ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2021Rationale Muskelkrampfbehandlung: Wenn die Wade krampft

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Rationale Muskelkrampfbehandlung: Wenn die Wade krampft

Schumann, Carsten

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Muskelkrämpfe sind ein ubiquitäres Phänomen und eine häufige Nebenwirkung von Arzneien. Viele Patienten greifen selbst zu Magnesium oder resignieren. Da aber mit ausgesuchten Übungen und Chinin bessere Behandlungen zur Verfügung stehen, ist therapeutischer Nihilismus unangebracht.

Foto: TANABOON/ 9stock.adobe.com
Foto: TANABOON/ 9stock.adobe.com

Muskelkrämpfe, insbesondere nächtliche, sind häufig. Vereinzelt treten sie bei jungen Erwachsenen, besonders Sportlern, mit einer Häufigkeit von über 90 % auf. Die Frequenz nimmt mit dem Alter zu, sodass 33–50 % der älteren Erwachsenen jenseits von 65 Jahren regelmäßig – mindestens 1-mal pro Woche – an Muskelkrämpfen leiden (1). Sie stellen somit eine wiederkehrende Beschwerde sowohl in der allgemeinmedizinischen als auch neurologischen Sprechstunde dar.

Es handelt sich um tastbare und schmerzhafte Verhärtungen der Muskulatur. Sie sind selbstlimitierend und hören meist binnen weniger Minuten auf. Bei lang anhaltenden Muskelkrämpfen kann es zu Schmerzen in der betroffenen Muskulatur kommen, die über den eigentlichen Krampf hinaus anhalten.

Dies ist bei der Anamnese zu beachten, da gelegentlich Betroffene über mehrere Stunden anhaltende Muskelkrämpfe berichten. In Abhängigkeit der Schwere und der Häufigkeit des Muskelkrampfs kann die Lebensqualität deutlich beeinträchtigt sein. Mitunter sind die Schlafqualität und die Leistungsfähigkeit im Tagesverlauf reduziert. Dabei stehen mit den richtigen Übungen und der Chinintherapie geprüfte Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Warum ein Muskel krampft

Pathophysiologisch entstehen Muskelkrämpfe durch hochfrequente Entladungsserien der motorischen Einheiten mit etwa 50 und 150 Hz (2). Dies konnte während Muskelkrämpfen elektromyografisch nachgewiesen werden. Sie sind Ausdruck einer neurogenen Übererregbarkeit. Darüber hinaus scheinen zusätzlich spinale Faktoren wie der Wegfall inhibitorischer Einflüsse an den Vorderhornzellen bedeutsam zu sein (3).

Schmerzhafte Muskelkrämpfe im Rahmen körperlicher Belastung wurden vor mehr als 100 Jahren bei Arbeitern in Minen und auf Dampfschiffen beschrieben: Sie arbeiteten unter warmen und feuchten Bedingungen. Vermutlich war es die Dehydratation und der Elektrolytverlust, welche das Auftreten der Muskelkrämpfe begünstigte. Insofern ist es auch nicht verwunderlich, dass Muskelkrämpfe bei Sportlern häufig ein großes Problem darstellen. Auch bei ihnen wird das Auftreten der Muskelkrämpfe durch eine Dehydratation und Elektrolytstörungen begünstigt.

Muskelkrämpfe sind ein Symptom und beeinträchtigen eine Vielzahl von Menschen. Ein häufiges Problem sind sie nicht nur bei Sportlern, sondern auch im Rahmen von neurologischen oder internistischen Erkrankungen. Sie können aber auch spontan und ohne erkennbare Ursache auftreten. Die meisten Betroffenen haben bereits ohne ärztliche Rücksprache Magnesiumpräparate versucht.

In zahlreichen Untersuchungen ist gezeigt worden, dass mit dem Alter die Frequenz von Muskelkrämpfen zunimmt (4). Je nach Studie liegt die Häufigkeit ab dem 60. Lebensjahr bei etwa 30–50 %, Frauen sind eher betroffen als Männer (5). Insbesondere bei den Älteren muss auch an medikamentös induzierte Crampi gedacht werden (Tabelle). Die Frequenz der Muskelkrämpfe ist interindividuell sehr unterschiedlich. Etwa 2 % der Betroffenen klagen mindestens 2-mal pro Woche darüber. Die Häufigkeit der Crampi ist nicht homogen über das Jahr verteilt, sie nimmt während des Sommers zu (6).

