ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Die konservative Orthesenbehandlung bei idiopathischen Skoliosen: Indikation und Therapiegrundsätze

MEDIZIN: Zur Fortbildung

Die konservative Orthesenbehandlung bei idiopathischen Skoliosen: Indikation und Therapiegrundsätze

Hopf, Christof; Edelmann, Peter; Eysel, Peer

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LNSLNS Die Orthesentherapie stellt als konservative Behandlungsform von Skoliosen für die betroffenen Patienten eine erhebliche Einschränkung des täglichen Lebens dar, die insbesondere häufig in die instabile Pubertätsphase fällt. Aus diesem Grund hat der Arbeitskreis Skoliose der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie (DGOT) das gegenwärtige Wissen und die wahrscheinliche Progredienz von idiopathischen Skolioseerkrankungen beraten, um die Voraussetzungen für eine adäquate Beurteilung und zeitgemäße Behandlung dieser Patientengruppe zu definieren. Die optimale Orthesenbehandlung setzt eine hervorragende Kooperation zwischen Arzt, Orthopädietechniker und Krankengymnasten voraus. Nur reproduzierbare Standard-Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule im Stehen gestatten eine sichere Beurteilung des tatsächlichen Krümmungsverlaufs.


Ziel der konservativen Skoliosebehandlung ist die Adaptation von Form und Funktion der deformierten Wirbelsäule an annähernd physiologische Bedingungen. Dazu werden von außen korrigierende Kräfte an die Wirbelsäule herangebracht, deren Kraftrichtung, Stärke, Dauer, Frequenz, Lokalisation und Art differieren. Nach White und Panjabi (1976) gestatten distrahierende Krafteinwirkungen bei ausgeprägten Krümmungen über 53 Grad (Cobb 1948) günstigere Korrekturen als transversale, seitlich quere Krafteinwirkungen, deren Wirkungsgrad aber bei geringeren Skoliosewinkeln günstiger ist. Die konservative Skoliosetherapie hat dies durch die Entwicklung verschiedener Orthesentypen, deren Korrekturmechanismen den möglichen Krafteinleitungen folgen, berücksichtigt. Unterteilt werden können die Orthesen nach Nash (1980) in:
« Orthesen mit distrahierender, axialer Krafteinleitung. Als Prototyp dieser Orthesenform kann die MilwaukeeOrthese (Abbildung 1) bezeichnet werden, deren Halsring den Patienten ständig an eine selbständige Aufrichtung der Krümmung erinnert. Edmonson und Morris (1973) fanden bei 52 Patienten einen durchschnittlichen Korrekturgewinn von 18 Prozent bei den thorakalen und 16 Prozent bei den lumbalen Krümmungen. Bereits 1970 berichteten Moe und Kettelson über eine mittlere Korrektur bei den Thorakalskoliosen von 24 Prozent und bei den hochthorakalen Krümmungen von 10 Prozent. Carr und Mitarbeiter (1980) beobachteten einen thorakalen Korrekturgewinn von 2 Prozent, lumbal und thorakolumbal konnte eine mittlere Korrektur von 4 Prozent festgestellt werden. Keiser und Shufflebarger (1976) beschrieben eine Korrektur von 25 Prozent bei thorakalen und von 20 Prozent bei lumbalen Krümmungen. Im Gegensatz dazu fanden Cochran und Nachemson (1985) einen mittleren Korrekturverlust von 3 Grad, Heine und Götze (1985) von 7 Grad. Lonstein und Winter (1994) faßten ihre Ergebnisse der Milwaukee-Orthese nach der Behandlung von 1 020 Patienten zusammen: 229 Patienten wurden operiert, wobei charakteristisch für das Therapieversagen der Orthese ein Ausgangswinkel über 30 Grad und ein frühes Auftreten der Skoliose waren. Bei den verbleibenden 791 Patienten zeigte sich beim Abschulen von der Orthese eine geringe Verbesserung des Ausgangswinkels von 0 bis 4 Grad. Folgende Merkmale erwiesen sich als prognostisch ungünstige Faktoren: Art und Ausmaß der Skoliose, Patientenalter, Risser-Zeichen und der Zeitpunkt des Eintretens der Menarche bei Mädchen. Die Autoren empfahlen die sofortige Orthesentherapie bei Skoliosen über 25 Grad und einem Risser-Zeichen von 0.
Orthesen mit querer, transversaler Krafteinwirkung. Diese moderneren Orthesen werden unter dem Oberbegriff Derotationsorthesen zusammengefaßt. Vorteile diese Gruppe sind die bessere Anformung an den Körper, eine erhöhte Stabilität und relative Unsichtbarkeit, da sie unter der Kleidung getragen werden und eine sichtbare Kinn-Halsabstützung fehlt. Unterschieden werden Derotations-Orthesen aus Plastik (Chêneau-, Boston-, Wilmington-, CBW-, Cuxhaven-Orthese [Abbildung 2], Vienna-Brace und andere) und Orthesen aus Plastik und Metall (Stagnara- und Riviera-Orthese und andere). Watts und Mitarbeiter (1977) berichteten über sehr günstige Behandlungserfolge bei der Behandlung mit der Boston-Orthese. Hall (1979 und 1984) ging von einem langfristigen Korrekturgewinn von 10 Prozent aus, Laurnen und Mitarbeiter (1983) von mittleren Korrekturgewinnen in der Orthese zwischen 36 und 43 Prozent. Emans und Mitarbeiter (1986) gaben eine verbleibende Korrektur von 11 Prozent an. Willers und Mitarbeiter (1993) fanden bei einer mittleren Beobachtungszeit von 8,5 Jahren, daß Ausgangswinkel, Wirbelrotation, Rippenbuckel und Translation des Scheitelwirbels keine wesentliche Änderung erfahren hatten, gleichzeitig aber eine Progredienz verhindert wurde. Die Ergebnisse der Chêneau-Orthese sind vergleichbar: Frühergebnisse (2, 25) ergaben lokalisationsabhängige mittlere Korrekturen zwischen 20 Prozent und 50 Prozent. Nach Abschulung der Orthese verblieb ein mittlerer Korrekturwert von 14 Prozent (16, 21). Bei Krümmungen zwischen 20 Grad und 29 Grad bestand eine höhere Behandlungseffektivität als bei den Krümmungen über 30 Grad.
In den letzten Jahren ist der Sinn einer Orthesenbehandlung in Frage gestellt worden (26). Auch die Zeitdauer der täglichen Orthesen-Therapie wird diskutiert. Wurde bis vor wenigen Jahren noch generell eine Orthesentherapie von mindestens 23 Stunden täglich befürwortet, so werden heute auch eine kürzere Orthesentragezeit (11) oder das alleinige night-time-bracing empfohlen (32). DiRaimondo und Green (1988) fanden bei nur 15 Prozent der untersuchten Patienten eine hohe Behandlungscompliance, insgesamt wurden die Orthesen nur in 65 Prozent der vorgesehenen Zeit getragen. Edelmann (1992) hingegen berichtete, daß nur 19 Prozent seiner Patienten keine Compliance aufwiesen; seinen Angaben zufolge kann bei einem 23stündigen Tragen des Cuxhaven-Korsetts mit einer Krümmungskorrektur zwischen 9 bis 22 Prozent gerechnet werden. Goldberg und Mitarbeiter (1993), die jeweils 32 Patientinnen (Risser-Zeichen 0) mit und ohne Orthesenbehandlung verglichen, fanden keine Unterschiede im Hinblick auf das Progredienzverhalten.
Die Orthesentherapie stellt eine erhebliche Beeinträchtigung des täglichen Lebens dar, die in die instabile präpubertäre und pubertäre Lebensphase fällt. Aus diesem Grund hat der Arbeitskreis Skoliose der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie (DGOT) das gegenwärtige Wissen um die "natural history" und die wahrscheinliche Progredienz von idiopathischen Skolioseerkrankungen beraten, um — in Anlehnung an die schon veröffentlichten Texte der "Neueinteilung der Empfehlung zur gutachterlichen Bewertung von Personen mit Skoliosen" (17), die "Empfehlung zur sportlichen Betätigung von Patienten mit idiopathischen Skoliosen" (18) und die "Indikation zur Operation bei kongenitalen und neuromuskulären Skoliosen" (19), die Voraussetzungen für eine adäquate Beurteilung zu definieren und eine zeitgemäße Behandlung dieser Patientengruppe zu erleichtern.


Indikation zur Orthesenbehandlung bei idiopathischen Skoliosen
Die Indikation zur Korsettversorgung bei idiopathischen Skoliosen im Wachstumsalter ist von vielen Faktoren abhängig wie dem Skoliose- und dem Rotationsausmaß, dem Röntgenbefund, der Krümmungsfixation, den knöchernen Reifezeichen, der familiären Skoliosebelastung, der Bandlockerheit sowie dem Skoliosetyp, die gemeinsam Auskunft über die wahrscheinliche Prognose zulassen. Eine Korsettversorgung sollte bei nachgewiesener oder begründet zu erwartender Progredienz erfolgen. Unter nachgewiesener Progredienz wird bei Winkelwerten über 20 Grad (Cobb) ein Fortschreiten der Skoliosekrümmung von mehr als 5 Grad innerhalb von sechs Monaten verstanden. Der Indikationsbereich der Korsettversorgung liegt zwischen 20 Grad bis 40 Grad bei mindestens einem Jahr verbleibender Zeit bis zur endgültigen Skelettreife. Bei Skoliosekrümmungswinkeln über 40 Grad Cobb ist in der Wachstumsphase eine Korsettversorgung nur in Einzelfällen sinnvoll. Dieses gilt besonders für infantile und juvenile idiopathische Skoliosen, bei denen noch relativ viel Längenwachstum zu erwarten ist. Hochthorakale idiopathische Skoliosen sind einer konservativen Korsettbehandlung nicht direkt zugänglich. Mit dem Korsett kann aber die Progredienz der Ausgleichskrümmung verhindert werden, deren Ausmaß größer sein kann als die der primären Krümmung. Die Erfolgsaussichten der Orthesenbehandlung bei Skoliosen mit kongenitaler (angeborener) sowie neuromuskulärer Ätiologie folgen nicht den Gesetzen der idiopathischen Skoliose im Hinblick auf das Progredienz-, das Rotations-, das Fixationsverhalten sowie des Krümmungsaufbaus. Aus diesem Grund sollen eventuell anfallende Korsettversorgungen bei Patienten dieser Gruppen in Zusammenarbeit mit einer Spezialabteilung oder Klinik durchgeführt werden, so daß eine eintretende Krümmungsprogredienz zur rechtzeitigen operativen Korrektur führt.


Voraussetzungen zur erfolgreichen Orthesenbehandlung
Die konservative Skoliosebehandlung sollte nur ein in der Orthesentherapie erfahrener Arzt für Orthopädie übernehmen, der mit einem im Korsettbau erfahrenen Orthopädietechniker zusammenarbeitet. Bei der Korsetteingewöhnung sind die Überwachung der Haut, die Hautpflege und das Erlernen der Krankengymnastikübungen von großer Wichtigkeit. Vor einer Korsettversorgung müssen Röntgenaufnahmen der gesamten Wirbelsäule im Stehen in zwei Ebenen in standardisierter Röntgentechnik und in besonderen Fällen Zusatzaufnahmen angefertigt und ausgewertet werden. Das Ergebnis der Korsettversorgung muß unbedingt in einer Röntgenaufnahme der Wirbelsäule im frontalen und sagittalen Strahlengang mit Korsett und röntgendichten, markierten Pelotten überprüft werden. In halbjährlichen Zeitabständen, beziehungsweise bei klinisch erkennbarer Verschlechterung ist eine Röntgenaufnahme der Wirbelsäule im ap.- oder pa.Strahlengang im Korsett anzufertigen. Aus etwaigen Befundveränderungen müssen sofort Konsequenzen, beispielsweise in Form einer Korsettänderung oder einer Überprüfung der Korsettherapie, gezogen werden. Markierte Druckpelotten im Korsett gestatten eine exakte Beurteilung der an die Wirbelsäule herangeführten Kräfte im Röntgenbild. Die Krümmungskorrektur bei der Behandlung einer idiopathischen Skoliose sollte in einer Derotationsorthese innerhalb von drei Monaten 30 bis 50 Prozent gegenüber dem Ausgangswinkel betragen. In maximal dreimonatigen Abständen muß der korsetterfahrene Facharzt den Patienten untersuchen und etwa anfallende Problemfragen beantworten. Der Sitz des Korsettes und der Zustand der Haut am Rumpf müssen regelmäßig überwacht werden. Korsettfreie Zeiten bei orthopädietechnischen Änderungen sollten die in der Therapie übliche korsettfreie Zeit nicht wesentlich überschreiten, dies bedeutet, daß Korsettänderungen an einem Tag innerhalb von Stunden erfolgen müssen.
Für Problemfragen wie Hautrötungen, Druckstellen, Leistendruckschmerz im Sitzen, Druckschmerz am Thoraxrand und technischen Mängeln am Korsett, aber auch Sportproblemen, Urlaubsfragen und Fragen zu etwaigen Auslandsaufenthalten muß der korsetterfahrene Arzt kurzfristig erreichbar sein. Die psychische Betreuung der Patienten und ihres familiären Umfeldes setzt Zeit und Ruhe im Umgang mit den Patienten voraus. Die korsettfreien Zeiten während der Eingewöhnungszeit, Korrekturzeit, Stabilisierungszeit und Abschulung sind unterschiedlich. Während der Zeit der Skoliosekorrektur soll das Korsett möglichst nur eine Stunde am Tag zur Haut- und Körperpflege abgelegt werden. Nach der Stabilisierung der Skoliosekrümmung kann die korsettfreie Zeit zugunsten von Schulsport, Freizeitsport oder Tanzstunde erweitert werden. Eine Röntgenkontrolle der Skolioseeinstellung bei Verlängerung der korsettfreien Zeit wird empfohlen. Sport kann mit und ohne Korsett betrieben werden. Eine Befreiung vom Schulsport sollte in keinem Fall ausgesprochen werden. Schul- und Freizeitsport sind erforderlich für die zusätzliche Muskelkräftigung. Noch günstiger ist die Durchführung der regelmäßigen täglichen krankengymnastischen Übungen. Die krankengymnastische Behandlung reicht bei einer gegebenen Korsettbehandlungsindikation als Therapie nicht aus. Die Krankengymnastiktherapie unterstützt die Korrektur im Korsett in wesentlichem Umfange. Bei zuverlässigen Patienten darf das tägliche krankengymnastische Übungsprogramm in eigener Regie auch über längere Zeit ohne Mitbetreuung einer Krankengymnastin oder eines Krankengymnasten geübt werden. In der Regel kann ein anhaltender Fleiß ohne die Unterstützung einer Krankengymnastin oder eines Krankengymnasten nicht erwartet werden.
Die Korsettentwöhnung oder Korsettabschulung sollte sich nach den knöchernen Reifezeichen an der Wirbelsäule und dem wirbelsäulennahen Beckenkamm orientieren. Bewährt hat sich die Korsettentwöhnung frühestens bei einem Risser-Zeichen 4 bis 5, besser noch bei Risser 5. Selbst bei Abschluß der Reifezeichen sollte das Korsett möglichst noch nachts getragen werden. Die Dauer der Abschulung sollte nicht kürzer sein als sechs Monate. Bei anlagebedingter Überbeweglichkeit sollte die Abschulung eher länger dauern oder später durchgeführt werden.


