ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021Wissenschaft und Öffentlichkeit: Von Fouls und Roten Karten

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Wissenschaft und Öffentlichkeit: Von Fouls und Roten Karten

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Der Herbst hat begonnen, die Sorgen über die steigenden SARS-CoV-2-Infektionszahlen werden (noch) gelassen gesehen. Die Impfquote ist inzwischen recht passabel, man streitet um die Rechte der noch nicht Geimpften und um die Maskenpflicht in der Schule. Deutschland besteht aber weiterhin aus dem Team „Vorsicht“ und dem Team „Freiheit und Eigenverantwortung“.

Überwiegend in den sozialen Medien stehen sich die beiden Teams weiterhin unversöhnlich gegenüber. Fairplay ist nicht angesagt, Beschimpfungen und grobe Fouls sind an der Tagesordnung. Und diejenigen, die sich nicht an den Zweikämpfen beteiligen, sind schnell überfordert, wem sie nun Glauben schenken sollen.

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Zudem kochen überflüssige Diskussionen darüber hoch, ob Ungeimpfte künftig im Krankenhaus noch behandelt werden sollen oder höhere Krankenversicherungsbeiträge zahlen müssen. Der Begriff Solidargemeinschaft – so schwer es auch manchmal fällt – scheint aus der Mode gekommen zu sein.

Dieses Prinzip der Schuldzuweisung treibt viele dazu, sich erst recht nicht impfen zu lassen. Druck erzeugt Widerstand. Die Gemengelage wird umso schwieriger, wenn dann noch behauptet und gestreut wird, die „geplante“ Nichtbehandlung von Ungeimpften sei von der Regierung beschlossen.

Solche Fake News par excellence schüren die allgemeine Frustration der Verunsicherten. So verfängt auch das Narrativ, die Coronaimpfung sei ein „gentherapeutisches Experiment am Menschen“ auf allen Kanälen der sozialen Medien. Dass die Impfung schlichtweg den allermeisten Menschen hilft, nicht auf der Intensivstation zu landen, geht unter. Allerdings ist nicht jeder Ungeimpfte automatisch ein „Querdenker“. Daher ist Aufklärung so wichtig, an der es noch mangelt.

Diejenigen aber, die wie Querdenker bewusst Falschinformationen verbreiten, sorgen für immer mehr schwere Fouls, die eine tiefrote Karte verdient hätten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden zunehmend bedroht und beleidigt, wie aus einer Umfrage der internationalen Science Mediacenters und der Fachzeitschrift Nature hervorgeht. Von den 321 befragten Expertinnen und Experten – überwiegend aus dem Vereinigten Königreich, Deutschland und den USA – sagten mehr als 80 Prozent, dass sie persönlichen Angriffen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt waren. Der schon lange bekannte Online-Hass betrifft – angeheizt durch die Coronapandemie – immer mehr die in der Wissenschaft Tätigen. Also gerade diejenigen, die aufklären, die Fakten und neue Erkenntnisse erläutern können. Bei den genannten Anfeindungen fühlen sich aber viele Wissenschaftler alleingelassen und ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück oder üben schlimmstenfalls Selbstzensur. Daher ist es ein Gebot der Stunde, sie zu unterstützen und über „Hatespeech“ zu berichten, damit dieses Thema in der Gesellschaft präsent ist. Denn es bedarf nicht nur der fundierten wissenschaftlichen Aufklärung über gesundheitliche Themen, sondern auch über den zunehmenden Hass im Netz. Denn dort informieren sich viele über medizinische Fragestellungen und kommen mit ihren Erkenntnissen in die Arztpraxis.

Die Wissenschaft als Korrektiv muss weiterhin Gehör finden. Wissenschaft ist nie perfekt, aber sie hat die Fähigkeit, neue Erkenntnisse anzunehmen und eigene Ansichten zu ändern. Das haben Querdenker und notorische Foulspieler sicher nicht.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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