ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2000Alters-Demenz – Modell Dortmund: Früherkennung und Behandlung

THEMEN DER ZEIT: Aufsätze

Alters-Demenz – Modell Dortmund: Früherkennung und Behandlung

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): A-757 / B-619 / C-579

Beske, Fritz; Kern, Axel Olaf; Oesingmann, Ulrich; Große-Sudhues, Rudolf

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LNSLNS An einer von der Innungskrankenkasse Westfalen-Mitte ihren in Dortmund wohnenden 7 972 Versicherten im Alter von 55 Jahren und darüber angebotenen Früherkennungsuntersuchung der Demenz nahmen 13,6 Prozent der berechtigten Personen teil. An dem Modellvorhaben beteiligten sich 40 Ärzte, die für die Diagnostik einer Demenz geschult wurden. Es konnten 45 Patienten mit primärer und fünf Patienten mit sekundärer Demenz diagnostiziert werden. Bei 31,1 Prozent der Patienten mit primärer Demenz wurde eine Alzheimer-Krankheit, in einem Fall wurde eine Mischform aus vaskulärer Demenz und sonstiger primärer Demenz festgestellt. Der Anteil von vaskulären Demenzen betrug 60 Prozent. Für drei Patienten
erfolgte keine Spezifizierung der Demenz. Bei weiteren fünf Patienten wurden sekundäre, also prinzipiell "reversible", Demenzen diagnostiziert.
Mit einer guten Resonanz bei Ärzten und einer direkten Ansprache von Versicherten durch ihre Krankenkasse können Demenzpatienten erkannt und Testverfahren zur Unterstützung der Demenzdiagnose in der Praxis erfolgreich angewandt werden.
Ziele des Modellvorhabens in Dortmund zur Früherkennung demenzieller Erkrankungen waren über den Zeitraum von zwei Jahren im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Modellvorhabens,
-Versicherte im Alter von 55 Jahren und darüber über demenzielle Erkrankungen und die Bedeutung der Früherkennung zu informieren,
- in Zusammenarbeit mit der Kassenärztlichen Vereinigung Ärzte zu informieren und zu schulen,
- ein Früherkennungsprogramm durchzuführen,
- die Akzeptanz des Früherkennungsprogramms zu ermitteln,
- Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen und gegebenenfalls die Behandlung frühzeitig zu beginnen,
- mit Selbsthilfegruppen ein Betreuungskonzept zu erarbeiten und
- Daten über den Erfolg der Früherkennungsuntersuchung zu erheben.
Das Modellvorhaben wurde vom Arbeitskreis "Gesundheit im Alter" initiiert und von der Innungskrankenkasse Westfalen-Mitte und der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe durchgeführt. Begleitet wurde es von einem wissenschaftlichen Bei-rat. Die Auswertung erfolgte durch die IGSF Institut für GesundheitsSystem-Forschung GmbH Kiel.
Ablauf des Modellvorhabens
Ärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe informierte 416 niedergelassene Fachärzte für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Neurologie über eine mögliche Teilnahme am Modellvorhaben. In einer Fortbildung wurden 40 Ärzte und deren Helferinnen geschult, psychometrische Testverfahren zur Früherkennung einer Demenz einzusetzen und eine Demenz zu diagnostizieren. Die Ärzte konnten ihre Leistungen außerhalb des Budgets abrechnen.
Versicherte. Im Juni 1995 wurden 7 972 Versicherte der IKK Westfalen-Mitte im Alter von 55 Jahren und darüber in einem Schreiben auf die Problematik demenzieller Erkrankungen hingewiesen. Um die Teilnahmerate zu erhöhen, wurden Ende November 1995 diejenigen Versicherten erneut angeschrieben, die nicht geantwortet hatten, zusammen 7 541 Versicherte.
Insgesamt nahmen 1 081 Versicherte eine Früherkennungsuntersuchung in Anspruch, eine Teilnahmequote von 13,6 Prozent.
Ergebnis
Von 378 Frauen und 373 Männern und damit von 751 der 1 081 Personen, die an der Früherkennungsuntersuchung teilnahmen, liegen Erhebungsbogen vor. Für die übrigen Versicherten sind keine auswertbaren Erhebungsbogen verfügbar.