Muskelkrämpfe: medikamentöse Auslöser, Vorerkrankungen, Diagnostik
Tabelle
Muskelkrämpfe: medikamentöse Auslöser, Vorerkrankungen, Diagnostik

Diagnostische Kriterien

Die Anamnese von Patienten mit Muskelkrämpfen ist für die Diagnose entscheidend. Wichtige Differenzialdiagnosen lassen sich bereits im Gespräch gut differenzieren (7).

Üblicherweise handelt es sich um einen starken Schmerz, der meist im Bereich der Wade oder des Fußgewölbes lokalisiert ist. Der Schmerz hält für wenige Sekunden bis maximal 10 Minuten an. Auch nach dem Krampf kann ein Schmerz noch persistieren. Häufig kommt es zu Schlafstörungen.

Differenzialdiagnostisch sollte an ein – anamnestisch gut abgrenzbares – Restless-legs-Syndrom (RLS) gedacht werden. Die Patienten beschreiben einen Bewegungsdrang meist der Beine. Dieser ist häufig assoziiert mit unangenehmen Missempfindungen wie beispielsweise Kribbeln oder Brennen. Die Beschwerden treten häufig in Ruhephasen auf und bessern sich durch Herumlaufen und durch körperliche Aktivität. Der Schlaf kann ebenso beeinträchtigt sein. Schmerzen sind beim RLS nachrangig und die Beschwerden bessern sich im Gegensatz zu den Muskelkrämpfen durch Bewegung.

Die Lokalisation der Krämpfe ist zu erfragen. Sofern sie häufig am Rumpf, den Armen oder den Oberschenkeln auftreten, sollte der Patient zur Mitbeurteilung neurologisch vorgestellt werden. Anamnestisch ist zu klären, ob es Hinweise für Muskelerkrankungen in der Familie gibt. Es ist wichtig, eine vollständige Medikamentenanamnese zu erheben. Häufig leiden ältere Patienten unter Muskelkrämpfen und hier stellt die Polypharmazie ein ernsthaftes Problem dar. Zahlreiche Medikamente können das Auftreten von Muskelkrämpfen begünstigen. Am häufigsten scheint diese Problematik unter Diuretika, Statinen und unter inhalativen Beta-2-Sympathomimetika aufzutreten (8).

Eine neurologische Abklärung sollte erfolgen, sofern sich Hinweise für eine Schädigung des ersten Motorneurons ergeben. Gesteigerte Reflexe, verbreiterte Reflexzonen, Pyramidenbahnzeichen, Muskeltonuserhöhung und spastische Paresen in der Untersuchung sind Hinweise für eine derartige Erkrankung. Auch bei Hinweisen für eine Schädigung des 2. Motoneurons sollte eine neurologische Mitbeurteilung erfolgen. Klinisch imponiert dies durch schlaffe Paresen, Muskelatrophie und Reflexausfälle. Erkrankungen des 2. Motorneurons wie Polyneuropathien oder Radikulopathien können zu Muskelkrämpfen führen.

Symptomatische Muskelkrämpfe können beispielsweise im Rahmen körperlicher Anstrengung oder einer Schwangerschaft auftreten. Zahlreiche internistische Erkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörung, Diabetes mellitus, Hämodialyse, Leberzirrhose begünstigen das Auftreten von Muskelkrämpfen. Zur weiteren Abklärung sollte eine orientierende neurologische Untersuchung auch hausärztlich erfolgen. Hierbei sollte auf Paresen, Muskelatrophie, Reflexdifferenz und Sensibilitätsstörungen geachtet werden.

Bevor eine Therapie eingeleitet und bewertet wird, sollte zunächst der Status quo erhoben werden. Dies ist entscheidend, um später die Wirksamkeit der ergriffenen Maßnahmen zu bewerten. Der Patient sollte für etwa 4 bis 8 Wochen die Häufigkeit und die Schwere der Muskelkrämpfe erfassen. Er sollte potenzielle Auslösefaktoren wie beispielsweise Alkohol meiden.

