ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2021Digitalisierung: Ärzteschaft im Strategieprozess

POLITIK

Digitalisierung: Ärzteschaft im Strategieprozess

Haserück, André

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Was jetzt beachtet und getan werden muss, damit die fortschreitende Digitalisierung ihr vorhandenes Potenzial für eine verbesserte Gesundheitsversorgung voll entfalten kann – mit dieser Frage setzt sich ein Digitalausschuss der Bundesärztekammer intensiv auseinander.

Erik Bodendieck, Peter Bobbert und Rebecca Beerheide (Deutsches Ärzteblatt) im Gespräch zur Digitalisierung der medizinischen Versorgung.
Erik Bodendieck, Peter Bobbert und Rebecca Beerheide (Deutsches Ärzteblatt) im Gespräch zur Digitalisierung der medizinischen Versorgung.

Die Digitalisierung werde die medizinische Versorgung und damit auch den Arztberuf „fundamental“ ändern, betonte Dr. med. Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin, Ende Oktober im Rahmen einer von der Bundesärztekammer (BÄK) und dem Deutschen Ärzteblatt organisierten Talkrunde unter Beteiligung der Ärzteschaft.

Anzeige

„In zehn Jahren wird unser Beruf, unsere Profession, unsere Arbeit, die Medizin eine komplett andere sein.“ Zwar seien derzeit realistischerweise noch nicht alle technologischen Entwicklungen abschätzbar, nichtsdestotrotz sei aber zeitnah eine Strategie notwendig, wohin sich die Medizin grundsätzlich entwickeln solle, sagte Bobbert, Vorsitzender des BÄK-Ausschusses „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“.

Dr. med Erik Bodendieck, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer und ebenfalls Vorsitzender des BÄK-Digitalisierungsausschusses, verwies darauf, dass man den Trend, mit Gesundheit Geld zu verdienen, in der analogen Welt bereits seit einiger Zeit erlebe – etwa bei der Übernahme von Leistungserbringereinheiten durch Private-Equity-Gesellschaften. Insofern sei zu erwarten, dass nun auch mit digitalen Ansätzen Versuche erfolgen, in den deutschen Gesundheitsmarkt einzusteigen. Die tradierten Akteure im System, von Krankenkassen und privaten Krankenversicherungen über die Ärzteschaft hin zu weiteren Gesundheitsfachberufen, hegten nun die Sorge, durch große, globale Anbieter „vom Markt gefegt“ zu werden.

Die BÄK lud zu dieser Thematik Entscheidungsträger aus Politik, gesetzlicher und privater Krankenversicherung, ambulanter und stationärer Versorgung, Wissenschaft und Forschung, Verbraucherverbänden, Selbsthilfegruppen, Start-ups sowie der Beraterbranche zu Werkstattgesprächen ein. In diesem Rahmen wurde von den Beteiligten ein Überblick skizziert, mit welchen Änderungen in den nächsten Jahren für das System und für Patientinnen und Patienten sowie mit welchen Herausforderungen für die Ärzteschaft zu rechnen ist. Die Ergebnisse dieser Werkstattgespräche mündeten in dem Diskussionspapier „Thesen zur Weiterentwicklung der ärztlichen Patientenversorgung durch Digitalisierung“.

Die gesammelten und im Thesenpapier aufbereiteten Erkenntnisse sollen grundlegende Entwicklungslinien und Anforderungen aufzeigen, ohne dem Anspruch zu folgen, zu tagespolitischen Aspekten Stellung zu beziehen.

Verantwortung der Ärzteschaft für Versorgungsqualität

Die Qualität der medizinischen Gesundheitsversorgung müsse auch unter sich wandelnden strukturellen und technologischen Bedingungen stets gewährleistet sein – dafür nehme die Ärzteschaft eine „Garantenstellung“ ein, betonte Bobbert im Gespräch. Er warnte in diesem Zusammenhang vor dem möglichen „fatalen“ Eindruck, dass die Digitalisierung Ärztinnen und Ärzte nicht zu interessieren brauche. Derzeit werde die Digitalisierung zwar vorgeblich für, aber eben nicht von der Ärzteschaft gestaltet. Die Entwicklung gehe in die falsche Richtung, wenn die ärztliche Tätigkeit durch die Einbindung digitaler Strukturen und Anwendungen nicht einfacher beziehungsweise besser werde.

Eigene Digitalkompetenzen noch stärker ausbauen

Wolle man aber in Zukunft auch im Rahmen einer sich stetig weiter digitalisierenden Versorgungslandschaft vertrauenswürdiger Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten bleiben, sei es umso wichtiger, entsprechende ärztliche Kompetenzen auf- beziehungsweise auszubauen, betonte Bobbert. Zwar sei die Thematik „Digitales“ im Medizinstudium sowie in der ärztlichen Aus- und Weiterbildung derzeit teilweise schon integriert, künftig werde dies jedoch „definitiv“ eine noch größere Rolle spielen müssen. Nur so lasse sich die erstrebenswerte Unabhängigkeit bei der Kompetenzvermittlung wahren.

