ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021COVID-19-Pandemie: Tod in jedem sechsten Fall

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COVID-19-Pandemie: Tod in jedem sechsten Fall

Busse, Reinhard; Nimptsch, Ulrike

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Foto: picture alliance/ dpa/ Fabian Strauch
Foto: picture alliance/ dpa/ Fabian Strauch

Eine Auswertung der COVID-19-Fälle bis zum Juni 2021 zeigt: In etwa jedem vierten Fall mussten die Patienten intensivmedizinisch versorgt werden – und in jedem sechsten Fall verstarb der Patient. Die schweren Fälle wurden dabei vor allem in großen Krankenhäusern behandelt.

Seit dem vergangenen Jahr sind die Krankenhäuser dazu verpflichtet, ihre Daten auch unterjährig an das Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) zu übermitteln. Die vorliegende Analyse wertet diese Daten für den Zeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Mai 2021 im Hinblick auf die Versorgung von COVID-19-Patientinnen und -patienten aus und vergleicht sie mit den Daten des Vorjahres.

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Insgesamt wurden demnach bis zum 31. Mai 194 716 Behandlungsfälle mit der Nebendiagnose U07.1 (COVID-19, Virus nachgewiesen) aufgenommen und entlassen (Tabelle 1). Da die Nebendiagnose U07.1 gemäß ICD-10 dann, „wenn COVID-19 durch einen Labortest nachgewiesen ist, ungeachtet des Schweregrades des klinischen Befundes oder der Symptome“, kodiert werden soll, dürfte es sich hierbei um eine gemischte Gruppe handeln, die sowohl Patienten mit keinen oder milden Symptomen als auch solche mit schwerem Verlauf umfasst. Es wird zudem darauf hingewiesen, dass die Nebendiagnose U07.1 keine Aussage darüber erlaubt, ob die COVID-19-Erkrankung ursächlich für die stationäre Behandlung war. Erfasst werden damit auch Fälle, bei denen die COVID-19-Infektion ein Nebenbefund im Rahmen eines Krankenhausaufenthaltes aus anderem Anlass war oder im Krankenhaus erworben wurde.

Behandlungen in Zusammenhang mit COVID-19: Kennzahlen; für 2021 nur bis 31. Mai
Tabelle 1
Behandlungen in Zusammenhang mit COVID-19: Kennzahlen; für 2021 nur bis 31. Mai

Mehr Fälle im Jahr 2021

Dazu kommen noch 33 236 Überlieger, also Behandlungsfälle mit Aufnahme im Jahr 2020 und Entlassung im Jahr 2021. Damit übersteigt die Anzahl der Behandlungsfälle in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 (insgesamt 227 952) die Anzahl der Behandlungsfälle im gesamten Jahr 2020 (176 574). Dabei handelt es sich ausdrücklich um Behandlungsfälle und nicht um Personen, da verlegte Patientinnen und Patienten mehrfach gezählt werden.

Die mittlere Verweildauer der Behandlungsfälle mit COVID-19 lag bis Ende Mai 2021 bei 11,4 Tagen, sodass circa 2,22 Millionen Verweildauertage (ohne Überlieger) erbracht wurden, was 5,7 Prozent aller Verweildauertage entspricht. Dagegen entfielen im Jahr 2020 insgesamt nur 2,0 Prozent aller Verweildauertage (ohne Überlieger) auf die Behandlung von Fällen mit COVID-19. Unter der Annahme, dass die Überlieger je zur Hälfte vor und nach dem Jahreswechsel behandelt wurden, erhöht sich dieser Wert von rund 2,4 Prozent (2020) auf 6,9 Prozent (Januar bis Mai 2021) der Verweildauertage.

Betrachtet man im Jahr 2021 zunächst nur die Behandlungsfälle mit COVID-19 ohne Überlieger, so war bei 32 998 Fällen ein OPS-Kode für intensivmedizinische Komplexbehandlung kodiert und bei weiteren 111 ein OPS-Kode für intensivmedizinische Komplexbehandlung bei Kindern (Tabelle 1). Daneben wurden 12 506 Fälle in benannten Intensivbetten ohne Komplexkode für intensivmedizinische Behandlung gezählt. Insgesamt wurden also bis Ende Mai 2021 45 615 Fälle mit COVID-19 intensivmedizinisch versorgt (23,4 Prozent aller COVID-19-Fälle). 22 956 Fälle mit der Nebendiagnose U07.1 wurden für mindestens sechs Stunden beatmet (11,8 Prozent aller Fälle). Im Vergleich zum Jahr 2020 waren die Patientinnen und Patienten mit COVID-19 in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 etwas jünger (im Median 69 Jahre versus 71 Jahre im Jahr 2020), wurden jedoch häufiger intensivmedizinisch versorgt (23,4 Prozent versus 21,5 Prozent) und häufiger beatmet (11,8 Prozent versus 10,2 Prozent). Die mittlere intensivmedizinische Verweildauer der Behandlungsfälle mit COVID-19 lag bis Ende Mai 2021 bei circa 10,6 Tagen, sodass etwa 0,48 Millionen Verweildauertage (ohne Überlieger) erbracht wurden, was 14,7 Prozent aller intensivmedizinischen Verweildauertage entspricht (beziehungsweise 11,3 Prozent der vorhandenen intensivmedizinischen Kapazitäten).

Gipfel zur Jahreswende

Diese Werte lagen bei hälftiger Berücksichtigung der Überlieger bei rund 17 Prozent beziehungsweise 13 Prozent. Das bedeutet, dass jedes sechste belegte intensivmedizinische Bett und jedes achte vorhandene intensivmedizinische Bett im Durchschnitt zur COVID-19-Versorgung genutzt wurde. Der Anteil der Todesfälle unter allen Behandlungsfällen mit der Nebendiagnose U07.1 lag bis Ende Mai 2021 bei 16,4 Prozent und war damit etwas geringer als im Jahr 2020 (17,9 Prozent).

Nachdem der Gipfel der wöchentlichen Aufnahmen mit knapp 15 000 während der zweiten Infektionswelle um den Jahreswechsel erreicht wurde, sank die Anzahl der stationären Behandlungsfälle im Jahr 2021 zunächst bis zur Kalenderwoche 9 (Anfang März), in der rund 6 500 Aufnahmen beobachtet wurden (eGrafik 1). Vor dem Hintergrund der dritten Infektionswelle stiegen die Fallzahlen anschließend wieder an und lagen in den Kalenderwochen 13 bis 16 (April) bei jeweils circa 11 000. Der anschließende Rückgang in den Kalenderwochen 17 und 18 ist möglicherweise anteilig auf zum Zeitpunkt der Datenlieferung noch nicht entlassene und damit nicht übermittelte Fälle zurückzuführen. Der Anteil der Behandlungsfälle mit intensivmedizinischer Versorgung lag in den Kalenderwochen 2 bis 18 jeweils zwischen 21 und 26 Prozent.

Anzahl Behandlungsfälle mit COVID-19 nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 1
Anzahl Behandlungsfälle mit COVID-19 nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019

Bei der Betrachtung der absoluten Zahlen zeigt sich, dass 54 Prozent der COVID-19-Patienten in den insgesamt 330 Krankenhäusern mit mehr als 400 Betten behandelt wurden (eGrafik 2). Bei einer proportionalen Betrachtungsweise ergibt sich zudem, dass die Verteilung der Behandlungsfälle mit COVID-19 in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 im Verhältnis zur Bettenzahl relativ gleichmäßig erfolgte (eGrafik 3).

Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31. Mai): Anteil wegverlegt in anderes Krankenhaus
eGrafik 2
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31. Mai): Anteil wegverlegt in anderes Krankenhaus
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen
eGrafik 3
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen

Ein überproportionaler Versorgungsanteil wurde aber in den 156 Krankenhäusern mit 300 bis 399 Betten beobachtet, die 17 Prozent der Behandlungsfälle mit COVID-19 versorgten, insgesamt jedoch nur einen Bettenanteil von 13 Prozent hatten. In diesen Krankenhäusern wurden von Januar bis Mai 2021 durchschnittlich 240 Fälle mit COVID-19 behandelt. Dagegen versorgten die 81 Krankenhäuser mit mehr als 800 Betten durchschnittlich 557 Fälle mit COVID-19. Zu beachten ist, dass in dieser Betrachtung neben den 194 716 Fällen mit Aufnahme im Jahr 2021 auch die 33 236 Überlieger enthalten sind. Insgesamt erfolgte die Verteilung der Behandlungsfälle mit COVID-19 ähnlich wie im Jahr 2020.

