ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2021Klimawandel: Gesundheitssysteme anpassen

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Klimawandel: Gesundheitssysteme anpassen

Haserück, André

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Von einer Vorbereitung ihrer Gesundheitssysteme auf klimabedingte Krisen sind die meisten Länder weit entfernt – auch Deutschland. Die Bundesärztekammer spricht sich für umfassende Maßnahmen sowie eine nationale Strategie für eine klimafreundliche Gesundheitsversorgung aus.

Foto: Klima_thodonal/stock.adobe.com
Foto: Klima_thodonal/stock.adobe.com

Ein internationales Forscherteam fordert vor dem Weltklimagipfel dazu auf, den wirtschaftlichen Wiederaufbau nach der Coronapandemie mit dem Kampf gegen den Klimawandel zu kombinieren. Die Verantwortlichen seien dazu aufgerufen, beim Anfang November anstehenden Klimagipfel in Glasgow ambitionierte und konkrete Maßnahmen zu treffen, um das im Pariser Klimaabkommen festgelegte Ziel einer maximalen Erderwärmung von 1,5 Grad noch erreichen zu können, so heißt es im jährlich erscheinenden Lancet-Countdown-Bericht.

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Der Bericht gibt den Konsens von Wissenschaftlern von 38 Hochschulen und UN-Einrichtungen wieder. Demnach nimmt durch den Klimawandel die Wahrscheinlichkeit zu, dass sich verschiedene Krankheiten stärker verbreiten. So würden auch in Europa Ausbrüche von Dengue- oder Zika-Fieber wahrscheinlicher. Im Norden Europas und den USA könnten sich zudem mehr Bakterien ansiedeln, die unter anderem zu Wundinfektionen führen können. Ausreichende Vorbereitungen der Gesundheitssysteme auf kommende Umwälzungen durch den Klimawandel haben laut dem Bericht in den meisten Ländern noch nicht stattgefunden. Nur knapp die Hälfte von 91 untersuchten Ländern gab an, überhaupt eine Bewertung in diesem Zusammenhang vorgenommen zu haben.

Experten der Bundesärztekammer (BÄK), der Charité, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem Helmholtz Zentrum München erstellen seit 2019 jährlich einen flankierenden Policy Brief speziell für Deutschland und sprechen politische Empfehlungen aus. „Es reicht nicht, wenn Einzelne ihr Verhalten ändern. Wir müssen auch die Verhältnisse ändern. Das ist bisher leider an viel zu wenigen Stellen passiert“, betonte Prof. Dr. Dr. med. Sabine Gabrysch, Leiterin der Forschungsabteilung Klimaresilienz am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.

Verantwortlichkeiten klären

Dazu brauche es klare Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen im Gesundheitssektor und in der Politik. Klimaschutz und Klimaanpassung müssten zur Priorität werden, so Gabrysch. „Eine der vordringlichsten Aufgaben der neuen Bundesregierung muss deshalb sein, gemeinsam mit Ländern und Kommunen die Verantwortlichkeiten zur Vorbeugung klimabedingter Gesundheitsgefahren zu definieren und bestehende gesetzliche Vorgaben zu evaluieren“, betonte Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, Präsident der BÄK. Gesundheitseinrichtungen müssten durch ausreichend Personal und räumliche Ressourcen auf Extremwetterereignisse vorbereitet werden. Notwendig sei außerdem eine nationale Strategie für eine klimafreundliche Gesundheitsversorgung. Diese müsse auch den notwendigen Investitionsbedarf für den klimaneutralen Bau beziehungsweise Umbau von Gesundheitseinrichtungen vorsehen.

Laut den Experten aus Deutschland muss zudem der Zusammenhang von Klimawandel und Gesundheit in die Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsberufen einfließen. Wichtig sei auch die Einbeziehung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) und des Bevölkerungs- und Katastrophenschutzes sowie die Erarbeitung von Handlungsszenarien für unerwartete Extremlagen. Der aktuelle Policy Brief könne der neuen Bundesregierung als Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungen zur Umsetzung von Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen dienen. Dass Klimaschutz zugleich auch Gesundheitsschutz bedeutet, wird zudem auf dem 125. Deutschen Ärztetag Anfang November in Berlin ein zentrales Thema darstellen. André Haserück

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