Grundsätzlich erlebe er die ärztliche Kollegenschaft als sehr offen für neues Wissen. Dies stelle auch keine Generationenfrage dar – schließlich sei es ureigenstes Wesen der Ärzteschaft, stetig dazu zu lernen. Schon immer habe man in der Medizin neue Kenntnisse und Techniken eingebaut.

Bodendieck warnte davor, sich von dem „nachvollziehbaren Frust“ über technische Probleme und oft noch mangelnde praktische Relevanz der Telematikinfrastruktur (TI) den Blick auf die Gesamtentwicklung versperren zu lassen. Übergeordnetes Ziel bleibe die Implementierung von nutzenbringenden Anwendungen.

Digitale Strukturen und Anwendungen böten viel Potenzial – deutlich über die bloße „Elektrifizierung“ von Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben hinaus. So könne beispielsweise eine sinnvolle und strukturierte Datennutzung positive Beiträge liefern – etwa bei der engen Beobachtung von chronischen Krankheitsverläufen. Dies ermögliche frühzeitiges ärztliches Eingreifen und könne helfen, anderweitig drohende fatale Verläufe zu vermeiden.

Es komme deshalb für die Ärzteschaft darauf an, konstruktiv und versorgungsorientiert an einer Digitalstrategie mitzuwirken und auch eigene Angebote zu machen. Bodendieck verwies darauf, dass man sich als Ärzteschaft mittlerweile offener für die Digitalisierung des Gesundheitssystems zeige, als dies früher der Fall gewesen sei.

Dies sei auch notwendig, um sich an der Beantwortung wichtiger Zukunftsfragen – etwa im Zusammenhang mit dem Einsatz von künstlicher Intelligenz in Diagnostik und Therapie – beteiligen zu können. In Bezug auf Datensammlungen, digitale Anwendungen und KI-Diagnostik werde in Zukunft das „Übersetzen“ in Richtung Patient eine immer größere Rolle spielen.

Dem zustimmend argumentierte Bobbert, es sei für die Ärzteschaft „enorm wichtig“ zu begreifen – und diese Erkenntnis auch umzusetzen –, wie sehr sich die Anspruchshaltung der Patientinnen und Patienten an die ärztliche Kompetenz bezüglich dieser Themen wandle. Zwar würden derzeit selbst „banale Anwendungen“ in der digitalen Welt noch auf „dramatische Art und Weise“ schlecht funktionieren, man dürfe aber nicht – sich im Klein-Klein verkämpfend – die grundsätzliche Entwicklung verpassen. In diesem Fall drohe eine Verlagerung innerhalb der zunehmend digitalisierten Versorgungslandschaft.

Beispielhaft verwies der Berliner Ärztekammerpräsident darauf, dass unter anderem Krankenkassen verstärkt mit eigenen Angeboten an die Patientinnen herantreten würden. Diesbezüglich habe er mehr Bedenken, als er Chancen wahrnehme. Zur zunehmenden Sammlung und Nutzung von Gesundheitsdaten merkte Bobbert an, man dürfe diese Entwicklung weder dämonisieren noch bagatellisieren.

Mitgestaltungsmöglichkeiten konstruktiv nutzen

Selbstkritisch müsse man eingestehen, dass man das Mitspracherecht, und damit auch Mitgestaltungsmöglichkeiten, bei der Digitalisierung in der Vergangenheit ein Stück weit aus der Hand gegeben habe, sagte Bobbert. Dies müsse man sich nun Stück für Stück zurückerarbeiten, indem man von innen heraus konstruktive Lösungen anbiete.

Mit dem Thesenpapier stehe man als Ärzteschaft noch ganz am Anfang des Prozesses, so Bobbert. Die durchaus „schwierige Aufgabe“ sei es nun, konkrete Positionen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen. Wünschenswert sei eine eingehende Diskussion mit möglichst breiter Teilhabe, welche zeitnah in ein „So wollen wir es“ münde. Die Bundesärztekammer und der Digitalisierungsausschuss würden sich auch weiterhin stetig mit dem Themenfeld befassen.

Eine weitgehend digitalisierte Versorgungslandschaft werde es „mit oder ohne die Ärzteschaft“ geben, mahnte Bodendieck. Lasse sich die Ärzteschaft aber auf die technologischen Herausforderungen ein, schaffe Vertrauen in die entsprechenden Kompetenzen und wahre weiterhin die persönlichen Beziehungen zu den Patientinnen und Patienten, dann mache er sich keine Sorgen um die Zukunft des Arztberufes, so sein zuversichtlicher Blick in die Zukunft. André Haserück

Einbringen ausdrücklich erwünscht

Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) hat in fünf Ausgaben das Thesenpapier der Bundesärztekammer zur Digitalisierung aufgegriffen und einzelne Inhalte detailliert zur Diskussion gestellt:

www.aerzteblatt.de/digitalisierung-2021

Die Aufzeichnung des Livestreams der zusammen mit der Bundesärztekammer angebotenen Veranstaltung steht zur Verfügung unter:

www.aerzteblatt.de/events/digitalisierung-2021

Zudem freut sich die Redaktion auf Fragen, Anregungen und Erfahrungen zum Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Schreiben Sie uns an: digitalisierung@aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote