografie, Befragungszeitpunkt, verschwörungsbezogenen Einstellungen, individueller Exposition gegenüber SARS-CoV-2 sowie psychischen und somatischen Vorerkrankungen. Bisherige nichtrepräsentative Studien zeigen eine höhere Impfbereitschaft bei Frauen, älteren Menschen, Personen mit höherem Bildungsabschluss (2), Menschen, die sich als Risikogruppe erachten und die selbst oder im Bekanntenkreis Infektionen erlebten (3).

Methoden

Die Gutenberg COVID-19 Studie untersucht 8 121 Personen aus der Kohorte der Gutenberg-Gesundheitsstudie (GHS – seit 2007) sowie 2 129 neu aufgenommene jüngere Personen. Die Gesamtzufallsstichprobe ist nach Alter (25–88 Jahre), Geschlecht (m/w) und Wohnort (Stadt/Landkreis) stratifiziert. Bei einer Teilnahmequote von 61 % kann nicht ausgeschlossen werden, dass vor allem pandemieskeptische Personen nicht teilnahmen. Die Stichprobe wird in Follow-ups und Erhebungen der GHS weiterverfolgt. Analysiert wurden die Daten der ersten Erhebung unter Pandemiebedingungen (Oktober 2020 bis April 2021).

Die Impfbereitschaft konnte für: „Wenn ein Impfstoff gegen SARS-CoV-2 für Sie verfügbar wäre, würden Sie sich impfen lassen?“ auf einer Skala von „sehr unwahrscheinlich“ = 0 bis „sehr wahrscheinlich“ = 6 angegeben werden. Verschwörungsbezogene Einstellungen wurden erhoben mit: „Die tatsächlichen Hintergründe der Corona-Erkrankung werden nie ans Licht der Öffentlichkeit kommen“ und „Die Corona-Krise wurde so groß geredet, damit einige wenige von ihr profitieren“. Die Exposition gegenüber COVID-19 wurde dichotom für Verhaltensweisen (Reisen, Versammlungen, Tests) und Infektionen (selbst, Umfeld) erfasst. Psychische und somatische Vorerkrankungen wurden auf der Grundlage von aktuellen Befunden und Vorbefunden bestimmt. Aufgrund relevanter Impfstoffentscheidungen wurden vier Zeitintervalle definiert: vor Impfstoffzulassung (12.10.– 20.12.2020), Zulassung der mRNA-Impfstoffe (21.12.–28.01. 2021), Zulassung der Vektorimpfstoffe (29.01.–14.03.2021), Aussetzung der Vektorimpfstoffe für Personen unter 60 Jahren (15.03.–09.04.2021). Die statistische Analyse erfolgte mit multipler linearer Regressionsanalyse in R (Version 4.0.5).

Ergebnisse

Es wurden 9 794 Personen in die Analyse eingeschlossen. Ausgeschlossen wurden fünf Personen mit fehlenden Daten und 451 Personen (4,4 %), die geimpft waren und deren Impfbereitschaft nicht erhoben wurde. Die Teilnehmenden waren durchschnittlich 56,4 (Standardabweichung = 15,3) Jahre alt; 50,2 % waren Frauen, 21,5 % hatten Migrationshintergrund, bei 3,7 % wurde eine SARS-CoV-2-Infektion nachgewiesen. Verschwörungsannahmen teilten 7 % („Profit“) beziehungsweise 35,8 % („Hintergründe der Pandemie“). Die Bereitschaft, sich wahrscheinlich impfen zu lassen, lag bei 83,6 %; 10,3 % waren unentschieden, 6,1 % erachteten es als unwahrscheinlich. Die Grafik zeigt die Impfbereitschaft für Männer und Frauen in vier Zeitintervallen. Männer gaben eine höhere Impfbereitschaft an. Die Impfbereitschaft stieg nach Zulassung des ersten mRNA-Impfstoffs deutlich für Männer und Frauen und blieb in der Folge auf einem hohen Niveau.

