ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2021Ambulante Versorgung: Umfassende Stärkung erforderlich

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Ambulante Versorgung: Umfassende Stärkung erforderlich

Haserück, André

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Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, auf dem Podium der NAV-Bundeshauptversammlung. Foto: Gerog J Lopata
Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, auf dem Podium der NAV-Bundeshauptversammlung. Foto: Gerog J Lopata

Für einen Ausbau der ambulanten Versorgungsstrukturen sprach sich der Virchowbund anlässlich seiner Hauptversammlung aus. Um das deutsche Gesundheitswesen für die Zukunft abzusichern, seien wegweisende strukturelle Veränderungen notwendig.

Die Budgetierung im vertragsärztlichen Bereich habe „enormen“ Schaden angerichtet. Diese Kritik übte Dr. med. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des NAV-Virchow-Bundes, im Rahmen der NAV-Bundeshauptversammlung Ende Oktober in Berlin. Sie habe unter anderem zu Unwuchten bei der Ärzteverteilung, zu deutlichen regionalen Unterschieden bei den Auszahlungsquoten, viel Bürokratie und insgesamt einer verminderten Attraktivität der Niederlassung geführt. Deshalb sprach sich Heinrich für eine Abschaffung der Budgetierung aus.

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Einen ersten politischen Schritt habe es mit dem 2019 in Kraft getreten Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) gegeben, so Heinrich. Er lobte in diesem Zusammenhang ausdrücklich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Allerdings reiche dies noch nicht aus, um die ambulante Medizin im benötigten Umfang ausreichend zu stärken.

Niederlassung stärken

Um die eigene Niederlassung und die Freiberuflichkeit wieder attraktiver zu machen, müsse es ein Ende der Budgets und der Regresse geben. Zudem solle das Leistungsspektrum durch mehr ehemals stationär und dann ambulant zu erbringende Leistungen erweitert sowie die Niederlassungsfreiheit ermöglicht werden, sagte Heinrich. Zu den weiteren Kernforderungen des NAV an die künftige Bundesregierung zählen eine Reform der Notfallversorgung, die Wahrung und Stärkung der ärztlichen Selbstverwaltung sowie ein Ausbau der Medizinstudiumkapazitäten. Insbesondere Letzteres mahnte auch Dr. rer. pol. Dominik Graf von Stillfried, Vorstandsvorsitzender des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi), an. Bedingt durch die zu geringe Zahl von Medizinstudienplätzen und die aufgrund verschiedener Faktoren sinkende ärztliche Arbeitszeit pro Kopf werde die Ressource Arztzeit knapp. Setze sich die bisherige Entwicklung fort, drohe laut Zi-Berechnungen bis zum Jahr 2025 ein rechnerischer Verlust über 37 Millionen Arbeitsstunden pro Jahr – dies entspräche rund 21 000 ärztlichen und psychotherapeutischen Vollzeitäquivalenten.

Zugleich erwarte man aber eine bundesweite Zunahme des Versorgungsbedarfes bis 2035 um etwa vier Prozent. Eine Projektion des Zi geht als Resultat dieser Entwicklungen deshalb davon aus, dass der mittlere ambulante Versorgungsgrad in Deutschland bis 2035 langsam auf 71 Prozent des Jahres 2018 sinken könnte. Der Zi-Vorstandvorsitzende sprach sich in diesem Zusammenhang für innovative Lösungsansätze – wie zum Beispiel intersektorale Versorgungszentren und die stärkere Nutzung der Telemedizin – aus. Die Idee einer Sicherstellung der ambulanten Versorgung durch Krankenhäuser könne nicht funktionieren und sei „nicht praxisrelevant“.

Fachkräftesituation angespannt

Im Vorfeld der Bundeshauptversammlung verwies der NAV nachdrücklich auf einen zunehmenden Fachkräftemangel in den Arztpraxen. Rund 430 000 Medizinische Fachangestellte (MFA) seien derzeit in den rund 100 000 Arztpraxen angestellt – die Zahl stagniere aber bestenfalls, während der Bedarf zunehme. Die gut ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter würden immer öfter von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder Krankenkassenverwaltungen mit besseren Verdienstmöglichkeiten gelockt und abgeworben. Auf der anderen Seite könnten selbst erhebliche Tarifsteigerungen bei den MFA erst mit großer zeitlicher Verzögerung mit den Krankenkassen verhandelt werden. Die Vorgaben für die Honorarverhandlungen zwischen Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband müssten deshalb so angepasst werden, dass Tarif- und Kostensteigerungen unmittelbar einfließen. Zudem sprach sich Heinrich für eine konzertierte Aktion der Landesärztekammern, Kassenärztlichen Vereinigungen und ärztlichen Berufsverbänden aus, die neben einer attraktiven Bezahlung und einer Aus- und Weiterbildungsoffensive auch die Wertschätzung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befördern soll. André Haserück

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