Dehnübungen sind effektiv

Die Behandlung von Muskelkrämpfen lässt sich in nichtmedikamentöse und medikamentöse Maßnahmen unterteilen. Nichtmedikamentöse Therapien werden sowohl in der Prävention als auch in der Akuttherapie angewandt. Der Patient sollte über die Sinnhaftigkeit regelmäßiger Dehnübungen der betroffenen Muskulatur informiert werden (9). Hierdurch kann er effektiv die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Muskelkrämpfen reduzieren. Regelmäßige Dehnübungen sollten mehrmals am Tag für circa 30 Sekunden durchgeführt werden. Die Übungen sollten 3-mal wiederholt und zwischen den Durchgängen Pausen von wenigen Sekunden eingehalten werden (10).

Regelmäßig Dehnen
Abbildung
Regelmäßig Dehnen

In der Akutbehandlung kann der Muskelkrampf durch Anspannung der antagonistischen Muskulatur über die einsetzende reziproke antagonistische Hemmung beendet werden. Hierbei hemmen Renshaw-Interneurone über Ia-Interneurone den Antagonisten (Inhibitorische Wirkung auf das α-Motorneuron des Antagonisten). Eine kräftige Dehnung des betroffenen Muskels kann ebenfalls zur Unterbrechung des Krampfes führen (sogenannte autogene Hemmung durch Golgi-Sehnenrezeptoren) (11).

Nicht nur Magnesium

Die medikamentöse Behandlung der Muskelkrämpfe beruht im Wesentlichen auf der Therapie mit Chinin. Gemäß der neurologischen Leitlinie sollte zunächst ein Versuch mit der Gabe von Magnesium aufgrund des günstigen Nebenwirkungsprofils durchgeführt werden – auch wenn die Wirksamkeit nicht ausreichend belegt ist. Je nach Alter und Geschlecht liegt die empfohlene Tageszufuhr für Magnesium gemäß den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung bei 300–400 mg pro Tag. Es gibt zahlreiche Hersteller von Magnesiumpräparaten, häufig liegen deren Dosierungen ebenfalls bei 300 oder 400 mg pro Tablette/Kapsel. Es sind auch deutlich höher dosierte Präparate erhältlich. Im Zusammenhang mit der Einnahme von Magnesium kann es zu Durchfällen kommen. Insbesondere bei einer bestehenden Niereninsuffizienz muss die Gefahr einer Hypermagnesiämie beachtet werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt eine Tageshöchstdosis von 250 mg, da Magnesium zusätzlich über die Nahrung aufgenommen wird und insofern eine Überdosierung möglich sein kann (12).

Der Nutzen von Magnesium in der Vorbeugung von Muskelkrämpfen scheint insgesamt jedoch sehr begrenzt zu sein. Die meisten Betroffenen haben Magnesium bereits versucht, bevor sie einen Arzt aufgrund ihrer Beschwerden aufsuchen.

Die Gabe von Chinin zur vorbeugenden Behandlung von schmerzhaften Muskelkrämpfen ist etabliert und durch Studien belegt. Insofern wird diese Therapie auch in der aktuellen neurologischen Leitlinie empfohlen (1). Den französischen Chemikern Pierre Pelletier und Joseph Caventou gelang es 1820, den eigentlichen Wirkstoff Chinin aus der Rinde der Cinchona-Bäume zu extrahieren und in reiner Form darzustellen. Chinin ist schlecht wasserlöslich. Die Lösbarkeit der Chininsalze ist deutlich besser und war Voraussetzung für die Entwicklung von Tabletten. Chinin wird meist in Form des Chininsulfates angeboten.

Eine Cochrane-Analyse aus dem Jahr 2015 bewertete den Einsatz von Chinin zur Behandlung von Muskelkrämpfen und untersuchte Studien, die Chinin gegen Plazebo und gegen Vitamin E testeten (13). Außerdem wurden Kombinationen aus Chinin und Vitamin E sowie Chinin und Theophyllin herangezogen. So wurden 23 Studien mit insgesamt 1 586 Probanden berücksichtigt. In ihnen wurde meist eine Tagesdosis von 300 mg pro Tag (Bandbreite 200–500 mg) eingenommen.