87,2 Prozent gehörten der Altersgruppe 55 bis unter 75 Jahre und 12,8 Prozent der Altersgruppe 75 bis unter 95 Jahre an. Nach der Altersverteilung der Demenz wäre ein höherer Anteil in den Altersgruppen 80 Jahre und darüber zu erwarten gewesen, doch zeigt sich, dass mit zunehmendem Alter die Bereitschaft oder Möglichkeit für Früherkennungsuntersuchungen abnimmt.
Bei 45 der 751 Untersuchten wurde eine primäre Demenz diagnostiziert, ein Anteil von 5,99 Prozent. Bezogen auf 10 000 untersuchte Personen im Alter von 55 Jahren und darüber, wären in einer ähnlichen Untersuchungspopulation 599 bestätigte Demenzfälle zu erwarten. Bei fünf Personen wurde eine sekundäre Demenz diagnostiziert. Der Anteil der bestätigten Demenzfälle in einer vergleichbaren Population würde damit 6,66 Prozent oder 666 bestätigte Fälle pro 10 000 untersuchten Personen betragen (Grafik).
Von den 50 Demenzpatienten waren 26 Frauen und 24 Männer. Der Anteil der über 75-Jährigen ist mit 32 Prozent fast dreimal so hoch wie der Anteil der untersuchten Personen dieser Altersgruppe. Wird davon ausgegangen, dass Personen in einem ho-hen Lebensalter weniger bereit und in der Lage sind, an einem Früherkennungsprogramm teilzunehmen, könnte sich in diesem Unterschied der Altersverteilung die bekannte exponentielle Steigerung der Prävalenz der Demenz mit dem Alter ausdrücken. Besonders erfolgreich ist die Früherkennung der Demenz jedoch in jünge-ren Altersgruppen, ohne damit die Bedeutung der Früherkennung in höheren Altersgruppen infrage stellen zu wollen.
Der Anteil diagnostizierter Patienten, deren Demenzerkrankung bis zur Früherkennungsuntersuchung im Rahmen des Modellvorhabens nicht bekannt war, betrug 84 Prozent. Unter der plausiblen Annahme, dass eine frühzeitig einsetzende Behandlung die therapeutische Chance deutlich erhöht (Post, 1999), ist dies ein wichtiges Ergebnis, das zugleich den Erfolg des Modellvorhabens unterstreicht.
Schlussfolgerung
Das Modellvorhaben hatte die Aufgabe, Versicherte im Alter von 55 Jahren und darüber über die Demenz zu informieren, sie zur Teilnahme an einem Früherkennungsprogramm zu motivieren, die Akzeptanz bei Ärzten und Versicherten zu eruieren sowie Diagnose, Behandlungsmöglichkeiten und Behandlungsbedarf aufzuzeigen. Neben der Informationsfunktion des Mo-dellvorhabens konnten 50 Demenzkranke identifiziert werden, davon
84 Prozent erstmals. Extrapoliert auf 100 000 Untersuchungsfälle, ergäbe das bei einer vergleichbaren Population 6 658 erkannte Fälle.
Die Erkennungsrate bei Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung beträgt pro 100 000 Untersuchungsfälle bei den häufigsten Krebsformen zwischen 42,4 und 141,7 bestätigte Fälle (Staba, 1998). Wird die Quote der entdeckten Demenzpatienten im Modellvorhaben extrapoliert auf 100 000 Untersuchungsfälle, so wären tendenziell bei einer vergleichbaren Population 6 658 Demenzfälle erkannt worden. Damit würde die Früherkennung der Demenz höhere Erfolgsraten aufweisen als die Krebsfrüherkennung. Zumindest dürfte die Erkennungsrate ähnlich hoch sein wie bei Krebserkrankungen. Da die Früherkennung der Demenz eine frühzeitige Therapie ermöglicht und Voraussetzung für die Beratung von Patienten und Angehörigen bietet und eine rechtzeitige Lebensplanung ermöglicht, könnte durch eine Therapie die Pflegebelastung verringert und die Situation pflegender Angehöriger verbessert werden (Wächtler, 1997).
Aufgrund zweier Anschreiben der Innungskrankenkasse in Westfalen-Mitte an die Versicherten in Dortmund im Alter von 55 Jahren und darüber entschieden sich 13,6 Prozent, die angebotene Früherkennungsuntersuchung zur Demenz in Anspruch zu nehmen. Dies ist auch deshalb ein Erfolg, weil das Krankheitsbild Demenz nach wie vor gesellschaftlich wenig akzeptiert ist und Patienten sich die Erkrankung selten eingestehen (Wächtler, 1997). Im Vergleich zur Teilnahme in Dortmund an der Früherkennung der Demenz beträgt die Teilnahmerate bei der 1989 eingeführten Vorsorgeuntersuchung zur Verhütung und Früherkennung von Krankheiten bei Erwachsenen, die für alle Versicherten ab dem 36. Lebensjahr in die vertragsärztliche Versorgung aufgenommen wurde, rund 20 Prozent (Staba, 1998). Damit erreichte die nicht ge-nerell eingeführte Screeninguntersuchung zur Früherkennung einer Demenz im Rahmen dieses Modellvorhabens eine vergleichsweise hohe Akzeptanz.