Abschließende Beurteilung
Die in den letzten Jahren zur Verfügung stehenden Orthesen haben deutliche Fortschritte bei der konservativen Behandlung von idiopathischen Skoliosen zur Folge gehabt. Effektivere Korrekturen und ein verbesserter Tragekomfort haben zu einer größeren Akzeptanz dieses orthopädietechnischen Hilfsmittels geführt. Die Vielfalt der vorhandenen Systeme erfordert aber eine hervorragende Zusammenarbeit aller Beteiligten (Patient – Arzt –Techniker – Krankengymnast), da nur ein fachübergreifendes Behandlungsverständnis zwischen Arzt, Krankengymnast und Orthopädietechniker eine suffiziente Behandlung ermöglicht. Kein Arzt oder Orthopädietechniker ist mit allen Orthesentechniken so gut vertraut, daß er alle Orthesenformen verordnen oder herstellen könnte. Dies ist auch nicht erforderlich. Für den Patienten ist Betreuung durch einen Arzt, der die Indikationsbreite, die Wirkungsweise und die Möglichkeiten des von ihm verordneten Hilfsmittels genau kennt, erforderlich. Mit modernen Derotationsorthesen sollte die Korrektur der Skoliosekrümmung bei der Behandlung einer idiopathischen Skoliose innerhalb von drei Monaten 30 bis 50 Prozent betragen. Dies ist ein wichtiger Hinweis für das Erreichen des Therapieziels.
Wichtig sind eine möglichst frühzeitige Erfassung und Behandlung der Patienten, da dann mit einer besseren Korrektur und einem günstigeren Spätergebnis gerechnet werden kann. Bei nachgewiesener Progredienz einer Krümmung ist eine Orthesentherapie im Wachstumsalter bei einem Skoliosewinkel von 20 Grad bis 40 Grad notwendig. Untersuchungen von Rogala und Mitarbeiter (1978) zum spontanen Verlauf zeigten bei Krümmungen zwischen 20 bis 30 Grad eine Skolioseprogredienz von nahezu 80 Prozent, Sahlstrand und Lidström (1978) befürchteten ebenfalls bei Krümmungen zwischen 15 Grad bis 30 Grad in 80 Prozent der Fälle eine Verschlechterung. Brooks et al. (1975) gaben an, daß bei sehr leichten Skoliosen eine Verschlechterung der Krümmung selten sei. Ponseti und Friedman (1950), Zaoussis und James (1958), Scott und Morgan (1963) und James et al. (1954) stellten eine erhöhte Gefahr der Skolioseprogredienz bei jüngeren Patienten fest. Bunnel (1988) benannte als Progredienzfaktoren Alter und Ausgangswinkel, wobei bei einem Ausgangswinkel von 20 Grad in 20 Prozent, bei einem Ausgangswinkel von 30 Grad in 60 Prozent und bei einem Ausgangswinkel von 50 Grad in 90 Prozent der Patienten eine Skolioseprogredienz zu erwarten sei. Deutliche Hinweise auf die gute Wirksamkeit der Orthesentherapie vor dem Hintergrund der drohenden Krümmungsprogredienz zeigen prospektive Untersuchungen von Nachemson und Peterson (1995), in denen drei Gruppen von Skoliosepatientinnen (n = 286) mit einem Ausgangswinkel zwischen 25 Grad bis 35 Grad verglichen wurden. Korrekturverlust über 6 Grad wurde als Versagen der Orthesentherapie gewertet. Von den 286 Mädchen konnten 247 (86 Prozent) nachuntersucht werden. Bei 17 von 111 Korsettpatientinnen verschlechterte sich die Krümmung. In der Gruppe von 129 beobachteten Patientinnen verschlechterte sich die Krümmung bei 58 Mädchen, ebenso ergab sich eine Krümmungsprogredienz bei 22 von 46 mit der Oberflächenstimulation therapierten Patientinnen. Damit wurde eine deutlich bessere Wirksamkeit der Orthesenbehandlung nachgewiesen. Die Frage der tatsächlichen Wertigkeit einer Orthesenbehandlung kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht abschließend bewertet werden, die prospektive Studie von Nachemson und Peterson (1995) zeigt aber eine günstige Krümmungsbeeinflussung mit diesem orthopädischen Hilfsmittel. Als prädiktive Faktoren des Erfolges einer Orthesentherapie wurden von Upadhyay und Mitarbeiter (1995) eine Reduktion des Skoliosewinkels und der Wirbelkörperrotation während der Orthesenbehandlung bezeichnet, die Progredienz eines der beiden Merkmale unter der Korsetttherapie wurde als Hinweis auf ein Therapieversagen gewertet.
Die Erfolgsaussichten einer Orthesentherapie bei idiopathischen Skoliosen über 40 Grad im Wachstumsalter (Abbildung 3 a und b) sind gering, Skoliosen dieses Ausmaßes sollten operiert werden (Textkasten). Die Voraussetzungen für die adäquate Beurteilung und Behandlung von Patienten mit neuromuskulären und kongenitalen Skoliosen folgen anderen Gesetzen (19). Eine bestehende mögliche Skolioseprogredienz läßt es aber als nicht verantwortlich erscheinen, Patienten mit höhergradigen Skoliosen (mehr als 25 Grad) nicht einer entsprechenden Orthesenbehandlung zuzuführen.
Die Indikation zur Orthesenbehandlung bei idiopathischen Skoliosen sollte nach den aufgeführten geeigneten Richtlinien erfolgen, wobei nur die hervorragende Kooperation aller Beteiligten und reproduzierbare, definierte Standard-Röntgenaufnahmen eine sichere Beurteilung des tatsächlichen Verlaufes gestatten. Der Besuch von Fortbildungskursen erlaubt dem verordnenden Arzt und auch dem Orthopädietechniker einen hohen Versorgungsstandard. Weitere Voraussetzungen sind Routine bei der Behandlung, und die Orthesenversorgung darf nicht Rarität, sondern muß Bestandteil der täglichen Praxis sein.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1996; 93: A-1904–1907
[Heft 28-29]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis im Sonderdruck, anzufordern über die Verfasser


Anschrift für die Verfasser:
Priv.-Doz. Christof Hopf
Leiter des Arbeitskreises
Skoliose der DGOT
Orthopädische
Universitätsklinik Mainz
Langenbeckstraße 1 55101 Mainz

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