Verglichen mit Plazebo kam es zu einer signifikanten Reduktion der Crampi-Häufigkeit über 2 Wochen um 28 %, die Intensität der Muskelkrämpfe nahm um 10 % ab. Die Anzahl der Nächte mit Muskelkrämpfen wurde um 20 % reduziert. Die Dauer der Muskelkrämpfe wurde durch Chinin nicht beeinflusst. Als Hauptnebenwirkung wurden gastrointestinale Beschwerden beschrieben. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass eine mittelstarke Evidenz für die Reduktion der Intensität der Muskelkrämpfe vorliegt. Für die Reduktion der Häufigkeit der Muskelkrämpfe und der Häufigkeit der Nächte mit Muskelkrämpfen lag eine schwache Evidenz vor.

2010 wurde für die amerikanische Gesellschaft für Neurologie ein Review publiziert (14). Hierfür sondierte man 563 Artikel, von denen 24 Arbeiten in die Publikation Eingang fanden. 13 Studien wurden zur Beurteilung von Chinin herangezogen. Die Autoren bewerteten Chinin als wahrscheinlich wirksam (Level A). Der federführende Autor wies 2015 in einem Leserbrief auf die eingeschränkten Behandlungsmöglichkeiten von Muskelkrämpfen hin. Er betonte, dass Chinin – durch Ärzte verordnet und überwacht – ein ausreichend sicheres Medikament sei und es den Betroffenen nicht vorenthalten werden sollte (15). Dazu muss man wissen, dass Chinin in den USA in dieser Indikation nicht zugelassen ist.

Therapeutisch und vorbeugend

Chininsulfat kann zur Prophylaxe von Muskelkrämpfen verordnet werden, da es zu Veränderungen im Bereich der neuromuskulären Übertragung führt. Es verlängert die Refraktärzeit durch direkte Wirkung auf die Muskelfaser. Es vermindert die Erregbarkeit an der motorischen Endplatte, eine Wirkung ähnlich der von Curare. Außerdem beeinflusst es die Verteilung von Kalzium in der Muskelfaser. Über diese Mechanismen wird die Schwelle für eine Reaktion des Muskels auf einen einzelnen maximalen Reiz erhöht. Die Bereitschaft zu einer tetanischen Kontraktion nimmt ab.

Chininsulfat weist eine hohe orale Bioverfügbarkeit (> 85 %) auf und wird überwiegend im oberen Teil des Dünndarms resorbiert. Die höchsten Plasmakonzentrationen werden etwa 1–3 Stunden nach Einnahme erreicht. Die Plasmahalbwertszeit liegt bei etwa 11 Stunden. Die Plasmaeiweißbindung beträgt 70 %.

Die Behandlung mit Chininsulfat beginnt mit 200 mg nach dem Abendessen. Der Behandlungserfolg kann etwa nach 4 Wochen beurteilt werden. Bei Bedarf kann die Dosis auf 400 mg gesteigert werden. Insbesondere zu Beginn der Therapie sollten die Betroffenen die Häufigkeit und die Intensität der Muskelkrämpfe dokumentieren, um die Wirksamkeit besser abschätzen zu können.

Zahlreiche Nebenwirkungen, die im Zusammenhang mit Chininsulfat beschrieben wurden wie beispielsweise eine Schädigung des Nervus vestibulocochleares oder des Nervus opticus, sind auf hohe Plasmakonzentrationen zurückzuführen. Derartig hohe Plasmakonzentrationen werden in der Prophylaxe von Muskelkrämpfen nicht erreicht, da hierfür maximal 400 mg täglich gegeben werden. Dabei sind Plasmakonzentrationen deutlich unter 7 μg/ml zu erwarten. In Malariatherapie ist dies ganz anders. Die Erhaltungstherapie für einen 70 kg schweren Patienten liegt dann bei bei 2 100 mg/d (16).

Chininsulfat darf nicht in der Schwangerschaft und der Stillzeit angewendet werden. Es ist bei Bradykardien und Herzrhythmusstörungen kontraindiziert, da es zu einer Verlängerung der QT-Zeit kommen kann. Auch sollten regelmäßige Kontrollen der Elektrolyte bei gleichzeitiger Anwendung von Diuretika oder Laxantien erfolgen.