SARS-CoV-2-Impfbereitschaft von Männern und Frauen in vier Zeitintervallen mit Darstellung der 95-%-Konfidenzintervalle
Grafik
SARS-CoV-2-Impfbereitschaft von Männern und Frauen in vier Zeitintervallen mit Darstellung der 95-%-Konfidenzintervalle

Die Tabelle zeigt die multiple lineare Regressionsanalyse. Männer, ältere Menschen, Personen mit höherem sozioökonomischem Status und ohne Migrationshintergrund gaben eine höhere Impfbereitschaft an. Die Impfbereitschaft war während der späteren Zeitintervalle höher als vor der Impfstoffzulassung. Personen, die verschwörungsbezogenen Einstellungen eher zustimmten, Raucher und Menschen, die eine SARS-CoV-2 Infektion erlebt hatten, gaben eine niedrigere und Personen mit Bluthochdruck, Krebserkrankung oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) eine höhere Impfbereitschaft an. Die stärksten Einflussfaktoren waren Geschlecht, Glaube an den Profit Einzelner, zeitlicher Verlauf und sozioökonomischer Status.

Multiple lineare Regressionsanalyse der Impfbereitschaft (0–6) auf Soziodemografie, Zeitintervall, verschwörungsbezogene Einstellungen, Exposition und Vorerkrankungen (N = 9 327)
Tabelle
Multiple lineare Regressionsanalyse der Impfbereitschaft (0, 1, 2, 3, 4, 5, 6) auf Soziodemografie, Zeitintervall, verschwörungsbezogene Einstellungen, Exposition und Vorerkrankungen (N = 9 327)

Diskussion

Soziodemografische Faktoren, Einstellungen zur Pandemie, zeitlicher Verlauf und medizinische Befunde beeinflussen die Impfbereitschaft. Anders als in Studien, bei denen die Selbstzuordnung zu einer Risikogruppe mit höherer Impfbereitschaft assoziiert war (zum Beispiel [3]), zeigen die vorliegenden Daten medizinisch erhobener Vorerkrankungen nur bei Krebserkrankung, COPD und Bluthochdruck eine höhere Impfbereitschaft. Schwerwiegende kardiovaskuläre, metabolische, immunologische und psychische Erkrankungen hatten keinen Einfluss. Durch das Zögern aufgrund persönlicher Risikoabwägungen (4) besteht die Gefahr, dass sich auch Risikogruppen und Genesene nicht ausreichend schützen lassen. Die Impfkommunikation sollte vor allem bei diesen Personen um Vertrauen (transparentes Vorgehen und detaillierte Informationen) in die Impfung werben (5). Zudem müssen Jüngere, sozial benachteiligte Personen und Menschen mit Migrationshintergrund adressiert werden. Für diese Personengruppen sind Informationen in leicht verständlicher und in verschiedenen Sprachen und niedrigschwellige Impfangebote relevant (1). Um Personen, die zu Verschwörungsideen neigen, zu adressieren, sollten Diskussionen in den sozialen Medien mitgestaltet und Maßnahmen für das Vertrauen in staatliche Institutionen entwickelt werden (4).

Folgende Limitationen sind zu beachten: Die Varianzaufklärung liegt bei 19 %, das heißt, nur ein Teil der Einflussgrößen wurde berücksichtigt. Die Daten wurden querschnittlich erhoben; die Altersverteilung in den Zeitintervallen variiert; die Items zu verschwörungsbezogenen Einstellungen wurden noch nicht validiert und bilden keine expliziten Verschwörungserzählungen ab. Die Befragung fand zu einem Zeitpunkt mit eingeschränkten Impfstoffkapazitäten statt, sodass die Frage nach der Impfbereitschaft meist hypothetisch beantwortet werden musste.

Nora Hettich, Lina Krakau, Kamiar Rückert, Emar Brähler, Daniela Zahn, Simge Yilmaz, Thomas Münzel, Emilio Gianicolo, Irene Schmidtmann, Andreas Schulz, Philipp S. Wild, Karl J. Lackner, Alexander K. Schuster, Manfred E. Beutel

Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz:

Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
(Hettich, Krakau, Rückert, Brähler, Beutel) nora.hettich@unimedizin-mainz.de

Präventive Kardiologie und Medizinische Prävention, Zentrum für Kardiologie
(Zahn, Yilmaz, Schulz, Wild)

Allgemeine Kardiologie, interventionelle Kardiologie, Angiologie und internistische Intensivmedizin, Zentrum für Kardiologie (Münzel)

Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik (Gianicolo, Schmidtmann)

Centrum für Thrombose und Hämostase (Wild)

Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin (Lackner)

Zentrum für ophthalmologische Epidemiologie und Versorgungsforschung, Augenklinik und Poliklinik (Schuster)

Institute of Clinical Physiology, National Research Council, Lecce, Italy (Gianicolo)

Danksagung

Wir möchten uns bei allen Studienteilnehmer/inne/n und Mitarbeiter/inne/n der Gutenberg COVID-19 Studie für ihren Beitrag bedanken. Die Studie wurde finanziell gefördert durch den Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung und das Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz, die ReALity-Initiative der Lebenswissenschaften der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und das Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin.