Betrachtet man die Versorgungsanteile der Fälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung (Aufenthalt in benanntem Intensivbett oder intensivmedizinische Komplexbehandlung ohne Aufenthalt in Intensivbett), beträgt der Anteil der Fälle in den 330 größeren Krankenhäusern sogar mehr als 60 Prozent. Überproportionale Versorgungsanteile zeigen sich in den 182 Krankenhäusern mit 400 bis 599 Betten (24 Prozent der intensivmedizinisch versorgten Behandlungsfälle bei 21 Prozent der Intensivbetten) sowie in den 156 Krankenhäusern mit 300 bis 399 Betten (15 Prozent der Behandlungsfälle bei elf Prozent der Intensivbetten). Eine solche Tendenz bestand auch bei den 382 Krankenhäusern mit 150 bis 299 Betten, während die Anteile insbesondere in den Krankenhäusern bis 149 Betten, aber auch in denen mit 800 und mehr Betten unterproportional waren. In den 81 Krankenhäusern mit 800 Betten und mehr wurden im Durchschnitt in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 187 Fälle mit COVID-19 intensivmedizinisch versorgt, dagegen in den 537 Krankenhäusern bis 149 Betten nur durchschnittlich fünf Fälle. Auch in dieser Darstellung sind Überlieger aus dem Jahr 2020 (13 421 Fälle) enthalten.

Betrachtet man die Anteile der Behandlungsfälle mit intensivmedizinischer Versorgung, die in ein anderes Krankenhaus verlegt wurden, ergibt sich, dass der Anteil der verlegten Fälle in den großen Krankenhäusern mit mehr als 800 beziehungsweise mit 600 bis 799 Betten bei 16 Prozent beziehungsweise 13 Prozent lag und mit abnehmender Krankenhausgröße zunahm. In Krankenhäusern mit bis zu 149 Betten lag der Anteil der intensivmedizinisch versorgten COVID-19-Fälle mit Verlegung in ein anderes Krankenhaus bei 21 Prozent. Die Verteilung ist damit ähnlich wie im Jahr 2020 (eGrafik 4).

Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen
eGrafik 4
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen

Schwere Verläufe

Untersucht wurden darüber hinaus weitere Kennzahlen zur stationären COVID-19-Versorgung von Januar bis Mai 2021 nach Bettengrößenklassen, etwa die mittlere Anzahl der Behandlungsfälle pro aufgestelltem Bett beziehungsweise der intensivmedizinischen Fälle pro Intensivbett oder der Wegverlegungsquoten auch für alle stationären Patienten (Tabelle 2). In der letzten Spalte erfolgt eine Betrachtung innerhalb der Gruppen: Bezogen auf alle Behandlungsfälle mit COVID-19 war der Anteil der intensivmedizinisch versorgten Fälle in den 81 Krankenhäusern mit mehr als 800 Betten mit 33 Prozent am höchsten und in den 537 Krankenhäusern mit bis zu 149 Betten mit 17 Prozent am geringsten.

Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31. Mai): Versorgungskennzahlen nach Bettengrößenklassen
Tabelle 2
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31. Mai): Versorgungskennzahlen nach Bettengrößenklassen

Prof. Dr. med. Reinhard Busse,

Dr. PH Ulrike Nimptsch

eGrafiken im Internet:
www.aerzteblatt.de/211910
oder über QR-Code

Behandlungen in Zusammenhang mit COVID-19: Kennzahlen; für 2021 nur bis 31. Mai
Tabelle 1
Behandlungen in Zusammenhang mit COVID-19: Kennzahlen; für 2021 nur bis 31. Mai
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31. Mai): Versorgungskennzahlen nach Bettengrößenklassen
Tabelle 2
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31. Mai): Versorgungskennzahlen nach Bettengrößenklassen
Anzahl Behandlungsfälle mit COVID-19 nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
eGrafik 1
Anzahl Behandlungsfälle mit COVID-19 nach KW der Aufnahme 2020 und 2021 (bis KW 18) vs. 2019
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31. Mai): Anteil wegverlegt in anderes Krankenhaus
eGrafik 2
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31. Mai): Anteil wegverlegt in anderes Krankenhaus
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen
eGrafik 3
Behandlungsfälle mit COVID-19 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen
eGrafik 4
Behandlungsfälle mit COVID-19 und intensivmedizinischer Versorgung 2021 (bis 31.Mai): Versorgungsanteile nach Bettengrößenklassen

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