Zahlreiche Medikamente können die QT-Zeit verändern. Dies ist in der Kombination mit Chininsulfat zu berücksichtigen, da es seinerseits zu einer Verlängerung des QT-Intervalls führen kann. Patienten mit vorbestehendem QTc-Intervall > 500 ms sollten nicht mit Chininsulfat behandelt werden.

In sehr seltenen Fällen kann sich unter der Behandlung mit Chininsulfat eine thrombozytopenische Purpura entwickeln. Derartige immunvermittelte Reaktionen unter Chinin haben zu einer erheblichen Verunsicherung der behandelnden Ärzte geführt. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass Patienten mit Muskelkrämpfen häufig eine wirkungsvolle Behandlung vorenthalten wird. Typischerweise treten nach bis zu einer Woche der Einnahme oder bei intermittierender längerer Einnahme petechiale oder ekchymatöse Blutungen als Hinweise auf eine Thrombozytopenie auf. Auch neu aufgetretenes Nasen- oder Zahnfleischbluten oder gastrointestinale Blutungen sollten daran denken lassen. Thrombozytopenien treten unter zahlreichen Arzneien wie Cotrimoxazol, Rifampicin, Carbamazepin, Diclofenac, Ibuprofen, Vancomycin, Heparin und Chinin auf (17). Unter der Behandlung mit Chininsulfat ist eine medikamentös-induzierte Thrombozytopenie sehr selten. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beschrieb 81 Fälle seit 1978, darunter einen Todesfall (18).

Zahlreiche Medikamente werden über die Leber verstoffwechselt. Insbesondere über das Cytochromsystem. Die Medikamente oder ihre Metaboliten können hier selbst Substrat sein oder aber die Enzyme inhibieren oder induzieren. Chininsulfat wird hauptsächlich in der Leber über CYP 3A4 hydroxyliert und hat deshalb ein hohes pharmakokinetisches Interaktionspozential. Es inhibiert CYP 2D6 und hemmt außerdem das P-Glykoprotein. Chininsulfat kann die Wirkung von Digitalispräparaten und Muskelrelaxanzien traditioneller verstärken. Die Wirkung oraler Antikoagulanzien kann ebenfalls verstärkt werden, da Chininsulfat die hepatische Produktion Vitamin-K-abhängiger Blutgerinnungsfaktoren vermindern kann.

Fazit

Zusammenfassend sollte Patienten mit schmerzhaften Muskelkrämpfen eine Behandlung nicht vorenthalten werden. Die weiterführenden Maßnahmen sollte die Medikamentenanamnese und die Begleiterkrankungen berücksichtigen, außerdem die indizierte Labordiagnostik und eine orientierende neurologische Untersuchung. Vermutlich haben die Betroffenen bereits im Vorfeld Magnesium in entsprechender Dosierung eingesetzt.

Im Rahmen der Aufklärung über die Erkrankung sind nichtmedikamentöse Behandlungsmaßnahmen zu besprechen. Sofern diese Therapiemaßnahmen nicht ausreichend sind, ist eine Behandlung mit Chininsulfat aufgrund der verfügbaren Evidenz angezeigt. Die Kontraindikationen und die Nebenwirkungen von Chininsulfat sind in der ärztlichen Praxis gut beherrschbar und sollten nicht zu einem therapeutischen Nihilismus führen.

Dr. med. Carsten Schumann

Facharzt für Neurologie am Neuro Centrum Odenwald 

Der Autor erklärt, Honorare von Casella-med und Zuwendungen von Novartis, Biogen, Roche, Grünenthal und Sanofi-Genenzyme erhalten zu haben.

Der Artikel unterliegt keinem Peer-Review-Verfahren.

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4221
oder über QR-Code.

1.
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Regelmäßig Dehnen
Abbildung
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Muskelkrämpfe: medikamentöse Auslöser, Vorerkrankungen, Diagnostik
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Muskelkrämpfe: medikamentöse Auslöser, Vorerkrankungen, Diagnostik
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