ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2000Scabies: Wie man Milben zu Leibe rücken kann

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Scabies: Wie man Milben zu Leibe rücken kann

Sass, Wolfgang

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LNSLNS In den 70er-Jahren gab es laut einer Untersuchung der Kieler Universitäts-Hautklinik einen sprunghaften Anstieg von Scabies-Befall. Seitdem lägen die Zahlen auf konstant hohem Niveau, berichtete Dr. Monika Agathos (München) auf einem Workshop der Strathmann AG in Hamburg. Anfangs wird die Scabies oft nicht erkannt. In 25 Prozent der Fälle kommt es zunächst zu Fehldiagnosen. Die Milben werden durch Körperkontakt übertragen. Ihre Gänge liegen im Stratum corneum bis dicht unterhalb des Stratum spinosum. Übertragung durch Bettwäsche ist relativ selten, mit einem Risiko unter eins zu 200. Hauptkennzeichen der Scabies ist extremer Juckreiz, vor allem nachts. Die Primäreffloreszenzen (die Milbengänge) sind fragezeichen- oder kommaförmig. Geradlinige Läsionen sind eher Kratzeffekte. Schwierig zu erkennen ist die "gepflegte Scabies", mit nur einzelnen Effloreszenzen, aber extremem Juckreiz. Rücken und Kopf sind meist frei, außer bei Kleinkindern und dem mitbefallenen Rükken bei Bettlägerigen. Bei alten Patienten mit starkem nächtlichem Pruritus sollte man vor allem vor der Diagnose "Dermatozoenwahn" die Scabies ausschließen. Extremform ist die "Scabies norwegica" ("Scabies crustosa"). Sie tritt bei Immunsupprimierten auf, mit circa zwei Millionen Milben pro Patient und hoher Kontagiosität, dann auch über tote Gegenstände. Einzelne juckende Papeln können auch nach abgeschlossener Therapie bestehen bleiben, besonders bei Atopikern. Scabizide Therapie bleibt dann erfolglos, im Gegensatz zu Corticoiden unter Okklusionsverband. Manchmal ist Exzision nötig.
Die Diagnosesicherung erfordert den Nachweis von Milben, Eiern oder Larven. Dies gelingt in 85 Prozent an Hand und Handgelenken, in 90 Prozent an Hand und Arm, und zwar per Nadelextraktion am Ende des Milbenganges. Da Kleinkinder Angst vor der Kanüle haben, eigne sich bei ihnen besser die Auflichtmikroskopie, betonte Agathos.
Kontakt-, Fraß- und Atemgifte
Zur topischen Scabies-Therapie verwendet werden bei uns hauptsächlich Lindan (Jacutin® Emulsion), Benzylbenzoat (Antiscabiosum® Emulsion) und Allethrin I mit dem Synergisten Piperonylbutoxid (Spregal® Spray). Für die Milben sind dies Kontakt-, Fraß- und Atemgifte.
Lindan wird perkutan resorbiert und ist deshalb bei Schwangeren und stillenden Müttern kontraindiziert. Seine neurotoxische Wirkung kann bei unsachgemäßer Anwendung zu Vergiftungen führen. Benzylbenzoat ist ebenfalls neurotoxisch, wird aber nicht perkutan resorbiert und eignet sich auch zur Behandlung Schwangerer und stillender Mütter. Außerdem riecht die Substanz angenehm. Kontraindikation besteht bei Neugeborenen bis zum ersten Monat, nicht aber bei anderen Problempatienten, wie Säuglingen bis zu einem Jahr und Kleinkindern bis zu fünf Jahren. Kontaktallergien seien bisher nicht aufgetreten, erklärte Dr. Marcus Hubbe (Strathmannn AG). Auch bei den Neugeborenen bis zum ersten Monat, bei denen Kontraindikation besteht, sei bei den vorher bekannt gewordenen Anwendungen kutaner Applikation nichts passiert. Anlass der Kontraindikation seien Infusionszwischenfälle bei unreifen Neugeborenen gewesen.
Allethrin-Piperonylbutoxid-Spray ist ebenfalls neurotoxisch. Aufgrund seiner Spray-Applikationsform kann es zur Resorption über die Lunge kommen. Deshalb sollte es nur in gut belüfteten Räumen verwendet werden. Da die Substanz durch Sonne inaktiviert wird, ist Applikation am Abend wichtig. Augen und Schleimhäute sollten geschützt werden. Auch das Allethrin-Piperonylbutoxid-Spray ist in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Entscheidend ist jeweils sorgfältige Applikation auf das gesamte Integument, "vom Hals bis zu den Zehenspitzen", einschließlich der Fingernägel, gegebenenfalls auch des behaarten Kopfes. Zusätzlich müssen Familie und Kontaktpersonen behandelt werden. Nicht Waschbares darf fünf Tage nicht benutzt werden. Die Milben überleben dann nur 24 bis 36 Stunden. Wolfgang Sass
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