ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2000Diagnose Krebs: „Sie haben noch 92 Minuten zu leben“ - Die Aufklärung im (Spiel-)Film

VARIA: Feuilleton

Diagnose Krebs: „Sie haben noch 92 Minuten zu leben“ - Die Aufklärung im (Spiel-)Film

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): A-787 / B-648 / C-606

Klinkhammer, Gisela

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Arzt sitzt Zeitung lesend hinter seinem Schreibtisch. Als Miki Baum das Sprechzimmer betritt, schaut er kaum auf und verkündet ihm in barschem Ton: "Sie haben Krebs. Einen äußerst aggressiven Krebs." Auf Baums Frage nach der Lebenserwartung fängt der Arzt hektisch an, Berechnungen aufzustellen und stellt schließlich fest: "Sie haben noch genau 92 Minuten zu leben."
In diesem israelischen Spielfilm ("Die 92 Minuten des Herrn Baum", 1997) werde die Aufklärungsszene auf eine ganz besondere Art dargestellt, sagte Dr. med. Kurt Schmidt, Zentrum für Ethik in der Medizin am Markus Krankenhaus, beim "1. Frankfurter Medizinethik-Filmtag", der sich Ende Februar mit dem Thema "Diagnose Krebs - Die Aufklärung im (Spiel-)Film" beschäftigte. Dem Patienten werde ohne Umschweife verkündet, wie lange er noch zu leben habe, und dass er an einem gefährlichen Krebs leide, jedoch werde Baum keinerlei genauere Diagnose mitgeteilt, und dieser fragt auch nicht nach. "Die Prognose ist ihm offenbar wichtiger als die Diagnose", folgert Schmidt. Der Arzt selbst bezeichnet die mathematische Exaktheit, mit der er die Lebenserwartung ausrechnet, als "humane Medizin".
Ein zweites Beispiel: der US-amerikanische Film "Love Story" aus dem Jahr 1969. In diesem Film lassen die jungverheirateten Jennifer und Oliver untersuchen, warum ihr Kinderwunsch unerfüllt geblieben ist. Nach einer Konsultation teilt der Arzt dem Ehemann (!) mit, dass Jennifer unheilbar krank sei. Eine Diagnose nennt er ebenfalls nicht. Auffällig in dieser Szene ist nach Auffassung Schmidts, dass der Arzt nicht mit der Patientin selbst, sondern mit dem Ehemann spricht. Eine Diagnose wird während des gesamten Gespräches nicht genannt und von Oliver auch nicht erfragt. Jan Sellmer vom Institut für Neue Deutsche Literatur und Medien der Universität Kiel stellte fest, dass Spielfilme in der Regel vom normalen Leben ausgehen und die Wirklichkeit reflektieren. Die Erzählperspektive ist meistens die des Patienten. Die Mitteilung der Krankheit ist der "dramatische Krisenpunkt, der die Geschichte initiiert und beschleunigt". Der mitteilende Arzt werde dem Patienten als Instanz gegenübergestellt. Generell werde in Spielfilmen, so Sellmer, für die Krankheit auf romantische, beschönigende Klischees zurückgegriffen. Leiden werde lediglich an der Therapie und nicht der Krankheit selbst festgemacht.
Auch im Fernsehen spielt das Thema Krebs eine nicht unerhebliche Rolle, wie ZDF-Redakteur Gunnar Petrich erläuterte. Krebs bei Kindern sei sogar ein "Superthema", habe ihm einmal eine Lokaljournalistin gesagt. In den Jahren 1988 bis Februar 2000 habe dpa 3 808 Beiträge mit Stichwort Krebs veröffentlicht. Noch größer sei allerdings das Interesse am Thema Aids. 5 281 dpa-Meldungen hätten sich im selben Zeitraum mit dieser Krankheit beschäftigt.
Beispiel für eine geglückte Beschäftigung mit Krebs im Fernsehen ist für den ZDF-Redakteur die so genannte Doku-Soap "OP - Schicksale im Klinikum" gewesen. Die Serie habe sich realistisch mit der Krankheit und ihren Auswirkungen auf die Patienten befasst. Petrich befürchtet, dass es für ruhige, ernste Dokumentar-, aber auch Spielfilme zu dieser Thematik bald keinen Raum mehr in der Fernsehlandschaft geben werde. Heutzutage zählten quotenträchtige, werbewirksame Sendungen. Ein typisches Beispiel für die Jagd nach Quoten sei die zurzeit laufende RTL-2-Sendereihe "Big Brother".
Und wie sehen Aufklärungsgespräche in der Realität aus? Martina Lies, die vor fünf Jahren an Brustkrebs erkrankte, hat bei Ärzten nach der Erstdiagnose "Zeitdruck und mangelndes Einfühlungsvermögen" erlebt. "Ich hatte das Gefühl, dass ich auf einer Zeitbombe sitze, die niemand ernst nimmt." Als man im November 1998 Metastasen in der Lunge diagnostiziert hat, hätten die Ärzte mit Verunsicherung, Entsetzen, Ratlosigkeit und Aktionismus reagiert. Gute Aufklärung und Hilfe habe sie unter anderem von der Deutschen Krebsgesellschaft sowie durch eine Krankenschwester, eine Pfarrerin und Selbsthilfeorganisationen erfahren. Erst zum Schluss ihres Erfahrungsberichts teilte Lies mit, dass sie selbst Internistin ist, was ihre Situation allerdings keineswegs erleichtert habe. Im Gegenteil. Kollegen und Kolleginnen gegenüber reagierten Ärzte oft erst recht verunsichert.
Lies fordert, dass der Arzt bereits im Medizinstudium und während der Weiterbildung in Gesprächsführung ausgebildet werden muss. Alle mit dem Patienten betrauten Personen sollten in das Aufklärungsgespräch einbezogen werden. Das Gespräch sollte sich an der persönlichen Situation des Patienten und seinem Informationsbedürfnis orientieren, ohne ihn zu verunsichern.
Die Heidelberger Onkologin Dr. med. Monika Keller räumte ein, dass es kaum etwas Schlimmeres gebe, als einem Patienten eine todbringende Diagnose zu übermitteln. Nicht zuletzt könnten auch die Patienten zu einer Verbesserung beitragen, wenn sie den Ärzten gegenüber ihre Unzufriedenheit äußerten. Gisela Klinkhammer


Die Serie "OP!Schicksale im Klinikum" beschäftigte sich unter anderem mit dem Schicksal der elfjährigen Lina, die eine so genannte Umkehrplastik erhalten hatte.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema