ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021Rotavirusinfektion: Vollständige Impfung bietet Kindern unter 5 Jahren guten Schutz vor Gastroenteritis

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Rotavirusinfektion: Vollständige Impfung bietet Kindern unter 5 Jahren guten Schutz vor Gastroenteritis

Gerste, Ronald D.

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Foto: picture alliance/ BSIP CDC
Foto: picture alliance/ BSIP CDC

Weltweit ist Diarrhoe die fünfthäufigste Todesursache für Kinder unter 5 Jahren. Die von Rotaviren ausgelöste Gastroenteritis ist für circa 29 % dieser Todesfälle durch Diarrhoe verantwortlich und hat vor allem in Afrika südlich der Sahara, Süd- und Südostasien eine hohe Morbidität und Mortalität. Gleichwohl hat die globale Mortalität von 2005–2015 um 43 % abgenommen, was vor allem auf die Einführung von Rotavirusimpfstoffen zurückgeführt wird. Mehr als 100 Länder haben inzwischen die Rotavirusvakzination in ihre Impfprogramme aufgenommen. Zu den 6 eingeführten Impfstoffen gehört Rotarix (RV1), eine in 2 oralen Dosen einzunehmende monovalente Vakzine, und RotaTeq (RV5), eine in 3 Dosen einzunehmende pentavalente Vakzine.

Den Nutzen und gegebenenfalls die Risiken dieser beiden Impfstoffe zu evaluieren, war das Ziel eines systematischen Reviews und Metaanalyse von randomisierten klinischen Studien (RCT) und fallkontrollierten Studien, die definitionsgemäß mindestens 100 Kindern, die jünger als 5 Jahre waren, erfassten. Diese Kriterien wurden von 20 RCTs und 38 fallkontrollierten Studien erfüllt. Dabei wurden in den RCTs insgesamt 9 092 Kinder geimpft, während 9 228 Kinder ein Placebo erhielten. In den Fallkontrollstudien bekamen 4 492 Kinder RV1 (gegenüber 16 543 Kindern in den Kontrollgruppen) und 2 828 Kinder RV5 (Kontrollgruppen: 19 093 Kinder).

Bei der Auswertung zeigte sich, dass gegenüber mit Placebo versorgten Kindern die vollständige Impfung sowohl mit RV1 als auch mit RV5 im ersten Jahr des Follow-ups die Wahrscheinlichkeit, eine Rotavirus-Gastroenteritis zu erleiden, deutlich senkte – auf ein relatives Risiko (RR) von 0,316 für RV1 (95-%-Konfidenzintervall] [0,224; 0,345]) und von 0,350 für RV5 ([0,275; 0,455]). Auch das Risiko einer Hospitalisierung aufgrund einer Rotavirus-Gastroenteritis wurde durch die Impfung reduziert: auf eine Odds Ratio (OR) von 0,347 ([0,279; 0,432]) unter RV1 und auf 0,272 ([0,197; 0,376]; RV5). Die Rotavirusimpfstoffe zeigten eine bessere Protektion gegen schwere Rotavirus-Gastroenteritis als gegen schwere Gastroenteritis jeglicher Ursache.

Das Ausmaß des Schutzes war abhängig vom Durchschnittseinkommen des jeweiligen Landes und in wohlhabenden Ländern ausgeprägter. Die Schutzwirkung gegen die Rotavirus-Gastroenteritis ließ im 2. Jahr des Follow-ups im Vergleich zum 1. Jahr Follow-up nach. Der RR für RV1 betrug im 2. Jahr 0,494 ([0,255; 0,955]) und für RV5 0,622 ([0,388; 0,966]). Ein Risiko für schwere Nebenwirkungen der Impfung ergab sich aus den untersuchten Studien nicht.

Fazit: „Die Metaanalyse bekräftigt den erheblichen Nutzen der Impfung gegen Rotaviren, um schwere Verlaufsformen bei Kindern zu verhindern. Beide auf dem deutschen Markt verfügbaren Impfstoffe schützen gleichermaßen“, so Prof. Dr. med. Tobias Tenenbaum, Ärztlicher Leiter der Abteilung Pädiatrische Pulmologie, Infektiologie und Allergologie, Universität Mannheim, und 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Dr. med. Ronald D. Gerste

Sun ZW, Fu Y, Lu HL, et al.: Association of rotavirus vaccines with reduction in rotavirus gastroenteritis in children younger than 5 years. A systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials and observational studies. JAMA Pediatr 2021; DOI:10.1001/jamapediatrics.2021.0347.

Kommentare

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Avatar #620875
Joachim Kiehne
am Montag, 25. Oktober 2021, 15:06

Nicht wirklich überzeugend

Etwas verwirrt wird der Leser durch die Überschrift: Kinder unter 5 Jahren. Darum ging es in der zitierten Metastudie nicht, sondern nur um die ersten 2 Lebensjahre. Die berechnete RR besagt im Umkehrschluss, dass Kinder ohne Rotaimpfung im ersten Jahr eine 3,2-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, eine Rotaenteritis zu erleiden, das Risiko einer Hospitalisation noch niedriger. Und im 2. Lebensjahr sinkt das Risiko deutlich weiter. Dass die Impfung eine Invagination verursachen kann, ist bekannt, obwohl dies selten vorkommt, hat beispielsweise Frankreich die Impfung aus dem Impfkanon gestrichen. Schade, dass der Impfschutz in ärmeren Ländern noch schwächer ausfällt.
Bei der Einführung des Impfstoffen wurde bei uns für den Impfstoff geworben, weil er Fehltage der Eltern bei der Arbeit reduzieren hilft.
Es geht aber nicht um die Eltern, sondern um die Gesundheit der Kinder. Einen "erheblichen Nutzen" der Impfung, wie im Fazit beschrieben, kann ich nicht erkennen.

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