Interessenkonflikt
Irene Schmidtmann besitzt Aktien der Firmen Biontech und Curevac.

Die übrigen Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 8. 2021, revidierte Fassung angenommen: 29. 9. 2021

Zitierweise
Hettich N, Krakau L, Rückert K, Brähler E, Zahn D, Yilmaz S, Münzel T, Gianicolo E, Schmidtmann I, Schulz A, Wild PS, Lackner KJ, Schuster AK, Beutel ME: Willingness to be vaccinated against SARS-CoV-2 in the German population during the second wave of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 720–1.
DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0350

Dieser Beitrag erschien online am 12. 10. 21 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Habersaat KB, Jackson C: Understanding vaccine acceptance and demand—and ways to increase them. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2020; 63: 32–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Lazarus JV, Wyka K, Rauh L, et al.: Hesitant or not? The association of age, gender, and education with potential acceptance of a COVID-19 vaccine: a country-level analysis. J Health Commun 2020; 25: 799–807 CrossRef MEDLINE
3.
Haug S, Schnell R, Weber K: Impfbereitschaft mit einem COVID-19-Vakzin und Einflussfaktoren. Ergebnisse einer telefonischen Bevölkerungsbefragung 2021. Gesundheitswesen 2021. DOI: 10.1055/a-1538–6069, epub ahead of print CrossRef MEDLINE
4.
COSMO COVID-19 Snapshot Monitoring: Zusammenfassung und Empfehlungen Wellen 48 bis 51 COSMO 2021. https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/web/summary/48-51/ (last accessed on 22 September 2021).
5.
Reibling N, Spura A, Dietrich M, Reckendrees B, Seefeld L, de Bock F: Attitudes to vaccination after the first wave of COVID-19—findings of a representative population survey. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 365–6 VOLLTEXT
SARS-CoV-2-Impfbereitschaft von Männern und Frauen in vier Zeitintervallen mit Darstellung der 95-%-Konfidenzintervalle
Grafik
SARS-CoV-2-Impfbereitschaft von Männern und Frauen in vier Zeitintervallen mit Darstellung der 95-%-Konfidenzintervalle
Multiple lineare Regressionsanalyse der Impfbereitschaft (0–6) auf Soziodemografie, Zeitintervall, verschwörungsbezogene Einstellungen, Exposition und Vorerkrankungen (N = 9 327)
Tabelle
Multiple lineare Regressionsanalyse der Impfbereitschaft (0–6) auf Soziodemografie, Zeitintervall, verschwörungsbezogene Einstellungen, Exposition und Vorerkrankungen (N = 9 327)
1.Habersaat KB, Jackson C: Understanding vaccine acceptance and demand—and ways to increase them. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 2020; 63: 32–9 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Lazarus JV, Wyka K, Rauh L, et al.: Hesitant or not? The association of age, gender, and education with potential acceptance of a COVID-19 vaccine: a country-level analysis. J Health Commun 2020; 25: 799–807 CrossRef MEDLINE
3.Haug S, Schnell R, Weber K: Impfbereitschaft mit einem COVID-19-Vakzin und Einflussfaktoren. Ergebnisse einer telefonischen Bevölkerungsbefragung 2021. Gesundheitswesen 2021. DOI: 10.1055/a-1538–6069, epub ahead of print CrossRef MEDLINE
4.COSMO COVID-19 Snapshot Monitoring: Zusammenfassung und Empfehlungen Wellen 48 bis 51 COSMO 2021. https://projekte.uni-erfurt.de/cosmo2020/web/summary/48-51/ (last accessed on 22 September 2021).
5.Reibling N, Spura A, Dietrich M, Reckendrees B, Seefeld L, de Bock F: Attitudes to vaccination after the first wave of COVID-19—findings of a representative population survey. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 365–6 VOLLTEXT

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