Mit Hilfe der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe wurden alle 416 niedergelassenen Ärzte der Fachrichtungen Innere Medizin, Neurologie und Allgemeinmedizin in Dortmund über das Modellvorhaben informiert. Die Zahl von 40 teilnehmenden Ärzten mag gering erscheinen, unterstreicht aber die Tatsache, dass Fortbildungsangebote zu Diagnose und Therapie der Demenz notwendig und bei entsprechender Schulung auch erfolgreich sind.
Für den Patienten ergibt sich aus dem Modellvorhaben, dass eine demenzielle Erkrankung frühzeitig diagnostiziert werden kann. Damit ist es möglich, Patienten und ihre Angehörigen rechtzeitig darüber aufzuklären, welche Behandlungsmöglichkeiten besonders bei Alzheimer bestehen.
Während die Früherkennung im Rahmen des Modellversuchs als erfolgreich zu bewerten ist, konnte eine konsequente Behandlung nicht bei allen Patienten erreicht werden. Als Ursache dafür sind folgende drei Gründe denkbar:
1. Bei Patienten im frühen Stadium einer Demenz stehen Verdrängungs- und Verleugnungsprozesse im Vordergrund. Die Einsicht, eine Therapie zu beginnen und konsequent durchzuhalten, forderte eine sehr enge und vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung.
2. Die Ärzte, welche die Diagnostik durchführten, waren nicht die Hausärzte, die den Patienten bereits behandelten. Im Rahmen des Modellversuchs war kein Vorgehen vorgesehen, das den Austausch zwischen untersuchenden und behandelnden Ärzten vorschrieb.
3. Es zeigt sich, dass bei derartigen Projekten der Einsatz eines Monitors sinnvoll ist.
Die meisten Patienten mit demenziellen Erkrankungen werden pflegebedürftig. Überwiegend werden Pflegeleistungen zu Hause durch Angehörige erbracht. Die steigende Zahl gepflegter Personen in stationären Einrichtungen der Altenhilfe verursacht ebenso wie jeder Kranken­haus­auf­enthalt erhebliche Kosten. Bei einer frühzeitigen Erkennung und einem rechtzeitigen Behandlungsbeginn demenzieller Er-krankungen sind Einsparungen zum Beispiel durch die Vermeidung medizinisch unnötiger Kranken­haus­auf­enthalte, durch die Vermeidung oder Verzögerung einer stationären Pflege und durch die Verringerung des häuslichen Pflegeaufwandes zu erwarten. Voraussetzung ist eine verbesserte Akzeptanz der Früherkennung und Frühbehandlung bei Ärzten, Patienten und Kostenträgern.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-757-759
[Heft 12]


Literatur
1. Post SG: Future Scenarios for the Prevention and Delay of Alzheimer Disease Onset in High-Risk Groups. An Ethical Perspective. American Journal of Preventive Medicine 1999; 16: 105 pp.
2. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Gesundheitsbericht für Deutschland. MetzlerPoeschel, Stuttgart, 1998.
3. Wächtler C (Hrsg.): Demenzen. Frühzeitig erkennen, aktiv behandeln, Betroffene und Angehörige effektiv unterstützen. Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1997.


Anschriften der Verfasser
Rudolf Große-Sudhues
Vorstand der IKK Westfalen-Mitte
Burgwall 20
44135 Dortmund


Dr. med. Ulrich Oesingmann
1. Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe
Robert-Schimrigk-Straße 4-6
44141 Dortmund


Prof. Dr. med. Fritz Beske, MPH
Axel Olaf Kern, Dipl.-Volkswirt, Dipl.-Betriebswirt (BA)
Institut für Gesundheits-System-Forschung
Weimarer Straße 8
24106 Kiel


Kontaktanschrift
Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel
Weimarer Straße 8
24106 Kiel

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