ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2021Multiple Sklerose: Für schubförmige und progrediente MS sind dieselben Risiken von Bedeutung

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Multiple Sklerose: Für schubförmige und progrediente MS sind dieselben Risiken von Bedeutung

Gerste, Ronald D.

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Foto: Juan Gärtner/stock.adobe.com
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Die Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch demyelisierende Erkrankung des Nervensystems, die vor allem in nördlichen Breiten bei Menschen mit europäischer Abstammung auftritt. Grundsätzlich werden 3 Krankheitsformen unterschieden: die schubförmig remittierende MS (RRMS), die primär progrediente MS (PPMS) und die sekundär progrediente MS (SPMS).

In Schweden hat ein Autorenteam den Einfluss von Risikofaktoren und deren Interaktion mit dem wichtigsten MS-Risikogen, dem humanen Leukozyten-Antigen (HLA)-DRB1*15:01-Allel, in Abhängigkeit von den RRMS und PPMS Verläufe untersucht. Herangezogen wurden dazu die Daten zweier populationsbasierter Langzeitstudien in Schweden, der Epidemiological investigation of multiple sclerosis (EIMS) und der Studie Genes and environment in multiple sclerosis (GEMS). Für jeden der daraus entnommenen MS-Fälle (7 520 Patienten mit schubförmig-remittierender MS und 540 Patienten mit primär progredienter Erkrankung) wurden 2 in Bezug auf Geschlecht, Alter, Wohnort und anderen Faktoren vergleichbare Kontrollpersonen aus dem nationalen Bevölkerungsregister rekrutiert.

Die Informationen zu Umwelt- und Lifestyle-Faktoren wurden mit einem standardisierten Fragebogen erhoben, außerdem wurden die Teilnehmer um Blutproben für genetische und serologische Analysen gebeten.

Die untersuchten Risikofaktoren zeigten jeweils auf die Entwicklung beider MS-Phänotypen einen Effekt – oder bewirkten eher das Gegenteil. Mit einem erhöhten Risiko waren das Rauchen mit einer Odds Ratio (OR) von 1,6 ([95-%-Konfidenzintervall] [1,5; 1,7]) für die remittierende und von 1,9 [1,6; 2,3] für die progrediente Verlaufsform assoziiert, ebenso Adipositas mit einer OR von 1,7 [1,4; 2,0] für die remittierende und 1,8 [1,0; 3,2] für die progrediente Verlaufsform.

Ein weiterer Risikofaktor, der aufgrund der globalen unregelmäßigen Prävalenz der MS erwartet wurde, war eine niedrige Exposition gegenüber Sonnenlicht. Dies galt mit einer OR von 1,3 für beide Phänotypen ([1,2; 1,4] und [1,1; 1,6]). Ebenfalls erwartungsgemäß war das hohe Risiko bei Menschen mit dem Genallel DRB1*15:01. Die OR-Werte betrugen 3,5 [3,3; 3,8] für die remittierende MS und 3,3 [2,6; 4,0] für die progressive-onset MS.

Auch bei hohen Antikörperspiegeln gegen das nukleäre Antigen 1 des Epstein-Barr-Virus (EBNA-1) bestand mit Odds Ratios von 3,0 [2,7; 3,3] und 2,0 [1,6; 2,5] ein erhöhtes Risiko für die remittierende und die progressiv verlaufende MS.

Eher überraschend hingegen dürften folgende Ergebnisse sein: Ein hoher Alkoholkonsum (oberhalb der 75. Perzentile) reduzierte das Risiko, an remittierender MS zu erkranken, um 20 % und das für eine progrediente MS sogar um 50 %. Und auch der Genuss von Schnupftabak ging mit einer um 30 % und 40 % geringeren Erkrankungswahrscheinlichkeit einher (remittierende und progrediente MS).

Fazit: Rauchen, Übergewicht und geringe Sonnenexposition sind Risikofaktoren für Multiple Sklerose, Alkohol hingegen hat möglicherweise für die MS einen risikoreduzierenden Effekt.

„Das Spannende an dieser Studie sind nicht die identifizierten Risikofaktoren an sich – sie waren bereits bekannt – sondern die Tatsache, dass bei der schubförmigen und bei der progredienten MS offensichtlich dieselben Risikofaktoren eine Rolle spielen“, erklärt Prof. Dr. med. Christoph Kleinschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen. „Dies deutet auf ähnliche Mechanismen in der Krankheitsentstehung hin. Dennoch können derartig konzipierte Studien niemals eine Kausalität beweisen, sondern allenfalls Assoziationen“, kommentiert Kleinschnitz.

Dr. med. Ronald D. Gerste

Hedström AK, Hillert J, Olsson T, Alfredsson L: Factors affecting the risk of relapsing-onset and progressive-onset multiple sclerosis. J Neurol Neurosurg Psychiatry 2021; 92: 1096–102.

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