ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2021Organspende: Ausgebremster Aufbruch

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Organspende: Ausgebremster Aufbruch

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Zahl der Organspenden in Deutschland ist während der Pandemie zwar nicht eingebrochen, aber auch nicht wie erhofft gestiegen. Die Deutsche Stiftung Organtransplantation wertet die Stabilität positiv, sieht aber bei der Umsetzung neuer gesetzlicher Regelungen noch Luft nach oben.

Foto: picture alliance/Phanie
Foto: picture alliance/Phanie

Die Organspendezahlen in Deutschland sind seit Jahren auf gleichbleibend niedrigem Niveau. Diese Stagnation ist besonders angesichts des gefühlten Aufbruchs durch die vor gut zwei Jahren verabschiedeten gesetzlichen Maßnahmen zur Verbesserung der Strukturen in den Krankenhäusern und zur Förderung der Organspende enttäuschend.

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Dennoch zeigte sich die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) auf ihrer hybriden Jahrestagung Ende Oktober in Frankfurt am Main optimistisch. Vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie bewertet sie die Entwicklung durchaus positiv. „Die Belastungen auf den Intensivstationen haben in Deutschland – im Gegensatz zu anderen Ländern wie beispielsweise Kroatien oder Ungarn – nicht zu Einbrüchen bei der Organspende und Transplantation geführt“, erläuterte der Medizinische Vorstand der DSO, Dr. med. Axel Rahmel.

Zu betrachten seien zwei Tendenzen: Zwar habe die gute Infrastruktur in Deutschland während der Pandemie trotz Personalmangel eine breitflächige Überforderung der Intensivstationen und einen Einbruch von Organspende und Transplantation verhindert, doch sei die angestrebte Steigerung der Organspende ausgeblieben. Die Wirkungen des 2019 in Kraft getretenen „Gesetzes zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende“ und des begleitenden Gemeinschaftlichen Initiativplans Organspende wurden durch die Pandemie ausgebremst.

Stabile Organspendezahlen

Konkret gab es in diesem Jahr bis Ende September 696 postmortale Organspender und 2 182 gespendete Organe (Vergleichszeitraum in 2020: 707 Organspender, 2 301 gespendete Organe). Auch bereits 2020 waren die Zahlen mit 913 postmortalen Organspendern gegenüber 932 in 2019 trotz der im Frühjahr 2020 einsetzenden Pandemie annähernd stabil geblieben (Grafik 1). Auch die exponentiellen Anstiege der Zahl der COVID-19-Patientinnen und -patienten auf den Intensivstationen während der Wellen der Pandemie blieb ohne großen Einfluss auf die Zahl der postmortalen Organspender (Grafik 2).

Postmortale Organspender in Deutschland
Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland
Postmortale Organspender und COVID-19-Patienten auf Intensivstationen (ICU)
Grafik 2
Postmortale Organspender und COVID-19-Patienten auf Intensivstationen (ICU)

Als einen „echten Erfolg“ bewertete dies Prof. Dr. med. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und 1. Vorsitzender des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). „Die Uniklinika haben in der Pandemie nicht nur schwer erkrankte Patientinnen und Patienten versorgt, sondern auch die regionale Koordination der Versorgung der COVID-Patienten übernommen“, erklärte er. Dieser Netzwerkgedanke mit einem Uniklinikum im Zentrum sowie eine klare Aufgabenteilung müssten auch künftig im Mittelpunkt der Krankenhausplanung stehen. So könne man auch der Organspende einen zusätzlichen Schub verleihen.

Man hoffe zudem, dass neben der Entspannung der pandemischen Lage das „Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“ aus 2020, das im März kommenden Jahres in Kraft tritt, eine Trendwende bringe, sagte Thomas Biet, Kaufmännischer Vorstand der DSO.

Viele der bereits seit zwei Jahren geltenden gesetzlichen Neuerungen betreffen die Transplantationsbeauftragten (TxB) in den Entnahmekrankenhäusern. Sie seien das wesentliche Bindeglied zwischen Klinikpersonal und der DSO als Koordinierungsstelle und müssten dringend gestärkt werden, betonte Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Ehrenpräsident der Bundesärztekammer und Vorsitzender des Stiftungsrates der DSO. Trotz der neuen gesetzlichen Regelungen sei das System der TxB noch nicht mit der Effizienz überall so umgesetzt, wie man es sich wünsche, bedauerte er. „Allein durch Gesetzesänderungen gelingt keine Verbesserung, diese müssen auch entsprechend umgesetzt und gelebt werden“, betonte Rahmel.

Lücken bei TxB-Förderung

Diese Forderung untermauert eine Umfrage der Bundesärztekammer vom Sommer unter mehr als 800 TxB, deren erste Ergebnisse auf dem Kongress vorgestellt wurden. „71 Prozent der TxB haben eine hohe intrinsische Motivation und freuen sich über ihre Position“, erklärte Prof. Dr. med. Felix Braun von der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer. Ein Großteil (73 Prozent) sehe ihre Aufgabe aber nicht als Karrierechance. „Wir sollten das drehen, wenn wir eine Kultur der Organspende schaffen wollen“, sagte der am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, tätige Transplantationsmediziner. Zudem würden der Umfrage zufolge lediglich 47 Prozent der TxB für ihre Funktion von ihren sonstigen Aufgaben in der Klinik freigestellt. Da müsse man „nachbohren“: „Nach dem Gesetz sollten es 100 Prozent sein.“ Braun wies auch darauf hin, dass 17 Prozent der TxB keine curriculäre Fortbildung erhalten hätten und sich 75 Prozent TxB-Netzwerke wünschten. Dies bestätigte Dr. med. Kati Jordan, TxB im Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin. „Klinikleitungen müssen in die Pflicht genommen werden und dafür sorgen, dass die im Gesetz verankerte Freistellung nicht nur auf Nachfrage der DSO bejaht, sondern auch wirklich gelebt wird“, forderte sie.

Neues Tool – neue Perspektiven

Anlass für einen optimistischen Blick in die Zukunft war auf dem DSO-Jahreskongress 2021 die Vorstellung des am Universitätsklinikum Dresden entwickelten, automatisierten elektronischen Screeningtools DETECT, das das Personal auf den Intensivstationen bei der Erkennung von Patienten mit einem unmittelbar bevorstehenden oder bereits eingetretenen irreversiblen Hirnfunktionsausfall unterstützt. „Bei der Anwendung des jüngst im Deutschen Ärzteblatt beschriebenen Tools werden kaum potenzielle Spenderinnen und Spender übersehen“, sagte Rahmel. „Das ist eine sensationelle Entwicklung.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Deutschland KW 1 2020–KW 41 2021; Durchschnitt pro Tag je Kalenderwoche

Ø Anzahl Spender pro Tag

Ø Anzahl COVID-19-Patienten auf ICU

COVID-19-Maßnahmen

6

5

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0

KW

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36

38

40

■ Postmortale Spender     ■ ICU

Veränderung zum Vorjahr in Prozent; Januar bis September

829

675

649

672

637

615

719

695

707

696

–7,9 %

–18,6 %

–3,9 %

3,5 %

–5,2 %

–3,5 %

16,9 %

–3,3 %

1,7 %

–1,6 %

2012

2013

2014

2015

2016

2017

2018

2019

2020

2021

Postmortale Organspender in Deutschland
Grafik 1
Postmortale Organspender in Deutschland
Postmortale Organspender und COVID-19-Patienten auf Intensivstationen (ICU)
Grafik 2
Postmortale Organspender und COVID-19-Patienten auf Intensivstationen (ICU)

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