ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2021Augenlinsendosis des Personals bei Durchleuchtung
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Die Strahlenempfindlichkeit der Augenlinse wurde lange Zeit unterschätzt (1). Da Katarakte auch bei sehr niedrigen Dosen beschrieben wurden und möglicherweise kein realer unterer Schwellenwert für eine Linsentrübung existiert (2, 3), empfahl die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) bereits im Jahr 2012 die Augenlinsendosis auf 20 mSv/Jahr zu reduzieren (3). Erst im Jahr 2018 wurde in Deutschland mit dem Strahlenschutzgesetz (StrlSchG) der entsprechende Grenzwert bei beruflich strahlenexponierten Personen von 150 auf 20 mSv/Jahr gesenkt. Ab 1. 1. 2022 muss gemäß Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) von 2018 eine Überwachung der Augenlinsendosis mit speziellen Dosimetern und der Messgröße Hp(3) (Grenzwert 20 mSv/Jahr) erfolgen. Bei vielen Anwendern ist allerdings das Erreichen der für die Überwachung relevanten Dosiswerte (Hp(3) > 15 mSv/Jahr) unrealistisch und es besteht der Bedarf nach einem einfach zu realisierenden Messverfahren zur Überprüfung der Notwendigkeit einer speziellen Augendosimetrie.

In dieser Arbeit wird untersucht mit welchen Dosen für die Augenlinse in Bereichen mit hohen Durchleuchtungszeiten zu rechnen ist, ob dabei die Einhaltung des neuen Grenzwerts von 20 mSv pro Jahr realistisch ist und ob ein übliches vor der Schutzkleidung getragenes Personendosimeter eine konservative, das heißt eine Unterschätzung vermeidende Schätzung der Augenlinsendosis ermöglicht und somit zur Ermittlung der Notwendigkeit einer speziellen Augendosimetrie geeignet ist.

Methode

Über einen Zeitraum von jeweils drei Monaten zwischen März 2020 und Januar 2021 trugen die Teilnehmer zur Abschätzung der Strahlenexposition der Augenlinse drei zusätzliche Dosimeter. Zwei dieser Dosimeter wurden direkt im Bereich der Augen positioniert, eins lateral auf Höhe der Schläfe („Schläfendosimeter“), ein zweites frontal zwischen den Augen („Stirndosimeter“) und ein drittes in Brusthöhe vor der Schutzkleidung („Brustdosimeter“). Zur Ermittlung der Dosiswerte wurden Thermolumineszensdetektoren verwendet, die von der Personendosismessstelle des Materialprüfungsamts Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt und ausgewertet wurden. Die über drei Monate lang erfassten Daten wurden auf die jährliche Personendosis extrapoliert und entsprechend über Teilnehmer und Kliniken gemittelt. Zur Überprüfung, ob ein Hp(0,07)-Dosimeter bei Messung in Brusthöhe über der Schürze eine angemessene konservative Schätzung der Augenlinsendosis ermöglicht (4), wurden die beiden Messmethoden – Messung am Kopf und Messung vor der Schürze auf Brusthöhe – mithilfe des berechneten Pearson-Korrelationskoeffizienten quantifiziert. Die statistische Datenanalyse wurde mit dem Softwaretool IBM SPSS 26 und dem statistischen Auswertungsprogramm R der Version 4.0.3 durchgeführt. Die Erhebungen erfolgten unter Einhaltung der ethischen, datenschutz- und fachrechtlichen Anforderungen. Eine berufsethische und berufsrechtliche Beratung erfolgte durch die Ethik-Kommission der Ärztekammer Hamburg unter der Bearbeitungsnummer PV7216.

Ergebnisse

An der Studie beteiligten sich insgesamt 104 Teilnehmer aus acht unterschiedlichen deutschen Kliniken, davon elf Ärzte aus der interventionellen Radiologie, 57 aus der interventionellen Kardiologie und vier aus der Gefäßchirurgie, zusätzlich beteiligten sich 32 Assistenzkräfte aus der interventionellen Herz- und Gefäßmedizin. In der Tabelle sind die ermittelten Personendosiswerte für die einzelnen Kliniken (gekennzeichnet mit A–H) zusammengefasst. Aus den Messwerten aller Studienteilnehmer errechnen sich als mittlere jährliche Personendosis für das Stirndosimeter Hp(3) = 1,52 (0,01–9,56), für das Schläfendosimeter Hp(3) = 1,66 (0,48–8,69), insgesamt für die Kopfdosimeter Hp(3) = 1,57 (0,01–9,56) und für das Brustdosimeter Hp(0,07) = 3,37 (0,01–23,79) mSv/Jahr. Bei sechs Ärzten lag für das Brustdosimeter der Hp(0,07)-Wert zwischen 10 und 15 mSv/Jahr. Für drei weitere Kardiologen wurden Hp(0,07)-Werte von 15,31; 21,53 beziehungsweise 23,79 mSv/Jahr bestimmt. Durch einen Pearson-Korrelationskoeffizienten von r = 0,73 lässt sich eine hohe Korrelation und somit ein enger Zusammenhang zwischen den beiden Messverfahren bestimmen (Grafik). Die Gegenüberstellung der Messwerte zeigt, dass das Dosimeter auf Brusthöhe insbesondere bei höheren Messwerten eine konservative Abschätzung der Augenlinsendosis ermöglicht.

