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Heil- und Pflegeanstalt Pirna-Sonnenstein: Nationale Gedenkfeier für die Opfer der „Aktion T 4“

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): A-748 / B-612 / C-572

Rieser, Sabine

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Auf dem Sonnenstein in Sachsen wurden 1940 und 1941 rund 15 000 Behinderte und psychisch Kranke vergast. An ihr Schicksal erinnerte eine nationale Gedenkfeier.


Der Name klingt vertrauenerweckend für eine Heil- und Pflegeanstalt: Pirna-Sonnenstein. Schon kurz nach deren Gründung 1811 wurde er zum Synonym für eine fortschrittliche Psychiatrie, die sich eine humanere Betreuung und die Heilung der Patienten statt der bloßen Verwahrung zum Ziel gesetzt hatte. Doch 1940 und 1941 stand Pirna-Sonnenstein für Menschenverachtung und Tod. Damals wurden auf dem Gelände der kurz zuvor geschlossenen Anstalt etwa 15 000 Kinder, Frauen und Männer vergast. Ermordet wurden vor allem psychisch Kranke und geistig Behinderte, aber auch Häftlinge aus Konzentrationslagern.
Der Sonnenstein gehörte zu den sechs Tötungsanstalten im Rahmen der so genannten Aktion T 4. Aufgrund des Engagements einer Bürgerinitiative befindet sich dort heute eine Gedenkstätte. Am 11. März wurde mit einer nationalen Gedenkfeier der Opfer des Nationalsozialismus unter den psychisch Kranken und Behinderten gedacht. Tags zuvor fand im Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie Arnsdorf ein Symposium statt zum Thema "Gewalt gegen psychisch Kranke: gestern, heute - und morgen?".
"Kein anderer Ort in Deutschland ist geeigneter, um diese Gedenkfeier abzuhalten", sagte Prof. Dr. med. Wolfgang Weig. Der Sonnenstein zeige zwei Gesichter: das der Reform- und das der Tötungsanstalt. Weig ist Vorsitzender der Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Krankenhäuser. Ihre Mitglieder hatten die Gedenkfeier initiiert. Sie wurden dabei nach Weigs Worten von der eigenen Fachgesellschaft ebenso unterstützt wie von Verbänden der Krankenpflege und Administration. Die deutsche Psychiatrie sei sich ihrer Schuld bewusst, betonte Weig vor rund 100 Zuhörern. Sie gedenke in Trauer der getöteten psychisch Kranken und Behinderten.
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Andrea Fischer (Bündnis 90/Die Grünen) würdigte das Engagement für die Gedenkfeier (ihre Rede ist im Anschluss dokumentiert). Dass eine solche erst heute stattfinde, müsse aber alle mit Scham erfüllen. Der sächsische Gesundheitsminister Dr. Hans Geisler (CDU) ging der Frage nach, wie man mit Orten wie dem Sonnenstein umgehen solle. Seiner Ansicht nach muss man die "Anatomie" der begangenen Verbrechen zu entschlüsseln versuchen. Dafür sei es nötig, den Spuren von Opfern und Tätern nachzugehen: "Nur so haben wir die Chance, einen Lebensweg zu verstehen, ein Gesicht zu erkennen."
Orte wie der Sonnenstein reaktivieren die Fakten des Grauens. Im Juli 1933 wurde das so genannte Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erlassen, im Oktober 1935 das Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit des deutschen Volkes. Im Rahmen der T-4-Aktion brachte man etwa 70 000 psychisch Kranke und Behinderte um. Offiziell wurde die Aktion 1941 beendet, doch inoffiziell wurden "Lebensunwerte" weiter vergast, mit Medikamenten zu Tode gebracht, ausgehungert. Gleichzeitig griffen die Nationalsozialisten auf ihrem Weg massenhafter Vernichtung auf die Euthanasieerfahrungen zurück. Etwa ein Drittel des Personals der Tötungsanstalt Sonnenstein wurde in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibór und Treblinka eingesetzt.
Nach dem Krieg wurden mehrere Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern des Sonnenstein zum Tode oder zu Haftstrafen verurteilt. Im Zuge einer Amnestie in den 50er-Jahren kamen die meisten auf freien Fuß. Auch in der DDR konnte man danach durchaus Karriere machen. Die Verbrechen auf dem Sonnenstein gerieten in Vergessenheit, zumal er lange nicht zugänglich war, weil man dort eine Triebwerksproduktion angesiedelt hatte.
Der Sonnenstein heute - das ist ein Areal mit verschiedenen Firmen und Institutionen. Seit kurzem arbeiten dort auch 240 Frauen und Männer in Behinderten-Werkstätten. Martin Wallmann, als Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt Sonnenstein zuständig für die Werkstätten, sagt, er trauere um die Menschen, die umgekommen seien. Er wolle sich aber dadurch nicht lähmen lassen. Am Beginn solcher Ereignisse wie der Euthanasie stehe immer Ausgrenzung. Deshalb werde auf dem Sonnenstein wieder der Versuch unternommen, behinderte Menschen zu integrieren. Sabine Rieser


Ärzte und medizinisches Personal der Anstalt Sonnenstein in der NS-Zeit. Die Aufnahme entstammt dem Buch "Nationalsozialistische Euthanasie-Verbrechen in Sachsen - Beiträge zu ihrer Aufarbeitung". Weitere Literatur bei der Verfasserin

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