ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2021Interview mit DGP-Kongresspräsident Prof. Dr. med. Gernot Rohde: Lungenkrebsscreening – KI geboostert

MEDIZINREPORT: Interview

Interview mit DGP-Kongresspräsident Prof. Dr. med. Gernot Rohde: Lungenkrebsscreening – KI geboostert

Willen, Christine

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Prof. Dr. med. Gernot Rohde hat als Präsident des diesjährigen DGP-Kongresses dem Thema Lungenkrebsscreening eine eigene Plattform gegeben. Foto: privat
Prof. Dr. med. Gernot Rohde hat als Präsident des diesjährigen DGP-Kongresses dem Thema Lungen­krebs­screening eine eigene Plattform gegeben. Foto: privat

Der Leiter des Schwerpunktes Pneumologie/Allergologie am Universitätsklinikum Frankfurt schildert im Interview die Vorteile von künstlicher Intelligenz für das Lungenkarzinomscreening.

Warum liegt Ihnen das Lungenkrebsscreening am Herzen?

Rohde: Das ist für die Pneumologie ein extrem wichtiges Thema, da viele Karzinome erst in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert werden. Je später die Detektion, desto geringer die Aussicht auf Heilung. Das ist immer eine belastende Situation, nicht nur für den Patienten, sondern auch für den Behandler. Die Vermeidung später Stadien ist auch kosteneffizienter, wenn dadurch auf intensivierte onkologische Therapien verzichtet werden kann.

Das Lungenkarzinomscreening ist meines Erachtens genauso wichtig wie beispielsweise das Darmkrebsscreening oder andere Screenings in der internistischen Onkologie. Wenn die genauen Voraussetzungen dafür definiert sind, ist das eine große Unterstützung für Pneumologen und Onkologen. Darüber hinaus ist die Aufarbeitung von Zufallsbefunden ein wichtiger Aspekt dieses Screenings. Auch davon können die Patienten sehr stark profitieren, denn eine frühe Diagnose ermöglicht eine frühe Therapie.

Welchen Stellenwert haben roboterassistierte Verfahren oder Deep-Learning-Systeme dabei?

Für die flächendeckende Befundung werden diese Systeme noch nicht eingesetzt. Es gibt aber einige Universitätskliniken, die das testen. Die Unterstützung der Diagnostik mit KI hat das große Potenzial, die Sensitivität dieser Untersuchungen zu erhöhen. Mit dem Lungenkrebskarzinomscreening werden zudem anderweitige Zufallsbefunde erwartet, die mit digitaler Unterstützung noch systematischer abgewickelt werden könnten.

Wenn schon ein CT gemacht wird, dann nicht ausschließlich für die Suche nach Rundherden, sondern beispielsweise auch nach strukturellen Lungenerkrankungen oder nach deutlich vergrößerten Herzen oder Wirbelkörperfrakturen. Da gibt es viele potenzielle Nebenschauplätze, die auch eine Rolle spielen werden.

Welche Fortschritte sind in letzter Zeit erfolgt?

Die Fortschritte finden derzeit in der Hard- und Software statt. Moderne CT-Geräte, die in Lungenkrebszentren und Universitäten verfügbar sind, liefern mit einer vergleichsweise niedrigen Strahlendosis und sehr hoher Auflösung bereits viele Informationen. Da wurden in den letzten Jahren durch Optimierung von Scanner-Auflösungen extreme Fortschritte gemacht.

Wenn diese Technik in Zukunft mit neuen KI-Algorithmen kombiniert wird, ist eine weitere Perfektionierung zu erwarten. Etwa, indem direkt definierbar wird, was an einem Rundherd der solide Anteil und was der Milchglasanteil ist.

Welche Herausforderungen gibt es noch bis zur Etablierung?

Ich denke, ein ganz wichtiger Punkt ist die Organisation. Das heißt: Wer genau führt das Screening mit welcher Expertise und in welchem Kontext durch? Ist dies ein Radiologe alleine oder sind es entsprechend geschulte Teams? Lungenkrebszentren und universitäre Zentren verfügen über solch eine interdisziplinäre Expertise, die meines Erachtens dafür notwendig ist.

Denn es geht nicht nur darum, Punkte im CT zu vermessen, sondern auch darum, den gesamten Kontext zu betrachten. Das IQWiG hat das Lungenkrebsscreening mittels Low-Dose-CT bewertet und festgestellt, dass für die Hochrisikogruppe der (ehemals) starken Raucher der Nutzen den möglichen Schaden durch die Röntgenstrahlung – die ja beim LDCT sehr gering ist – überwiegt. Ende 2020 wurde der Abschlussbericht dem GB-A vorgelegt. Aktuell prüft das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) die rechtlichen Rahmenbedingungen. Erklärt es die LDCT zur Früherkennung von Lungenkrebs für zulässig, wird der G-BA über das Screening als neue Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung beginnen. Diese können dann noch einmal bis zu 18 Monate dauern.

Das Interview führte Dr. rer. nat. Christine Willen.

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