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Grafik
Streudiagramm der kumulierten Jahresdosen von Hp(3)-Kopfdosimeter versus Hp(0,07)-Brustdosimeter [mSv]; KI, Konfidenzintervall
Jahresdosis und Tragezeit der Dosimeter
Tabelle
Jahresdosis und Tragezeit der Dosimeter

Diskussion

Nach der ICRP-Publikation 139 (4) kann die Augenlinsendosis unter Realbedingungen einfach und sicher mit einem Dosimeter vor der Bleischürze bestimmt werden, eine Aussage, die durch unsere Ergebnisse bestätigt wird (Tabelle). Selbst bei einer konservativen Abschätzung liegt bei entsprechender Anwendung der Schutzmaßnahmen in unserer Studie der durchschnittliche Hp(0,07)-Wert vor der Schürze unterhalb des Jahresgrenzwerts von 20 mSv/Jahr (Tabelle). Allerdings ist von einem Selektionsbias auszugehen, weshalb angenommen werden kann, dass unter nicht optimalen Bedingungen höhere Augendosen auftreten können, wie einzelne Messungen in unserer Studie zeigen.

Schlussfolgerung

Zur Abschätzung der Notwendigkeit und Relevanz einer speziellen Augenlinsendosimetrie, die in Deutschland bei der Möglichkeit von Linsendosen von Hp(3) > 15 mSv pro Jahr zu erfolgen hat, können temporäre Messungen mit einem üblichen Personendosimeter in Brusthöhe vor der Schutzkleidung empfohlen werden. Der so erhaltene Dosiswert stellt eine konservative Abschätzung der Augenlinsendosis dar. Da beispielsweise eine Katarakt auch unterhalb des Grenzwerts nicht auszuschließen ist, empfehlen wir neben einer konsequenten Verwendung eines Bleiacrylschilds auch das Tragen von persönlicher Schutzausrüstung in Form von Strahlenschutzbrillen und Visieren (5).

Christiane Behr-Meenen, Heiner von Boetticher, Olena Lynnyk, Christoph Langer, Jan Felix Kersten, Albert Nienhaus
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP)
(Behr-Meenen, Kersten, Nienhaus), c.meenen@t-online.de

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Abteilung für Medizinische Strahlenphysik, (von Boetticher)

Technische Universität Dortmund, (Lynnyk)

Kardiologisch-Angiologische Praxis · Herzzentrum Bremen, (Langer)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 12. 4. 2021, revidierte Fassung angenommen: 26. 7. 2021

Zitierweise
Behr-Meenen C, von Boetticher H, Lynnyk O, Langer C, Kersten JF, Nienhaus A: Radiation dose to the lens of the eye in medical staff performing fluoroscopy. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 769–70. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0308

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
The 2007 Recommendations of the International Commission on Radiological Protection. ICRP publication 103. Ann ICRP 2007; 37: 1–332.
2.
Strahlenschutzkommission: Strahleninduzierte Katarakte – Empfehlung der Strahlenschutzkommission mit wissenschaftlicher Begründung. Geschäftsstelle der Strahlenschutzkommission: Bonn 2009.
3.
Stewart FA, Akleyev AV, Hauer-Jensen M, et al.: ICRP publication 118: ICRP statement on tissue reactions and early and late effects of radiation in normal tissues and organs--threshold doses for tissue reactions in a radiation protection context. Ann ICRP 2012; 41: 1–322 CrossRef MEDLINE
4.
López PO, Dauer LT, Loose R, et al.: ICRP publication 139: occupational radiological protection in interventional procedures. Ann ICRP 2018; 47: 1–118 CrossRef MEDLINE
5.
Koenig AM, Etzel R, Greger W, et al.: Protective efficacy of different ocular radiation protection devices: a phantom study. Cardiovasc Intervent Radiol 2020; 43: 127–34 CrossRef MEDLINE
Streudiagramm der kumulierten Jahresdosen von Hp(3)-Kopfdosimeter versus Hp(0,07)-Brustdosimeter [mSv]; KI, Konfidenzintervall
Grafik
Streudiagramm der kumulierten Jahresdosen von Hp(3)-Kopfdosimeter versus Hp(0,07)-Brustdosimeter [mSv]; KI, Konfidenzintervall
Jahresdosis und Tragezeit der Dosimeter
Tabelle
Jahresdosis und Tragezeit der Dosimeter
1.The 2007 Recommendations of the International Commission on Radiological Protection. ICRP publication 103. Ann ICRP 2007; 37: 1–332.
2.Strahlenschutzkommission: Strahleninduzierte Katarakte – Empfehlung der Strahlenschutzkommission mit wissenschaftlicher Begründung. Geschäftsstelle der Strahlenschutzkommission: Bonn 2009.
3.Stewart FA, Akleyev AV, Hauer-Jensen M, et al.: ICRP publication 118: ICRP statement on tissue reactions and early and late effects of radiation in normal tissues and organs--threshold doses for tissue reactions in a radiation protection context. Ann ICRP 2012; 41: 1–322 CrossRef MEDLINE
4.López PO, Dauer LT, Loose R, et al.: ICRP publication 139: occupational radiological protection in interventional procedures. Ann ICRP 2018; 47: 1–118 CrossRef MEDLINE
5.Koenig AM, Etzel R, Greger W, et al.: Protective efficacy of different ocular radiation protection devices: a phantom study. Cardiovasc Intervent Radiol 2020; 43: 127–34 CrossRef MEDLINE

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