ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021Wissenschaft und Medien: Eine schwierige Beziehung

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Wissenschaft und Medien: Eine schwierige Beziehung

Reichardt, Alina

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In der Pandemie mussten Forschende und Medienschaffende enger zusammenarbeiten als je zuvor. Eigeninteressen und die Suche nach Sensationen führten dabei oft auch zu Konflikten. Vertreter beider Felder haben Ideen, wie sich das Verhältnis verbessern ließe.

Blitzgewitter. Wissenschaftler wie Christian Drosten (Mitte) kamen in der Pandemie zu ungeahnter Prominenz. Foto: picture alliance/ SZ Photo/ Jens Schicke
Blitzgewitter. Wissenschaftler wie Christian Drosten (Mitte) kamen in der Pandemie zu ungeahnter Prominenz. Foto: picture alliance/ SZ Photo/ Jens Schicke

Die Pandemie hat das Spannungsverhältnis zwischen Forschenden, Medien, Öffentlichkeit und Politik stark verändert. Innerhalb kürzester Zeit mussten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sonst weniger medial präsenten Disziplinen lernen, teils noch unsichere Erkenntnisse in einfache Worte zu fassen, ohne dabei zu riskieren, falsch verstanden zu werden. Medienschaffende wurden über Nacht zu Erklärern komplexer Materie, die sie oft selbst kaum nachvollziehen konnten.

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Beide Seiten rückten enger an die Politik, die eine, um Wissen für politische Entscheidungen zu liefern, die andere, um diese zu kommunizieren. Nicht immer funktionierte diese Konstellation zum Vorteil aller Beteiligten und kostete Akteure aller Felder Vertrauen in der Bevölkerung. Wie sich das Verhältnis und damit auch die Wissenschaftskommunikation verbessern könnte, diskutierte jetzt ein Panel auf Einladung der Deutschen Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Südafrikanischen Akademie der Wissenschaften (Academy of Science of South Africa, ASSAf).

Raus aus dem Elfenbeinturm

„COVID hat Wissenschaft in den Fokus gerückt wie nie zuvor, sie fand nicht länger im Elfenbeinturm, sondern im Scheinwerferlicht statt“, erklärte Dr. Marina Joubert, Senior Researcher für Wissenschaftskommunikation am Zentrum für Evaluationsforschung der Stellenbosch Universität in Südafrika. Forschende seien in einen Konflikt geraten zwischen dem starken Bedürfnis, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und ihr Wissen zu teilen und dem dafür notwendigen Zwang, eine Beziehung mit den Medien aufzubauen. „Damit geht auch ein großes Risiko einher, denn wer in den Medien präsent ist, muss auch mit Kritik rechnen“, so Joubert.

In der Pandemie habe die Beziehung zwischen Wissenschaft und Forschung auch bisher unbekannte Formen angenommen. In vielen Ländern seien einzelne, vor allem männliche Wissenschaftler zu regelrechten Superstars avanciert. „In Deutschland war es Prof. Dr. med. Christian Drosten, in Südafrika war es der Epidemiologie-Prof. Salim Abdool Karim“, so Joubert.

Sie waren nahezu täglich und medienübergreifend präsent, in großen Teilen der Bevölkerung bekannt und beeinflussten Debatten maßgeblich. Die allermeisten dieser Wissenschaftler seien aber auch hochrangige Vertreter ihrer Disziplin mit festen Positionen und der Sicherheit, dass Kollegium und Arbeitgeber sie schützen werden.

Dieser Superstarstatus sei sehr ungewöhnlich und nur einer kleinen Gruppe Forschender zuteilgeworden. Dabei hätten nur die wenigsten dieser Wissenschaftler das Rampenlicht gesucht, um Prominenz oder einen besseren Ruf zu erlangen, sondern eher um wissenschaftliche Aspekte in die Debatte einzubringen oder auch Mittel für coronarelevante Forschung einzuwerben, ergänzte Joubert.

„Für andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kann es hilfreich sein, sich genau anzusehen, wie diese ,Superstars‘ zu so populären Medienquellen geworden sind. Vieles davon können sie vielleicht selbst anwenden“, erklärte die Kommunikationsexpertin. Ihre Forschung habe gezeigt, dass bekannte Erklärer wie Christian Drosten klare Botschaften transportieren und einfach verständliche Metaphern einsetzten. Sie hätten auf Unsicherheiten hingewiesen, erklärt, warum Evidenz wichtig sei, und dass Uneinigkeit zwischen Forschenden nicht zwingend bedeute, dass eine Seite falsch liege.

