ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2021Klimaschutz: Wenn Menschen gesünder leben

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Klimaschutz: Wenn Menschen gesünder leben

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die furchtbare Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen und die weltweiten Brände und Hitzewellen haben in diesem Jahr nochmals eindrücklich vor Augen geführt, dass neben der Coronakrise noch eine weitere schon lange die Gesundheit der Menschen bedroht: die Klimakrise. Vergangene Woche diskutierten – pandemiebedingt ein Jahr später – die Delegierten des 125. Deutschen Ärztetages (DÄT) in Berlin mit großer Leidenschaft darüber, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Gesundheit der Menschen und das Gesundheitswesen hat. Dabei stand die Frage im Zentrum, was Ärztinnen und Ärzte tun können, um dem Klimawandel Herr zu werden (Seite 2088).

Deutlich wurde, es muss gehandelt werden. Man muss Fakten schaffen, wie mehrfach betont wurde. Zu Recht. Dass das Gesundheitswesen in Deutschland mehr als fünf Prozent der CO2-Emissionen verursacht, wissen viele nicht. Zudem gilt der Klimaschutz oft ausschließlich als Synonym für Verzicht und Einschränkung. Es müssen positive Botschaften sein, um die Bevölkerung zu erreichen. So wie der Name des Tagesordnungspunktes auf dem DÄT: Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Denn: weniger fossile Energieträger zu verbrennen, heißt weniger Luftverschmutzung und damit weniger Atemwegserkrankungen. Mehr Grün in Städten und mehr Fahrradwege bedeuten mehr Möglichkeiten zur Bewegung, ergo positive Auswirkungen auf die Gesundheit. So lassen sich viele Beispiele finden, warum Klimaschutz sich nicht nur wegen sinkender Temperaturen lohnt. Und wer könnten bessere Vorbilder und Vermittler sein als Ärztinnen und Ärzte, die ein großes Vertrauensverhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten haben?

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Dass konsequentes Handeln wirkt, dafür reicht ein Blick zurück. Erinnert sei an die Smogwolken über dem Ruhrgebiet in den 70er-Jahren, die nicht nur dafür sorgten, dass die aufgehängte Wäsche in kürzester Zeit grau wurde, sondern dass im Revier deutlich mehr Menschen an Lungenkrebs starben. Damals war der Umweltschutz gefragt. Und man reagierte, heute bleibt die Wäsche weiß und es gibt weniger Lungenkranke. Auch das Ozonloch schrumpft dank des weltweiten Verbotes von FCKW-Verbindungen.

Ein genauso konsequent umgesetzter Klimaschutz würde die Gesundheit schützen. Das heißt auch: weniger Patienten, weniger Kosten. Klimaschutz kostet nicht nur Geld. Auch wenn es nicht direkt offensichtlich ist, kann man hier gut den Bogen zu einem zweiten sehr wichtigen Thema des DÄT schlagen: der Kommerzialisierung im Gesundheitswesen. Denn sie sorgt nicht nur für eine hohe Belastung des Personals, sondern auch dafür, dass oft Einmalprodukte verwendet werden, deren Klimabilanz katastrophal ist. Wiederaufbereitung, Müllvermeidung und Energieeinsparung sind nur drei Punkte, die direkt angegangen werden könnten. Best-Practice-Beispiele gibt es genug. Warum gibt es dafür noch keinen Klimafonds des Bundes?

Die gute Botschaft des 125. Deutschen Ärztetages lautet: Die Ärzteschaft will handeln. Politik, Länder und Krankenhausträger müssen dies auch tun, indem sie in klimagerechte Strukturen im Gesundheitswesen investieren. Der entscheidende Punkt ist, dass die derzeitigen Berechnungen der Kosten-Nutzen-Rechnung zum Klimaschutz den gesundheitlichen Nutzen außen vor lassen. Das ist fahrlässig und kontraproduktiv.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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