ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2000Opioidabhängigkeit - Der Ultra-Kurz-Entzug - Stand der Literatur und eigene Untersuchungen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Opioidabhängigkeit - Der Ultra-Kurz-Entzug - Stand der Literatur und eigene Untersuchungen: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): A-785 / B-665 / C-633

Gastpar, Markus; Scherbaum, Norbert; Kienbaum, Peter; Peters, Jürgen

Zu dem Beitrag von Dr. med. Norbert Scherbaum, Prof. Dr. med. Markus Gastpar, Dr. med. Peter Kienbaum, Prof. Dr. med. Jürgen Peters in Heft 31-32/1999
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LNSLNS Der Leserbrief von Herrn Prof. Dr. Schmidt, Berlin, unterstützt wesentliche Aussagen unserer Publikation: Der Ultra-Kurz-Entzug dient vornehmlich der Verkürzung der Entzugsdauer. Letztendlich ist diese Methode nur ein Entzugsverfahren mit dem Ziel, das Suchtmittel vollständig und in für den Abhängigen erträglicher Weise aus dem Körper zu entfernen. Die Entwöhnung, also der Aufbau eines drogenfreien Lebens, ist der dann folgende und oftmals schwierigere Therapieschritt. Eine Stärke des Ultra-Kurz-Entzuges liegt in der hohen Anzahl erfolgreich abgeschlossener Entzugsbehandlungen als Voraussetzung für den Einstieg in eine Entwöhnungsbehandlung. Eine Verbesserung der Abstinenzrate, beispielsweise sechs Monate nach Entzug, wird sich jedoch nicht alleine durch eine Modifikation der Entzugsbehandlung herbeiführen lassen. Der Ultra-KurzEntzug ist, wie Herr Prof. Schmidt zu Recht anmerkt, keineswegs die einzig mögliche Alternative zum herkömmlichen auf Methadon gestützten Entzug. Unsere Forschungsgruppe befasst sich zum Beispiel auch mit der Anwendung von Buprenorphin im Opioidentzug und hat dazu erste Ergebnisse vorgelegt (4). In Hinblick auf die von Prof. Schmidt genannten Todesfälle haben wir bei über 40 behandelten Patienten bislang weder Todesfälle noch therapiebedingte Komplikationen beobachtet. Wir gehen davon aus, dass unter qualifizierten intensivmedizinischen Bedingungen diese Risiken minimal sind. !
Herr Dr. Tretter, München-Haar, pflichtet ebenfalls unserer Darstellung des Ultra-Kurz-Entzugs bei. Er stellt interessante Grundsatzfragen zur Evaluation von Opioidentzugsbehandlungen jenseits des spezifischen Problems einer Evaluation des Ultra-Kurz-Entzugs.
Die Intensität des Entzugs wurde in unserer Untersuchung wie auch in analogen Studien anhand der für diesen Zweck weit verbreiteten Short Opiate Withdrawal Scale nach Gossop bestimmt (2). Diese Entzugsskala erfasst die Intensität typischer Entzugssymptome zu einem gegebenen Zeitpunkt. Die Bewältigung des Entzugs im Zeitverlauf ist hiermit, wie von Herrn Tretter angesprochen, nicht ausreichend beschrieben. So trifft man im klinischen Alltag sicherlich Patienten, die einen kurz dauernden, intensiven Entzug, der nach abruptem Absetzen des Heroins auch durch Begleitmedikamente nur teilweise gelindert wird, einem möglicherweise milderen, aber länger dauernden "warmen" Entzug durch schrittweises Abdosieren von Methadon vorziehen. Dies verweist auf die Bedeutung psychischer Faktoren für den Erfolg einer Entzugsbehandlung. Unsere Studie beschränkte sich auf die Evaluation des Ultra-Kurz-Entzugs im Hinblick auf die Dauer und Intensität der Entzugssymptome, die Sicherheit des Verfahrens, die Rate erfolgreich beendeter Entzüge sowie die Rate der Vermittlung der Patienten in eine weiterführende Behandlung. Angesichts der Bedeutung psychischer Variablen korreliert in unserer Untersuchung zum Ultra-Kurz-Entzug, wie auch bei Evaluationen anderer Entgiftungsstrategien (1), die Höhe der Dosis des konsumierten Opioids nicht mit der Dauer und Intensität der Entzugssymptome.
Im Gegensatz zu Herrn Tretter, aber in Übereinstimmung mit anderen (3), halten wir die Halbwertszeit (HWZ) des konsumierten Opioides für einen relevanten Einflussfaktor für den Zeitverlauf der Entzugssymptome. Offensichtlich bestimmt die HWZ des Opioides die Dauer vom Zeitpunkt der letzten Opioideinnahme bis zum Auftreten von Entzugssymptomen. Opioide mit kurzer HWZ, wie Heroin, werden daher mehrmals täglich konsumiert. Methadon unterdrückt bei einmal täglicher Gabe in der Regel das Auftreten von Entzugssymptomen, bei LAAM (L-Alpha-acetyl-methadol) ist sogar eine Verabreichung jeden zweiten Tag möglich, ohne dass Entzugssymptome auftreten. Studien, in denen die Rezeptorbindung von Opioiden im Verlauf des Entzuges für Opioide mit unterschiedlicher HWZ geprüft und zur Intensität der Entzugssymptome in Beziehung gesetzt wurden, sind uns nicht bekannt. Angesichts der heterogenen Symptomatik im Opioidentzug und angesichts der Tatsache, dass durch eine chronische Opioideinnahme unterschiedliche zerebrale und periphere Rezeptorsysteme direkt und indirekt betroffen sind, erscheint ein Modell des von Herrn Tretter vorgeschlagenen "neurochemischen Mobile" zwar hypothetisch attraktiv, ist jedoch bislang nicht durch Daten gestützt. Welche Rolle eine sympathische Aktivierung sowohl im Cerebrum als auch peripher für den Entzugsverlauf spielt, ist sicher eine hochinteressante Frage, die der Klärung bedarf.


Literatur
1. Gossop M, Bradley B, Phillips GT: An investigation of withdrawal symptoms shown by opiate addicts during and subsequent to a 21 day inpatient methadone detoxification procedure. Addict Rehav 1987; 12: 1-6.
2. Gossop M: The development of a short opiate withdrawal scale (SOWS). Addict Behav 1990; 15: 487490.
3. Kleber HD: Opioids - Detoxification. In: Galanter M & M Kleber HD (ed) Textbook of Substance Abuse Treatment, 2. Auflage. Washington, London: American Psychiatric Press 1999; 251-269.
4. Scherbaum N, Kienbaum P, Klein S, Heringhaus A, Paulus HJ, Gastpar M: Rapid detoxification of methadone substituted opiate addicts using buprenorphine. Congress: The future of addiction research and treatment. Mannheim, 1.-2.10.1999.


Dr. med. Norbert Scherbaum,
Prof. Dr. med. Markus Gastpar,
Dr. med. Peter Kienbaum*,
Prof. Dr. med. Jürgen Peters*
Klinik für Psychiatrie und
Psychotherapie
Rheinische Kliniken Essen
Universität GH Essen
Virchowstraße 174
45147 Essen
* Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Universitätsklinik Essen

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