Joubert rät Forschenden, Botschaften nicht ausschließlich mit Fakten, sondern auch mit Emotionen zu vermitteln. „Man sollte sich auch menschlich zeigen, etwa erklären, dass man auch selbst besorgt ist oder man Mitgefühl für Betroffene hat. Das kann schon genug sein, um Vertrauen aufzubauen.“

Gefahr für die Reputation

Doch anders als Drosten und Karim seien viele Wissenschaftler nicht auf die Regeln der Medienwelt vorbereitet und mit der plötzlichen Aufmerksamkeit überfordert gewesen. So ging es zunächst auch Dr. phil. nat. Viola Priesemann, Leiterin der Max-Planck-Forschungsgruppe „Dynamik Neuronaler Systeme“ am Göttinger Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die an der Diskussion teilnahm. „Christian Drosten hatte mit dem Coronavirus-Update-Podcast eine eigene mediale Plattform. Im direkten Gespräch mit Medienvertretern braucht man Mut, denn es besteht immer das Risiko, falsch zitiert zu werden. Wir bauen unsere wissenschaftliche Reputation auf Vertrauen, und eine falsche mediale Darstellung kann meine Reputation gefährden.“

Die Wissenschaftlerin entwickelte mathematische Modelle für die Informationsverarbeitung im Gehirn. Mit der aufkommenden Pandemie begann sie diese so zu verändern, dass sie die Ausbreitung des Coronavirus beschreiben konnten. Im März 2020 verfasste sie eine Stellungnahme für die Politik, in der sie erklärte, warum der damalige Lockdown erst bei deutlich reduzierten Fallzahlen gelockert werden sollte. Schnell wurde die Physikerin damit zur gefragten Medienansprechpartnerin.

„Ich habe eine riesige Menge an Anfragen bekommen, mehr als ich je hätte beantworten können“, so Priesemann. Viele habe sie abgelehnt. Zwar sei der Austausch mit Wissenschaftsjournalisten häufig bereichernd, weil diese während der Pandemie auch immer Einblicke in viele andere Bereiche gehabt hätten. „Ich habe dann aber eher versucht, mit Hintergrundgesprächen etwas beizutragen, bei denen ich nicht direkt zitiert werde“, erklärte die promovierte Physikerin.

Auch Prof. Dr. Koleka Mlisana, stellvertretende Leiterin des ministerialen Ratgeberkomitees zu COVID-19 in Südafrika, bestätigte: „Ich fühle mich wohler bei Interviews, die aufgezeichnet werden.“ Bei Livegesprächen sei das Risiko deutlich größer, zu einer eigentlich nicht beabsichtigen Aussage verleitet zu werden. Sie löste ihren prominent gewordenen Kollegen Karim im März als Co-Vorsitzende des Beratergremiums ab. Während er zur HIV-Forschung zurückkehrte, nahm sie seinen Platz als Ansprechpartnerin der Medien ein.

„Manchmal stellt man fest, dass es in einem Interview nur um die Sensation geht und nicht um die eigentliche Information“, so Mlisana. Man müsse eine Balance finden, damit Botschaften ankommen. Dass sei in der Pandemie oft nicht gelungen, sowohl aufgrund von Medienmechanismen als auch aufgrund von Forschenden, die sich selbst in den Fokus rückten. „Ich hatte manchmal das Gefühl, dass einige Forschende etwas nur äußern, um der Aussage einer Kollegin oder eines Kollegen zu widersprechen. Die Medien griffen den Konflikt auf, die ursprüngliche Aussage ging verloren“, so Mlisana

Debatte um Lockdown

Auch für die Medien sei es wichtig zu erkennen, wenn es Ansprechpartnern nur um die Darstellung ihrer persönlichen Meinung gehe, ergänzte Mia Malan. Sie ist Geschäftsführerin und Chefredakteurin des Zentrums für Gesundheitsjournalismus, Bhekisisa, das sich mit Themen zur Gesundheit und sozialen Gerechtigkeit in ganz Afrika beschäftigt.

In Südafrika habe es wie fast überall medial begleitete Debatten um Lockdown-Maßnahmen gegeben. Diese sei jedoch schnell vom Wissenschaftlichen in eine persönliche Diskussion zwischen Politikern abgeglitten. „Es war wenig hilfreich, öffentlich zu debattieren, ob man sich nun an die Maßnahmen halten soll oder nicht“, so Malan.

Sie warb aber auch um Verständnis für die Mechanismen der Medienwelt. „Man kann die wissenschaftlichen Fakten so korrekt wie nur möglich darstellen, aber wenn man es nicht schafft, das Interesse der Menschen zu wecken, und sie nach dem zweiten Absatz abbrechen, kommen auch die wichtigen Botschaften nicht an“, erklärte Malan. Weniger sei manchmal mehr.

Sie betonte aber auch, wie wichtig die Beziehung zur Wissenschaft in der Pandemie geworden sei. „Wir benutzen unter normalen Umständen andere Wörter als Forschende und die Politik. Wörter, die unser Publikum versteht. In der Pandemie war das oft nicht möglich“, so die Journalistin. Gerade zu Beginn seien die komplexen Begriffe rund um COVID einfach wiederholt worden, weil Medienschaffende sie selbst nicht verstanden. „Die Beziehung mit Forschenden wurde für uns unschätzbar. Wir wissen nicht immer, ob eine Information wirklich korrekt ist, wir brauchen die Wissenschaft dafür.“ Alina Reichardt

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